Stéphanie Frappart

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Sport Fußball
08/14/2019

Historisch: Madame Frappart pfeift das Supercup-Finale

In Istanbul leitet am Mittwoch erstmals eine Schiedsrichterin ein großes Spiel im Rahmen eines UEFA-Herrenbewerbs.

von Günther Pavlovics, Andreas Heidenreich, Stephan Blumenschein

"Stéphanie Frappart, à jamais la pionnière." Die französische Zeitung Le Parisien gab Frau Frappart den Zusatz: "Für immer eine Pionierin". Was war passiert?

Der europäische Fußballverband hatte Anfang August die Entscheidung getroffen, erstmals ein UEFA-Finale von einer Frau leiten zu lassen, den sogenannten Supercup. Beim Spiel zwischen Champions-League-Sieger Liverpool gegen Europa-League-Sieger Chelsea tanzen am Mittwoch in Istanbul die großen Stars des Männer-Fußballs nach der Pfeife einer Schiedsrichterin.

An den Linien wird Frappart von ihrer Landsfrau Manuela Nicolosi und der Irin Michelle O’Neill unterstützt. Nur der vierte Offizielle ist ein Mann: Cüneyt Çakir, Champions-League-Final-Referee von 2015, wird in seiner Heimatstadt zwischen den Betreuerbänken für Ordnung sorgen.

Der letzte große Auftritt der Französin Frappart liegt nicht so lange zurück. Am 7. Juli leitete sie in Lyon das Finale der Frauen-WM zwischen den USA und den Niederlanden. Zuvor hatte die 35-Jährige schon in ihrer Heimat Pionierarbeit geleistet, indem sie im April die erste Frau war, die ein Spiel der höchsten französischen Männer-Liga leitete. Dabei zeigten auch die Fans von Amiens Respekt. Vor dem Spiel gegen Strasbourg schrieben sie auf Transparente: "Willkommen im Stadion de la Licorne, Madame Frappart" und "Lang leben Frauen im Fußball".

Zuvor gab es schon viel Lob von Orleans-Spieler Perre Bouby. "Sie ist der beste Referee in der zweiten Liga. Ihre Stimme ist leise, aber sie hat Charisma und Persönlichkeit. Sie ist diplomatisch, und man kann mit ihr reden." Lang dauerte es in Frankreich ohnehin, bis es so weit war. Denn schon 23 Jahre zuvor hatte es mit Nelly Viennot eine Assistentin, damals noch Linienrichterin, gegeben.

Frappart ist im Département Val-d’Oise aufgewachsen, im Großraum von Paris. Mit zehn Jahren kickte sie im Nachwuchs von Herblay-sur-Seine und bei CS Pierrelaye. Aber schon früh interessierte sie sich für das Regelwerk und wurde Nachwuchsschiedsrichterin. Strenge Mimik und Frisur, klare Gesten, keine Unklarheiten – so entwickelte sich Jahre später die 1,64 Meter große Frappart zu einer der besten Schiedsrichterinnen der Welt.

"Sie verfügt über das Rüstzeug, um auf der großen Bühne zu bestehen", ist sich UEFA-Schiedsrichter-Boss Roberto Rosetti sicher. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin erklärte: "Als europäischer Dachverband legen wir größten Wert darauf, dass sich der Frauenfußball auf allen Ebenen entwickelt." Frappart solle als Vorbild für "Millionen von Mädchen und Frauen in ganz Europa" dienen. "Sie sollen sehen, dass aus jedem Traum Wirklichkeit werden kann."

Ähnlich sieht es auch Frappart: "Junge Mädchen sehen mich im Fernsehen und sehen, was alles möglich ist." Wenn ab und zu auch die Männer über die Stränge schlagen. So sagte Valenciennes-Trainer David Le Frapper vor fast vier Jahren nach einem nicht gegebenen Elfer: "Das war einer, das hat jeder gesehen bis auf den Referee. Vielleicht war sie beim Eislaufen." Für diesen verbalen Ausrutscher entschuldigte sich der Manager nur wenige Minuten später.

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In den großen fünf Ligen (Deutschland, England, Spanien, Italien, Frankreich) gab es vor Frappart nur eine Frau als Schiedsrichterin, Bibiane Steinhaus in der 1. Bundesliga. Die 40-jährige, die schon 15 Spiele im deutschen Oberhaus geleitet hat, musste bei der Frauen-WM in Frankreich im Juni aufgrund einer Verletzung vorzeitig die Heimreise antreten und kämpft nach wie vor um ihr Comeback. In England gibt es mit Sian Massey-Ellis nur eine Assistentin an der Linie, diese hat allerdings bereits in über 100 Spielen der Premier League amtiert.

