Hongkong und Macau: Made in China
Das Schnellboot, das vom Shun Tak Centre auf Hongkong Island abgelegt hat, kämpft sich brummend und schaukelnd durch das Südchinesische Meer Richtung Macau. Bald wird irgendwo da draußen am schwankenden Horizont die breite Mündung des Perlflusses auftauchen, der aus Kanton kommend wie eine vielarmige Krake in den Ozean fließt. In der „Super-Class“ der Hongkong-Macau-Fähre wird jetzt ein warmes Gratis-Essen serviert, das eine einzige Beleidigung für die chinesische Küche ist.
Jumbo Floating Restaurant: Hongkongs keineswegs bestes, aber berühmtestes Esslokal kam schon mehrmals zu Filmehren. Auch James Bond war bereits hier
Ein Lächeln von ihr und er war verloren
Rund eine Stunde dauert die Fahrt von der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong zur ehemals portugiesischen Enklave Macau. Schon in ein, zwei Jahren werden sich wahrscheinlich nur mehr wenige Touristen auf diese Weise Macau nähern, denn dann wird man die beiden Schwesterstädte über eine kühne Kombination aus Brücken und Unterwassertunneln erreichen können. Ich aber schaue gerne auf die vorbeiziehenden Schiffe und den weiten Horizont. Auf dieser Fähre lernte der amerikanische Architekt Robert Lomax, die Hauptfigur im berühmtesten Hongkong-Epos, „Die Welt der
Suzie Wong“, das schöne Freudenmädchen Suzie kennen. Ein Lächeln von ihr und er war verloren.
Kleine Geschäftsstraße in der Altstadt von Macau: Die 31 Millionen Festland-Chinesen, die jährlich vor allem zu den modernen Casinos in Macau strömen, bevorzugen allerdings die Luxusmarkenläden auf Cotai.
Heimstatt aller menschlichen Sünden
Mit mir haben die chinesischen Götter ein Einsehen. Keine Schönheit lächelt mich an, und meine Gedanken kreisen im Auf und Ab der Wellen um Macau, die Glücksspielhauptstadt des Planeten, wo die Spieler sieben Mal so viel Geld lassen wie in Las Vegas. Ein zweites Venedig ist dort entstanden und ein neuer Eiffelturm, aber es gibt auch neben 35 Casinos eine verwinkelte portugiesische Altstadt, die früher eine üble Reputation hatte. Macau galt nicht nur als Hauptumschlagplatz für ganz Asien für geschmuggeltes Gold, sondern als Heimstatt aller menschlichen Sünden.
Die „Alte Brücke“ in Macau: Die erste Verbindung zur Insel Taipa wurde 1974 noch von den Portugiesen gebaut und lässt Schiffe bis 35 Meter Höhe passieren
Achtung, es wird gewarnt!
Das Epizentrum dieses Rufs war das
Hotel Central mitten in der Altstadt gleich neben dem Senado-Platz, wo sich jahrhundertelang portugiesische und chinesische Kaufleute trafen. Auf tripadvisor wird vor dem Central eindringlich gewarnt. Es sei das schlechteste Hotel der Welt, der Atem stocke einem bereits in der Lobby vor lauter Schimmelgeruch und wer nur einen Funken Respekt vor sich selber habe, dürfe dort keinesfalls nächtigen.
Wer dennoch, wie ich, zum Central pilgert, um Macaus Vergangenheit zu spüren, steht vor einem grell türkisfarbenen Gebäude mit riesigen, roten chinesischen Lettern auf dem Dach. Und vor verschlossenen Türen. Das herabgekommene Haus soll in einigen Jahren als Fünfsterne-Luxusherberge wieder erstehen. Ian Fleming, der nicht nur James Bond erfunden hat, hat das alte Central 1959 besucht und es so beschrieben: „Es ist ein neunstöckiger Wolkenkratzer, bei weitem das höchste Gebäude Macaus, und es ist ausschließlich dem Laster gewidmet. Und dies auf sehr originelle Weise. Je höher man hinaufgeht, umso schöner und teurer werden die Mädchen, umso größer die Wetteinsätze an den Spieltischen und umso besser die Kapellen.“
Oben im 43. Stock
Im Vergleich zu den heutigen Spielhöllen wirkt das alte Central geradezu winzig. In unmittelbarer Nähe ragt zum Beispiel das Casino Grand Lisboa 47 Stockwerke in den Himmel, ein pompöser Kitschbau in Form einer gigantischen Lotusblüte, die Macaus Casino-König Stanley Ho 2006 eröffnete. Im Luxusrestaurant Robuchon au Dôme hoch oben im 43. Stock hängt übrigens ein bombastischer Kronleuchter mit 131.000 österreichischen Swarovski-Steinen.
