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Winheims Tagebuch
12/06/2020

Als für unterernährte Fußballer der Nikolotag wie Weihnachten war

Vor 75 Jahren wurde das erste Wiener Ländermatch nach dem zweiten Weltkrieg gespielt. Österreich besiegte Frankreich.

von Wolfgang Winheim

Das Flugzeug mit der französischen Nationalelf an Bord hatte in München notlanden müssen. Die anschließende neunstündige Fahrt nach Wien soll ähnlich abenteuerlich gewesen sein, ehe das erste Länderspiel nach dem Krieg in Wien angepfiffen werden konnte. Das war am 6. Dezember 1945, am Nikolotag vor genau 75 Jahren ...

... als Fußballbegeisterte am Weg in den Prater wie Trauben an den viel zu wenigen Straßenbahnen hingen;

... als 55.000 das von Bomben und Granaten noch gezeichnete Stadion füllten;

... als in Gegenwart der Alliierten-Generäle und der österreichischen Regierung (darunter Leopold Figl, der zehn Jahre später aus Moskau den Staatsvertrag mitbrachte) zuerst die Hymnen der vier Besatzungsmächte und danach „Oh Du mein Österreich“ gespielt wurde;

... und als die kaum über Winterkleidung und festes Schuhwerk verfügenden Zuschauer nur das österreichische Spiel erwärmen konnte.

„Aber auch aufseiten des Gegners ist ein Marokkaner namens Larbi Ben Barek zum Liebling des Publikums geworden“, erinnert sich Zeitzeuge Hans Wimmer, der zu Fuß in Stadion gekommen war und heute – 95-jährig – ältestes Mitglied von Sports Media Austria ist. „Weil Barek trickste und ein Spieler mit dunkler Hautfarbe für die Wiener völlig ungewöhnlich war.“

Trotz Bareks Kunststückerln gewann Österreich gegen Frankreich 4:1. Worauf der (damals von den US-Streitkräften herausgegebene) KURIER das Fußballmatch auf Seite 1 würdigte. Gleich unter dem großen Aufmacher, in dem enthüllt wurde, dass Adolf Hitler am 19. März 1945 in seinem letzten Befehl dem Generalstab der deutschen Armee den Auftrag zur vollständigen Verwüstung Deutschlands erteilt habe.

Kultur & Sport als Brot

Im Blattinneren dieser 88. KURIER-20-Groschen-Ausgabe war neben einem wohlwollenden Spielbericht mit Sonderlob für den dreifachen Torschützen Karl Decker auch zu lesen ...

... dass die Universität wegen Kohlenmangels bis auf Weiteres zusperren müsse;

... dass Leitungswasser ab sofort wieder ungekocht getrunken werden könne;

... dass im zerbombten Wien bereits von 13 Theatern plus Volksoper, Konzerthaus, Musikverein sowie von 35 Kinos der Spielbetrieb aufgenommen und per Inserat im amerikanischen KURIER für den russischen Film „Warte auf mich“ geworben wurde;

... und dass sich spontan viele Schweizer bereit erklärten, 3.000 unterernährte österreichische Kinder für drei Monate zum Aufpäppeln in ihr Land zu holen.

Auch ein Großteil der Fußballer litt an Hunger. Weshalb nach dem 4:1 beim gemeinsamen Bankett mit den Franzosen im Palais Auersperg folgende siegenden Herren die warme Mahlzeit am Nikolo-Abend 1945 schon wie Weihnachten empfunden haben sollen:

Zeman (Rapid); Gerhart (Admira), Bortoli (Vienna), Mikolasch (Austria), Sabeditsch (Vienna), Joksch (Austria), Riegler (FC Wien), Decker (Vienna), Binder (Rapid), Jerusalem (Austria), Neumer (Austria).

Noch Jahre danach bestand die Nationalelf nahezu ausschließlich aus Spielern von Wiener Vereinen. Was in diesem Jahrtausend längst undenkbar ist. Im Gegenteil.

Bei den vergangenen 50 Länderspielen schien mit Louis Schaub (2017 beim 1:0 in Moldau noch Rapidler) nur einziges Mal ein Feldspieler eines Wiener Klubs in der Startformation auf. Eine kleine Trendumkehr ist nur möglich, wenn ...

... Rapids sportliche Führungsduo Didi Kühbauer/Zoran Barisic ungeachtet der Londoner Watsch’n für die zu grünen Grünen weiter mutig aus der Not eine Jugend mit Perspektive macht;

... und wenn Peter Stöger beim Schuldenkrösus Austria ein Wunder schafft.

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