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Sport
05/18/2019

Marco Haller: Ein Stehaufmännchen genießt die Tortur

Ein Jahr nach einem offenen Kniescheibenbruch bestreitet der Kärntner seinen ersten Giro d'Italia.

Wer sieht, wie sich Marco Haller über eine Stiege hinunterquält, der würde es niemals für möglich halten, dass der Kärntner am Giro d’ Italia teilnimmt. Treppen sind für den 28-Jährigen inzwischen beinahe schon eine größere Tortur als die steilsten Alpenpässe, seit er im letzten Jahr im Training von einem Auto abgeschossen worden ist. Eine Narbe, die sich über seinen halben linken Unterschenkel zieht, erinnert heute noch an den offenen Bruch der Kniescheibe. „Laufen oder Fußballspielen ist undenkbar, das wird es wahrscheinlich auch nicht mehr spielen. Aber ich bin in der glücklichen Lage, dass mich das auf dem Rad nicht sonderlich belastet“, sagt der Profi aus dem Katjuscha-Team.

Vielleicht erklärt das, warum Marco Haller keiner ist, der sich großartig über etwas beschwert. Wenn er etwa sehr kurzfristig in das Aufgebot für den Giro d’Italia berufen wird, obwohl er noch die Frühjahrsklassiker in den Beinen hat. Wenn wie an diesem Mittwoch die ganze Etappe bei sintflutartigen Regenfällen und Eiseskälte gefahren werden muss. Oder wenn er wie am Dienstag in einen Massensturz verwickelt ist und erst 14 Minuten nach dem Etappensieger mit einer Handverletzung ins Ziel kommt. „Der Hunger, vorne mitzufahren und das Profitum auszukosten, ist größer als die Schmerzen“, sagt Marco Haller nur.

Herausforderung

Auch wenn ein Sturz bei einer der ersten Etappen die Horrorvorstellung eines jeden Radprofis ist. „Sich mit Blessuren durchzuschinden, ist etwas ganz, ganz Hartes“, erzählt der Kärntner. „Normalerweise freut man sich ja auf die Dusche. Da ist dann aber sogar die Dusche danach eine echte Strapaze.“

Als Spezialist für die Eintagesrennen hat der 28-Jährige bei seiner ersten Italien-Rundfahrt in erster Linie Helferdienste zu verrichten. Haller soll dem Russen Ilnur Sakarin den Rücken freihalten und dem Katjuscha-Kollegen zu einem Spitzenplatz in der Gesamtwertung verhelfen. „Wobei ich schon hoffe, dass ich an dem einen oder anderen Tag einen Freifahrtschein kriege und es selbst probieren darf“, sagt Haller.

Für den Kärntner kommen beim Giro erst die richtigen Herausforderungen. Aber nicht etwa, weil es in die Berge geht. Es wartet vielmehr ein mentaler Kraftakt. „Die Woche zwischen erstem und zweitem Ruhetag ist die Schlimmste“, verrät Haller. „Da hat man schon viele Etappen in den Beinen, aber auch noch sehr viel vor sich. Es ist einfach kein Ende in Sicht. Da muss man aufpassen, dass man nicht in ein Loch fällt.“

Wenn es so weit ist, wird sich Haller wieder seinen Unfall aus dem Vorjahr in Erinnerung rufen: „Ich weiß es zu schätzen, dass ich überhaupt noch dabei sein kann.“