In der Altstadt von Macau: Einst eine sündhafte portugiesische Enklave
Im alten Macau
Wir aber wollen noch ein wenig im alten Macau weilen und der perfekte Platz dafür ist der Clube Militar de Macau, ein ehemaliger kolonialer Militärclub aus dem 19. Jahrhundert, der jetzt auch öffentlich zugänglich ist. Hier geht man über geölte Teakböden in den Speisesaal, wo sich an der Decke altmodische Ventilatoren drehen und man traditionell portugiesische Gerichte wie etwa bacalhau dourado (Kabeljau) oder arroz de marisco (Reis mit Meeresfrüchten) genießen kann.
Auch wenn in Macau jetzt China das Sagen hat, wird das portugiesische Erbe hoch geschätzt. Vielleicht auch deshalb, weil die Portugiesen ihren Stützpunkt – anders als die Briten – den Chinesen nie abgepresst haben. 1999 ging die portugiesische Herrschaft in Macau jedoch zu Ende. Das Mutterland war arm und schwach geworden, China aber groß und stark.
Der Canale Grande in Asien (l.): Casinos und Konsumwelten wie hier das Venetian prägen das moderne Macau
Legionen von Touristen
Symbol dieser Geschichte ist die Kirche des Heiligen Paulus oder besser das, was von der einst größten christlichen Kirche Asiens übrig geblieben ist: die Fassade. St. Pauls ist eine Ikone Macaus und vielleicht eine der seltsamsten Touristenattraktionen der Welt. Legionen von Touristen bevölkern die Stiegen davor. Ein italienischer Architekt hat sie 1602 geplant, japanische und chinesische Handwerker haben die Kirche gebaut, aber sie ist immer wieder abgebrannt.
Zeit für einen Blick auf das moderne Macau. Wir schreiben das Jahr 2016, das Jahr des Affen. Es ist, wenn man dem chinesischen Horoskop glaubt, ein Jahr, in dem alles möglich ist (selbst ein Brexit), ein Jahr des „Anything goes“. Und das ist seit Jahren das Motto der kleinen Sonderverwaltungszone Macau mit ihren 600.000 Einwohnern.
Glücksspiel und Erlebnis-Shopping
Macau, zu Ian Flemings Zeiten ein verschlafenes, wenn auch verruchtes Nest, ist zu einem Ort der künstlichen Welten geworden. 31 Millionen spielwütige Festland-Chinesen sind im letzten Jahr nach Macau gekommen, denn Glücksspiel ist in China verboten. Dazu gesellten sich noch einmal 6,5 Millionen Chinesen aus Hongkong. In Hoch-Zeiten wie etwa dem chinesischen Neujahrsfest im Februar werden an den Spieltischen Macaus umgerechnet 925 Millionen Euro umgesetzt. An einem einzigen Tag. Und so sind aus früher fünf heute 35 Casinos entstanden. Was heißt Casinos. Es sind riesige Glücksspielkomplexe samt Erlebnis-Shopping-Malls und Hotels mit mehreren tausend Betten. Weil dafür in der Altstadt Macaus kein Platz gewesen wäre, wichen die Investoren auf Landgewinnung und vorgelagerte Inseln aus.
KURIER-Grafik von Manuele Eber
Amüsieren und kaufen
Ich mache mich mit dem Taxi auf zum berühmtesten Casino Macaus, ins Venetian. Es ist eine Art gigantische Wiedergeburt von Steve Wynns Venetian Resort in Las Vegas und steht an einem Ort, wo noch vor zwanzig Jahren nur Meer war: am Cotai Strip, einer aufgeschütteten Landverbindung zwischen den Inseln Coloane und Taipa. Ich steige aus beim Campanile, der aussieht wie sein Ebenbild in Venedig, nur dass hier die Rialto-Brücke gleich daneben ist. Wer ins Venetian eintritt, landet in einer Welt mit echten Kanälen, echten italienischen Gondeln und Gondolieri. Und doch ist alles falsch, aber das bei immer gutem Wetter. Hier gibt es für den Besucher nur eine Aufgabe: amüsieren, kaufen, Geld ausgeben. Das kann man in 350 Luxusmarken-Shops, in 30 Restaurants oder natürlich auf den 640 Spieltischen und an 1.740 einarmigen Banditen. Angeschlossen ist ein Hotel mit 3.000 Suiten (die kleinste misst 70 Quadratmeter) und eine Indoor-Arena mit 15.000 Sitzplätzen, in der unter anderem schon die Rolling Stones, Lady Gaga oder Beyoncé aufgetreten sind.
