Sport
13.04.2018

Der Biathlonsport im Schussfeld: „Sportbetrug am Maximum“

© Bild: AP/Sergei Grits

Hat der Biathlon-Weltverband IBU Dopingfälle vertuscht? Simon Eder hofft auf einen Reinigungsprozess - und eine Olympiamedaille.

Simon Eder ist gerade ziemlich hin- und hergerissen. Einerseits ist der Salzburger schockiert über die jüngsten Entwicklungen und Erkenntnisse rund um den Biathlon-Weltverband IBU, andererseits kann der 34-Jährige auch seine Genugtuung nicht verhehlen. „Das ist ein rabenschwarzer Tag für den Biathlonsport“, sagt Simon Eder, „aber mir taugt es, dass es jetzt die Richtigen erwischt“.

Es ist der Schützenmeister höchstpersönlich, der ins Kreuzfeuer geraten ist. Anders Besseberg, Präsident des Weltverbandes IBU, steht im Visier der Korruptions-Staatsanwaltschaft. Der schwere Vorwurf: Der Weltverband habe in der Vergangenheit gleich mehrfach Dopingvergehen nicht konsequent verfolgt. Die Staatsanwaltschaft spricht von 65 Fällen, die allesamt russische Biathleten betreffen. Dabei sollen auch Bestechungsgelder in Höhe von 300.000 Euro geflossen sein.

Schutz von oben

„Dass ich von den Russen Geld bekommen haben soll, um Dopingproben zu vertuschen, das kann ich klar und deutlich verneinen“, meinte Anders Besseberg. Der Norweger legte sein Präsidentenamt nieder – der interimistische Nachfolger ist ÖSV-Generalsekretär Klaus Leistner – dazu wurde die IBU-Generalsekretärin Nicole Resch vom Dienst freigestellt.

Für viele Insider kommt dieser Skandal keineswegs überraschend. „Darüber ist schon länger gemunkelt worden. Nur dass das in dem Ausmaß stattfindet, hat keiner geglaubt“, sagt Simon Eder. „Solche Geschichten kennt man nur vom Radsport.“

Tatsächlich erinnert im aktuellen Biathlon-Skandal vieles an das Vorgehen des Weltverbandes UCI, der jahrelang Lance Armstrong unbehelligt gelassen hatte. In einem vertraulichen Report der Weltantidopingagentur WADA aus dem Jahr 2017 wird berichtet, dass die IBU „alles getan habe, um Ermittlungen gegen Russland zu verhindern“. Das Hauptziel der Korruption sei es gewesen, gedopte russische Athleten zu beschützen. „Es wäre was anderes, wenn es Einzelfälle wären. Aber so was ist Sportbetrug am Maximum“, prangert Simon Eder an.

Der Pinzgauer sieht im aktuellen Skandal freilich auch eine große Chance. „Für den Sport kann das ein notwendiger Reinigungsprozess sein“. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Denn auch die Ergebnislisten der vergangenen Jahre dürften nachträglich bereinigt werden.

Später Lohn

© Bild: APA - Austria Presse Agentur

Schon seit den ersten Enthüllungen über das russische Staatsdopingsystem rund um die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi liebäugelt Eder mit einer Medaille. Vor vier Jahren war der Salzburger im Bewerb über 20 Kilometer Vierter geworden, unmittelbar hinter dem Russen Jewgeni Garanitschew. „Sollte ich die Medaille irgendwann noch kriegen, schmeiße ich eine Party.“

Was Eder und seine Kollegen sicher bekommen, ist ein neuer Chefcoach. Der ÖSV will in den kommenden Tagen Ricco Groß präsentieren. Der Deutsche trainierte zuletzt die ... Russen.