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Sport Fußball
03/29/2019

Kündigungswelle: Das harte Los der Bundesliga-Trainer

Hire and Fire in der Coachingzone: Größere Anforderungen, höhere Erwartungen, neuer Liga-Modus

von Günther Pavlovics, Stephan Blumenschein

Kontinuität in der Coachingzone ist im Fußball Seltenheit, auch in Österreich. Aber so wackelig wie diese Saison waren die Trainersessel schon ewig nicht. Der neue Meisterschaftsmodus schafft neue Spannung. Das ist unumstritten. Doch scheinen die Trainer die Opfer der Reform zu sein. „Wir haben jetzt zwei Meisterschaften. Die Trainer haben weniger Zeit, damit die Mannschaft in Schwung kommt, der Start ist enorm wichtig“, sagt Wolfgang Hartweger, Mentalcoach und Schulleiter der Bundessportakademie Wien.

Acht von zwölf Vereinen haben nicht mehr den Trainer, mit dem sie in die Saison gestartet sind. Djuricin, Vogel, Letsch, Daxbacher, Baumeister, Baumgartner, Grabherr – sie alle haben innerhalb der ersten 22 Spieltage ihren Job verloren.

 

Kurzarbeiter

„Die Lebensdauer eines Bundesligatrainers ist in Österreich mit 1,2 Jahren doch recht kurz“, sagt Dominik Thalhammer, Gesamtleiter der Traineraus- und -fortbildung im ÖFB. 2016 zeichnete eine Studie des in der Schweiz ansässigen „International Centre for Sports Studies“ mit einem Durchschnittswert von 16 Monaten Frankreich als Sieger aus. In England waren es 14,5 Monate, in Deutschland 13 Monate, in Spanien 10 und in Italien gar nur 9.

Der oberösterreichische Personalentwickler Werner Zöchling beschäftigt sich auch im Rahmen der österreichischen Trainerausbildung mit Führungskräftetraining. „Das Thema Führen war bei Trainern kein Thema“, sagt er. „Es gibt Talentierte und Nicht-Talentierte.“ Zwei Talentierte kennt er mittlerweile sehr gut – Peter Stöger und Oliver Glasner. „Sie haben Führungskompetenz“, sagt Zöchling. Beim Führen brauche man Vertrauen und Respekt.

Der Trainerjob hat sich aber verändert, die Trainer von heute müssen mehr können als früher. Mentalcoach Hartweger, der sich in der österreichischen Trainerausbildung engagiert: „Die Fachkompetenz ist Voraussetzung. Aber ich würde den Klubs raten zu schauen, wie druckresistent der Trainer ist.“ Der muss einen Stab an Mitarbeitern leiten, und er muss einer jungen Generation seine Vorgaben und Vorstellungen mitteilen. Hartweger: „Er braucht didaktische Kompetenz und muss Overcoaching vermeiden.“

21. August 2018: Gerald Baumgartner muss nach einem Sieg aus den vier Runden nach einem 0:6 daheim gegen den WAC als Mattersburg-Trainer gehen. Nach einem Spiel unter Interimscoach Markus Schmidt wird am 28. August Klaus Schmidt vorgestellt.

29. September 2018: Goran Djuricin wird als Rapid-Trainer abgelöst – am Abend nach einer  0:2-Heimniederlage gegen St. Pölten. Die Hütteldorfer sind Tabellen-Achter. Dietmar Kühbauer wechselt zwei Tage später vom Tabellenzweiten St. Pölten zu Rapid. Beim SKN übernimmt nach einem Spiel unter Interimscoach Marcel Ketelaer am 10. Oktober Ranko Popovic.

28. Oktober 2018: Ernst Baumeister wird bei Schlusslicht Admira nach einer 0:2-Niederlage bei Rapid beurlaubt. Schon einen Tag später wird der Deutsche Reiner Geyer präsentiert, der davor 1. FC Nürnberg II betreut hat.

5. November 2018: Heiko Vogel muss nach 13 Runden beim Tabellenachten Sturm seinen Platz auf der Trainerbank räumen. Nach einem Spiel unter Joachim Standfest und Günther Neukirchner wird am 12. November mit Roman Mählich ein weiterer Ex-Sturm-Spieler als neuer Cheftrainer vorgestellt.

