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Sport Fußball
07/16/2019

Ex-Rapidler Trimmel: "Wir haben fast die Kabine zerlegt"

Der Burgenländer über seinen aktuellen Klub Union Berlin, der heuer erstmals in die 1. deutsche Bundesliga aufgestiegen ist.

Zum 125. Geburtstag hat die Vienna den deutschen Kultklub Union Berlin auf die Hohe Warte eingeladen, um ihr Jubiläum zu feiern (Mittwoch, 19 Uhr). Die Berliner werden kommende Saison erstmals in ihrer Vereinsgeschichte in der deutschen Bundesliga spielen. Angeführt wird das Team vom Ex-Rapidler Christopher Trimmel, der seit fünf Jahren im Verein und und seit einem Jahr Kapitän ist. Sein jüngstes Aufeinandertreffen mit der Vienna war im März 2009, als er mit den Rapid Amateuren 2:1 gewann.

Der 32-Jährige ist in Berlin beliebt. Im Zuge der Aufstiegsfeier bot der Burgenländer den Fans gratis Tattoos an. Gestochen vom Kapitän persönlich, dessen zweite große Leidenschaft neben dem Fußball das Tätowieren ist. „Die Aufträge arbeite ich jetzt im Juli ab“, sagt er. Vor dem Gastspiel auf der Hohen Warte erklärt der Rechtsverteidiger, was Union Berlin so besonders macht.

KURIER: Wie haben Sie die Aufstiegsparty in Berlin erlebt?

Christopher Trimmel: Das kann man kaum beschreiben. Es war schon direkt nach dem Spiel unglaublich, als wir auf dem Platz gefeiert haben. Danach haben wir fast die Kabine zerlegt. Später ging es im VIP-Club des Stadions weiter bis vier, fünf in der Früh. Zum Schluss haben wir Spieler uns in den Mittelkreis am Feld hingesetzt und ein paar Bier mit den Fans getrunken.

Ist der Aufstieg der größte Erfolg Ihrer Karriere?

Es ist ein absolutes Highlight. Jeder Spieler hat schon besondere Spiele gehabt, bei mir war es mit Rapid international oder in manchen Derbys. Aber das hier ist etwas ganz Besonderes, noch dazu in meinem ersten Jahr als Kapitän und bei einem Verein, der es zuvor noch nie in die 1. Bundesliga geschafft hat.

Sie wohnen mitten in Berlin. Können Sie sich noch unbehelligt bewegen?

Das ist nach wie vor kein Problem. Die Union-Fans sind entspannt, keiner ist aufdringlich. Sie grüßen mich, rufen mir vielleicht „Eisern“ zu und lachen mich an.

In den letzten Jahren hat es bei Union geheißen: „Wir müssen nicht aufsteigen, wir können.“ Warum hat es jetzt über den Umweg Relegation geklappt?

Unser Präsident, Dirk Zingler, hat vor dem letzten Spiel gesagt, dass es Schicksal ist und es vielleicht so sein muss, dass wir im eigenen Wohnzimmer ein Endspiel haben. Wenn wir den Aufstieg schon vorher fixiert hätten, hätte das vielleicht gar nicht so zu uns gepasst.

Beim Relegationsrückspiel waren Sie gesperrt. Wie haben Sie Ihre Mannschaft unterstützt?

Einige Journalisten haben geglaubt, dass ich in den Urlaub fahren werde. Für mich war natürlich klar, dass ich hierbleibe. Ich bin der Kapitän. Im Training habe ich jeden einzelnen Spieler gefordert, um das Niveau hochzuhalten. Am Spieltag bin ich in der Pause in die Kabine gegangen, weil die erste Halbzeit einfach nicht gut war. Ich habe versucht, jeden noch einmal zu pushen.

Sie haben einmal gesagt, dass man in jeder Karrierephase dazulernt. Was haben Sie in der Aufstiegssaison gelernt?