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Hongkong
Das Venetian hat 2,4 Milliarden Dollar gekostet und soll sich angeblich schon nach zwei Jahren amortisiert haben, weil sich die Chinesen gerne um Kopf und Kragen spielen. Doch seit eineinhalb Jahren gehen die Umsätze zurück (2015 um 34 Prozent), seit Chinas Staatspräsident Xi Jinping der Korruption den Kampf angesagt hat und Parteifunktionäre und Staatsmanager teilweise nicht mehr nach Macau dürfen, wo mitunter auch Staats- und Firmengelder verzockt wurden. Und zu allem Überdruss reise ich jetzt auch ab. Nach Hongkong, zum duftenden Hafen.
Blick vom Mandarin Oriental Hotel auf den Victoria Harbour: Die schöne Hafen-Aussicht ist über einen Riesenbildschirm auch im Hotel-Swimmingpool zu bewundern
Alles pipifein
Der Hafen duftet natürlich nicht und die schönen Dschunken von einst sieht man leider auch kaum mehr. Dafür aber ein Meer von Wolkenkratzern. Mein erstes Ziel in Hongkong liegt am Victoria Harbour und ist wie schon in Macau ebenfalls ein Hotel. So wie das Central in den 60er-Jahren das höchste Gebäude Macaus war, galt diese Herberge damals als die höchste in Hongkong. Allerdings ist es auch heute noch pipifein: das Mandarin Oriental Hongkong. Im hauseigenen Café Causette gibt es österreichische Mehlspeisen und von den hafenseitigen Zimmern aus sieht man schön auf die gegenüberliegende Halbinsel Kowloon und auf die Boote der Star Ferry.
Auch das Mandarin Oriental erzählt eine interessante Geschichte über die Ex-Kronkolonie. Es wurde 1963 von zwei reichen Hongkonger Familien als Hotel Mandarin eröffnet. Die Jardines und die Mathesons erwarben dann in den 70er-Jahren das berühmte Hotel Oriental in Bangkok, verbanden die beiden Namen und gründeten so die Kette Mandarin Oriental. Aber das ist jetzt für uns eigentlich nebensächlich.
Glücksritter und
Opiumkriege
Das wirklich Interessante ist, dass diese beiden Familien einen der unglaublichsten Kriege der Geschichte ausgelöst haben, genauer gesagt, ihre Vorfahren. Die beiden britischen Kaufleute und Glücksritter William Jardine und James Matheson schickten 1834 die erste private Schiffsladung mit chinesischem Tee nach England (vorher ein Monopol der East India Company) und importierten im Gegenzug Opium. Sie waren also ganz einfach Drogenhändler. Es war Balzac, der einmal schrieb, am Anfang jedes großen Vermögens stünde ein Verbrechen. Als die chinesische Regierung die Drogenimporte verbot, wandte sich die Firma der beiden Drogendealer hilfesuchend an die britische Regierung, die alsbald ihre Soldaten schickte. Die Geschichte der beiden Kaufmannsfamilien und der Opiumkriege war übrigens auch Vorbild für James Clavells berühmte Romane „Taipan“ und „Noblehouse“. Die Firma, die die Opiumkriege auslöste, die Jardine Matheson Holding, ist inzwischen ein multinationaler Mischkonzern mit 260.000 Beschäftigten geworden, der immer noch von den Nachfahren der Gründer kontrolliert wird.