3. März 2019: Nach einer 0:1-Heimniederlage gegen Admira und den Rückfall auf den letzten Platz muss Werner Grabherr als Altach-Trainer gehen. Den Grunddurchgang sollen Sportchef   Georg Zellhofer und Co-Trainer Wolfgang Luisser beenden.

5. März 2019: Nach sechs sieglosen Spielen in Folge ist Karl Daxbacher seinen Job  bei Wacker Innsbruck los. Thomas Grumser, davor Trainer von Wacker Innsbruck II, steigt auf, verliert aber die letzten beiden Partien des Grunddurchganges und geht als Schlusslicht in die Qualifikationsgruppe.

10. März 2019: Trotz Platz 3 vollzieht auch die Austria einen Trainerwechsel: Nach einem 1:3 daheim gegen Altach erfolgt die Trennung von Thomas Letsch. Dessen Assistent, Robert Ibertsberger, wird sein Nachfolger.

18. März 2019: Der Niederländer Alex Pastoor wird in Altach als neuer Coach präsentiert. Interimscoach Wolfgang Luisser wechselt erneut ins zweite Glied. 

27. Mai 2019: Die Austria gibt bekannt, dass Christian Ilzer ab kommender Saison das Traineramt übernimmt. 

28. Mai 2019: Ex-Liefering-Coach Gerhard Struber wird neuer Trainer des WAC. 

5. Juni 2019: Roman Mählich ist nach knapp sieben Monaten als Trainer von Sturm Graz schon wieder Geschichte. 

12. Juni 2019: Nestor El Maestro tritt die Nachfolge von Roman Mählich an. 

Auch wenn er alles mitbringt, kann es sein, dass er schnell wieder gehen muss. Hartweger: „Durch die Entwicklung im Fußball zu mehr Geld, ist der Druck für die Vereine und für die Trainer größer geworden.“ Zudem werden auch Entscheidungen aus der Emotion getroffen. Hartweger: „Oft wäre es hilfreicher rational zu entscheiden. Aber Fußball ist eben auch ein Showgeschäft.“

Der Verein brauche ein Konzept und eine Philosophie, sagt Personalentwickler Zöchling. So wie Salzburg und LASK – die einzigen Klubs, die ihre Trainer, Rose und Glasner, auch schon letzte Saison hatten. Zöchling: „Die Trainer brauchen Zeit zum Umsetzen. Das sieht man bei Kühbauer, der sich in St. Pölten im Sommer eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen zusammenstellen konnte und bei Rapid etwas übernehmen musste.“ St. Pölten hatte die Hoffnung auf Erfolg, auf einen Platz in der Meistergruppe, damit in den letzten zehn Runden das Abstiegsgespenst verbannt ist. Rapid hingegen hatte Angst, die Meistergruppe zu verpassen. „Bei Hartberg hat das Markus Schopp gut gemacht, indem er eine realistische Erwartungshaltung definiert hat“, sagt Hartweger.

 

„Wenn die Angst dominierend ist, dann wirkt sie behindernd. Die Spieler sind auch keine Maschinen“, sagt Mentalcoach Hartweger. So leicht kommen aber die Spieler bei den Trainern nicht weg. Nicht alle, aber viele Spieler. Diese kümmere der Arbeitgeber, also der Verein, nicht. Sie seien nur daran interessiert, so schnell wie möglich irgendwohin zu kommen, wo sie mehr Geld verdienen können. Offiziell wollte aber keiner der Trainer dies so formulieren.

Denn die Spieler sind das Kapital der Vereine, ein Trainer ist leichter rauszuwerfen, wenn es nicht so läuft. „Man muss damit umgehen, dass sie verwöhnt sind“, sagt Zöchling. „Das geht meistens, wenn nicht, muss man sich trennen. Manche werden schon in den Akademien als Superstars hofiert, die sie aber nicht sind. Aber die meisten sind noch zu führen.“

Der Fußball ist aber ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. „Das was wir jetzt im Fußball erleben ist eine ,Hire und Fire‘-Politik. Das bedeutet für den Trainerstand nichts Gutes“, sagt Mentalcoach Hartweger. Personalentwickler Zöchling: „Du kannst nur raten, zu einem Klub zu gehen, wo die Rahmenbedingungen passen. Wenn er sich das leisten kann.“ Aber er weiß, dass das nicht so leicht ist. „Für viele ist der Job ja auch eine existenzielle Frage.“

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