Und in Österreich? Da haben es bislang zwei Österreicherinnen in den Profifußball der Männer geschafft. Die Kärntnerin Tanja Hausott (ehemals Schett) durfte zwischen 2008 und 2011 Spiele in der 2. Liga leiten. In der zweithöchsten Spielklasse steht seit Jahresbeginn 2019 mit der Wienerin Sara Telek aktuell auch eine Frau an der Linie. Die Schweizerin Nicole Petignat ist bislang die einzige, die Spiele der höchsten österreichischen Liga geleitet hat. Sie kam zwischen 2004 und 2009 auch schon bei drei Qualifikationsspielen im UEFA-Cup zum Einsatz. Als bislang einzige Frau. Bis Madame Frappart kam.

Andere Sportarten

Im Fußball ist Stéphanie Frappart also eine "Pionierin". Wie schaut es mit weiblichen Schiedsrichterinnen in anderen Sportarten aus? Der Überblick:

  • Handball:

Charlotte und Julie Bonaventura haben erst im Mai Schiedsrichterinnen-Geschichte geschrieben. Die Zwillinge aus Frankreich leiteten als erstes Frauen-Duo ein Spiel bei einem Herren-Europacup-Final-Four, nämlich im EHF-Wettbewerb das Semifinale zwischen Kiel (GER) und Holstebro (DEN). Die beiden 39-Jährigen haben schon viel Erfahrung, nicht nur bei den Frauen, sondern auch bei den Männern. Seit 15 Jahren leiten die Bonaventuras Europacup-Spiele. Auch bei der WM 2017 in ihrer Heimat Frankreich waren sie im Einsatz.

  • Basketball:

In der besten Liga der Welt, der nordamerikanischen NBA, leiten nur Profis die Spiele. Darunter sind auch drei Frauen. In der vergangenen Saison kamen mit der 32-jährigen Ashley Moyer-Gleich und der 30-jährigen Natalie Sago zwei neue Schiedsrichterinnen dazu, die 39-jährige Lauren Holtkamp ist hingegen schon seit fünf Saisonen im sogenannten “Full-Time-Status” angestellt und leitete schon mehr als 200 Partien. In der NBA gibt es seit 1997 Schiedsrichterinnen.

  • Eishockey:

Schon 1995 wurde erstmals in Nordamerika ein Profispiel von einer Frau geleitet. Heather McDaniel beendete allerdings schon nach vier Jahren ihre Karriere in den Minor Leagues (untere Spielklassen), weil sie schwanger geworden war. Ein Spiel in der NHL, der besten Eishockey-Liga der Welt, hat hingegen bis heute noch keine einzige Frau geleitet, obwohl es in Kanada und den USA immerhin 3600 Schiedsrichterinnen gibt. Zum Vergleich: Registrierte Eishockey-Schiedsrichter gibt es in den beiden Ländern mehr als 56.000.

  • American Football:

In der beliebtesten nordamerikanischen Mannschaftssportart ist man bei der Gleichberechtigung im Schiedsrichterwesen schon einen (kleinen) Schritt weiter. Vor vier Jahren wurde mit Sarah Thomas die erste Vollzeit-Schiedsrichterin von der National Football League angestellt. Ihr Debüt feierte die mittlerweile 46-Jährige beim NFL-Spiel zwischen den Kansas City Chiefs und den Houston Texans Mitte September 2015 als sogenannter „Line Judge“. Zwei Jahre später, vor ihrer dritten NFL-Saison, stieg sie zum sogenannten „Down Judge“ auf.

  • Tennis:

Im weißen Sport gibt es aktuell zehn Frauen, die mit dem sogenannten „Gold Badge“ die höchste Qualifikation im Schiedsrichterwesen erworben haben. Bei den Männern sind es doppelt so viele. Die Frauen kommen aber nur bei WTA-Turnieren, also der Frauen-Tour, zum Einsatz. Nur bei Grand-Slam-Turnieren kommt es auch vor, dass sich auch Herren-Partien leiten. Die Griechin Eva Asderaki-Moore kam 2015 bei den US-Open als erste Frau sogar zu Finalehren. Sie war Stuhl-Schiedsrichterin bei der Partie zwischen Novak Djokovic und Roger Federer, die der Serbe in vier Sätzen gewann.