Wir haben gegen Köln, Stuttgart und den HSV gespielt. Das sind Teams, die Erstligafußball gewöhnt sind. Da misst man sich mit sehr guten Spielern. Als Verteidiger muss man sich ständig weiterentwickeln. Es braucht höheres Tempo und besseres Stellungsspiel. In Stuttgart wurden wir zwei Mal ausgekontert. Das hat mich geärgert, weil wir das taktische Foul nicht gemacht haben. Da muss man schlauer sein.

In der Saison vor dem Aufstiegsjahr spielte man lange gegen den Abstieg. War das im Rückblick betrachtet eine notwendige Umbruchssaison, in der das Fundament für den jetzigen Erfolg gelegt wurde?

Das war ein Faktor. Zuvor musste der Verein länger nicht mehr gegen den Abstieg spielen. Das hat uns gestärkt in die neue Saison gehen lassen. Wir haben aus dieser Saison gelernt und sind auch dann nicht unruhig geworden, wenn einmal die Resultate nicht gepasst haben. Da gab es keinen Stress. Gegenüber dem HSV war das ein Vorteil. Die haben jahrelang gegen den Abstieg gespielt, aber aufsteigen zu müssen, war für sie neu. Wir hatten hingegen nichts zu verlieren.

Sie sind seit fünf Jahren in Berlin. Wie hat sich der Verein in dieser Zeit entwickelt?

Als ich gekommen bin, wurde intern und teilweise auch öffentlich kommuniziert, dass der Verein hinauf will. Der Präsident hat gesagt, dass Union zu den besten 20 Vereinen Deutschlands gehören muss. Wir haben uns laufend weiterentwickelt, nicht nur sportlich. Es gibt keine wirtschaftlichen Probleme, und die Mitgliederzahlen steigen weiter an. Wir haben jetzt bald 30.000 Mitglieder.

Warum gilt Union als Kultklub?

Es ist ein sehr familiärer Verein mit direktem Austausch mit den Fans. Unsere Anhänger haben sich sogar beim Stadionbau eingebracht und quasi mitgebaut. Das ist alles sehr speziell. Auch die Stimmung. Ich habe kein einziges Mal erlebt, dass uns die Fans ausgepfiffen haben. Das Stadion an der Alten Försterei ist seit dem letzten Umbau 2013 zu klein geworden und soll bald ausgebaut werden. Die Pläne sind grundsätzlich fixiert, aber nun verschoben worden. Niemand will, dass in der 1. Bundesliga eine Tribüne wegen des Umbaus gesperrt ist. Jeder Unioner weiß, wie schwer es wird, an Karten zu kommen. Das Glück in den Gesichtern der Menschen zu sehen, war schon sehr speziell. Die haben sich umarmt und geweint. Mir haben Fans unter Tränen erzählt, dass sie schon zu Union gehen, seit sie fünf Jahre alt waren.

Wie verträgt sich das gern gepflegte Image des Ostberliner Arbeitervereins mit der fortschreitenden Kommerzialisierung im Fußball?

Jeder weiß, dass es ohne Geld nicht geht. Ich glaube aber auch, dass sich die Leute etwas Größeres verdient haben. Gerade bei den Topspielen gibt es immer wieder einen extremen Ansturm auf die Tickets.

Birgt der Aufstieg die Gefahr, dass der Verein seinen besonderen Charakter verliert?

Ich glaube nicht. Das Wichtigste ist, dass wir uns als Verein nicht verändern. Aber bei unseren Verantwortlichen mache ich mir keine Sorgen. Jeder kennt unsere Tugenden: kämpfen, beißen, machen. Alle achten darauf, dass die erhalten bleiben.

Mit welchem Ziel gehen Sie in die erste Bundesliga-Saison?

Das große Ziel ist der Klassenerhalt. Wir sind nicht arrogant und wissen, dass uns eine andere Qualität erwartet. Wir kennen das zwar von einzelnen DFB-Pokalspielen, aber jetzt haben wir das eine ganze Saison lang.

Das Interview führte Benjamin Schacherl vom Ballesterer