Sea Cloud II: Luxus im Wind

Das prachtvolle Segelschiff vereinigt Nostalgie und absolutes Luxus-Ambiente. Und zwar auf sehr geschmackvolle Weise.

Der Betreuer der Kaffeestunde um 16.30 Uhr lächelt sehr freundlich, als er einen mittschiffs aufgestellten Liegestuhl erspäht. Der darin ruhende Passagier blinzelt, ist also wach – und wird daher prompt gefragt, ob er nicht wunderbare Mehlspeisen oder Sandwiches an der Lido-Bar einnehmen wolle. Dann verabschiedet sich der Betreuer, er sucht noch weitere Kundschaft.

(Bild: Sea Cloud II) Zu diesem Zeitpunkt sind fast alle Passagiere "ausgeflogen". Denn auf unserem dreieinhalbtägigen Kurztrip von Barcelona nach Nizza liegt die zehn Jahre junge Sea Cloud II gerade vor St-Tropez. Gäste und ein Teil der Crew sind mit Tenderbooten an Land gebracht worden. In solchen Momenten wird jeder, der sich quasi "antizyklisch" auf dem Schiff bewegt, mit wunderbarer Ruhe belohnt – und mit dem Gefühl, die Sea Cloud II gehöre ihm alleine. Noch so jung und doch schon so alt? Die Sea Cloud II ist 2001 gebaut worden, verströmt dennoch Nostalgie in ihrer schönsten Form. Das Schiff ist in allen für den Passagier sichtbaren Bereichen auf zirka 100 Jahre älter getrimmt, zeitgemäße Technik wird, so gut es geht, versteckt. Holzplanken, Aufbauten mit sehr schönem Holz verziert, Liegestühle aus Holz, edles Mobiliar in Lido-Bar und Lounge finden ihre Entsprechung auch im Inneren. Edelholz und dicke Teppiche sorgen für gediegene Atmosphäre in den Gängen und im Restaurant, in dem übrigens stets freie Tischwahl gilt. Sämtliche Kabinen sind wirklich geschmackvoll eingerichtet, beinahe atemberaubend schön vor allem die kostspieligeren Junior-Suiten auf dem Promenadendeck. Marmorbad (sogar mit zwei antiken Säulen an der Badewanne), ... ... begehbare Garderobe mit lackiertem Holz und schließlich der Wohnbereich selbst erzeugen schlagartig das Gefühl, einen alten englischen Club betreten zu haben. Und die eigentliche Kunst ist, dass alles harmoniert und nirgends auf dem Schiff, weder außen noch innen, ... ...  auch nur ein einziges Detail die Grenze zum Kitsch überschreitet. Einfach großartig.
Zum Thema zeitgemäße Technik: Ein sehr schöner Raum ist die Bibliothek, hier steht auch ein PC, an dem man gratis eMails via Satellit empfangen kann. Einen Laptop kann man an der Rezeption ausborgen. Die Junior Suite ist mit individuell regelbarer Klimaanlage ausgestattet. Die Sea Cloud II wird ausschließlich per Hand gesegelt, das wollen die Eigner so. Deshalb müssen Matrosen, die wie Athleten aussehen, auf die Masten und Rahen hinauf, um Segel setzen zu können. Sie sind mit Geschirr und Haken gesichert. Die Prozedur dauert insgesamt gut eine halbe Stunde. Bei günstigem Wind blähen sich die Segel, stoppen die Motoren – dann rauscht die Sea Cloud II beinahe lautlos übers Meer und schaukelt ein bisschen. Wunderbar. Der Weg ist das Ziel. Wohin es geht, ist egal. Bei Flaute geht nichts. Dann bemüht sich die Crew um Ablenkung der Gäste, fährt sie grüppchenweise mit Schlauchbooten rund um das Schiff oder öffnet die "Marina-Plattform", was immer ein Heidenspektakel samt Dutzenden Kopfsprüngen ins offene Meer ergibt. Ein Schlauchboot wird extra "draußen" im Wasser stationiert, um ein Seil mit Kunststoffliegematten gespannt zu halten – eine wirklich witzige Idee. Das Personal ist generell sehr freundlich. Die Küche darf als sehr gut bezeichnet werden, zur Exzellenz fehlt vielleicht noch eine kleine Prise.
Mit einer Eigenheit muss man an Bord der Sea Cloud II leben (lernen). Man kann anderen Leuten kaum aus dem Weg gehen. Rund um die Lido-Bar ist immer geselliger und fallweise lautstarker Betrieb, wenn die diversen Landausflüge vorbei sind. Ruhe gibt es in der Kabine, aber dort sind leider die Fenster nicht zu öffnen. Meeresrauschen oder frischer Wind sind also nur außerhalb zu konsumieren. Für reine Seetage sollte man sich mit ausreichend Lektüre versorgen. "Disco" gibt es nicht, Pianist Tom spielt ab 16.30 Uhr Evergreens. Liegestühle sind in genügender Zahl vorhanden, man kann ja einen in eine ruhigere Ecke verschleppen. Handtücher und Wolldecken liegen auf dem Lido-Deck zur Abholung bereit. Wenn welche fehlen, werden sie auf Anfrage flugs ergänzt. Infos

Sea Cloud II 117 m lang, 16 m breit, Höhe des Großmastes (über Deck) 48 m, 24 Segel, zwei 4-Takt-Motoren (max. 14 Knoten Geschwindigkeit). Vier Decks für Passagiere, 47 Außenkabinen, max. 94 Passagiere, rund 60 Mann Besatzung.
Luxuriöse Ausstattung (u. a. alle Kabinen mit TV und DVD-Player, Minibar mit kostenlosen alkoholfreien Getränken), Sauna, Fitnessraum, Lounge, Lido-Bar. Ein Arzt ist ständig verfügbar. Bordsprache: Deutsch.
Nach Reisen im Mittelmeer folgt heuer im Dezember eine Transatlantik-Passage und der Einsatz in der Karibik.
(kurier) Erstellt am
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