Die Skyline von
Hongkong Island:
Die Stadt hat mehr Hochhäuser als
New York, insgesamt sind es 1.295
Der kaiserliche Hof in Peking musste 1843 wegen des verlorenen Opiumkriegs nicht nur Drogenimporte großen Stils nach China erlauben, sondern auch Hongkong Island an die Briten abtreten. Später kamen noch die New Territories und 235 Inseln dazu. Die Macht der britischen Kanonen endete erst 1997, aber die frühere Kronkolonie mit ihren sieben Millionen Einwohnern bleibt bis 2047 (relativ) souverän und hat ihren eigenen Lebensstil. Viele Hongkonger mögen die Festlandchinesen nicht und sehen sie als „Bauern ohne Manieren“.
Singen, tanzen, essen
Es ist Sonntag und ich spaziere durch Hongkong Central, wo sich das Finanzzentrum, aber auch die Shoppingmeilen befinden. Alle Geschäfte haben wie selbstverständlich geöffnet – Hongkong ist eine der liberalsten Marktwirtschaften der Welt. In einigen ruhigen Nebenstraßen in der Nähe von Victoria Harbour haben sich wie jeden Sonntag Hunderte von jungen philippinischen Frauen versammelt, singen, tanzen, essen, unterhalten sich. Es sind Hausmädchen und Hilfskräfte, die in Hongkong arbeiten und sich keine teuren Restaurants leisten können.
Spannend, aber nicht gemütlich
Die Hongkonger selber haben sich einen für Asien hohen Lebensstandard erarbeitet. Das Durchschnittseinkommen beträgt rund 1.750 Euro pro Monat. Aber: Hongkong ist eine der am dichtest besiedelten Städte der Welt, die Mieten sind deshalb extrem hoch. Für eine 45-Quadratmeter-Wohnung bezahlt man im Schnitt 1.800 Euro pro Monat. Kein Wunder, dass Hongkongs Bewohner statistisch nur zwölf Quadratmeter Wohnraum pro Person zur Verfügung haben. Gleichzeitig ist die Ex-Kronkolonie einer der fünf wichtigsten Finanzplätze der Welt. Jeder fünfte Hongkonger arbeitet im Bankensektor.
Man spürt in dieser Stadt am Meer eine ungeheure Energie. Spannend ist es hier, gemütlich wohl nicht. Die Star Ferry bringt mich nach Kowloon. Der berühmte Nachtmarkt ist mein Ziel. Ganz ohne Sightseeing geht es nicht. Aber vorher schiebe ich noch einen Massagesalon ein. Nein, nicht einen wie im alten Hotel Central. Ganz seriös.
Kowloon Park: Aus einer ehemaligen britischen Militäranlage wurde Hongkongs schönster Park
Ich fahre in einem winzigen Lift fünf Stockwerke hoch und lande in einem großen Raum, in dem sich gerade zehn Leute gleichzeitig massieren lassen. Stuhl an Stuhl im Sitzen, von den Füßen bis zu den Haaren. Wer in einer so dicht besiedelten Welt lebt, muss auch im Rudel abschalten können. Nach einer Weile schnurre ich wie ein Kater und träume von einer Dschunke mit roten Segeln. Das Südchinesische Meer schaukelt sanft und wir sind ganz allein: Hongkong und ich.
BESSER
REISEN
Die absolut beste Zeit, um nach Hongkong zu reisen ist von Oktober bis Ende Dezember. Wenig Niederschlag, angenehme Temperaturen um die 25 Grad. Wettermäßig ist es zwar bis Ende April ganz okay, aber im Februar kommen wegen des Neujahrsfestes Massen an Festlandchinesen. Der Sommer wiederum ist in Hongkong heiß und schwül, und wenn man Pech hat, erlebt man einen
Taifun.
BESSER FLIEGEN
Eine sehr gute Verbindung nach Hongkong bietet die Swiss über Zürich mit brandneuen Boeing- 777-300er-Maschinen. Besonders empfehlenswert: die Business-Class (u.), die mehrfach zur besten Europas gekürt wurde, mit flachen Zweimeterbetten und Menüs von Schweizer Spitzenköchen, Economy ab 499 Euro, Business ab 1.989 Euro.
www.swiss.com
BESSER BUCHEN
Hongkong sollte man individuell erkunden und das mit einem guten Hotel. Preisgünstig buchen kann man so etwas inkl. Flug, Ausflügen (z.B. nach Macau) und Hotels bei airtours, der Luxusmarke von TUI (das luxuriöse Mandarin Oriental ab 214 Euro pro Person und Nacht). Buchbar in vielen Reisebüros oder unter
www.airtours.de
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