Lebenshilfe-Präsident: "Wichtig, dass Zivildiener mehr dürfen“

Anton Henckel-Donnersmarck
Anton Henckel-Donnersmark über die Folgen der Wehrdienstdebatte und über „Assistenznehmer“, warum man Sonderschulen „nicht verteufeln soll“ und jeder Mensch in Arbeit Erfüllung findet.

Die Lebenshilfe ist seit 1967 österreichweit an 500 Standorten tätig und unterstützt derzeit rund 19.000 Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen.

KURIER: Die Lebenshilfe beschäftigt rund 7.000 Menschen und rund 500 Zivildiener. Fürchten Sie, dass durch die Diskussion über die Verlängerung des Zivildienstes auf zwölf Monate sich mehr Menschen für den Präsenzdienst entscheiden werden und Sie zu wenig helfende Hände haben?

Anton Henckel-Donnersmark: Ich glaube nicht, dass sich Leute deshalb umentscheiden. Ich finde es sehr gut, wenn der Zivildienst verlängert wird. Wichtig ist, dass die Zivildiener mehr dürfen. Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel: Wenn heute einer unserer Klienten oder Assistenznehmer einkaufen geht, dann darf ihn der Zivildiener nicht begleiten. Es muss immer Personal mitgehen – und das ist natürlich absurd. Wir müssen in qualitative Ausbildung investieren, damit Zivildiener mehr dürfen. Für die Lebenshilfe kann ich sagen: Sehr viele unserer Mitarbeiter, die heute bei uns arbeiten, waren früher Zivildiener.

Die Lebenshilfe engagiert sich für Menschen mit intellektuellen Behinderungen. Wer konkret kann Ihre Hilfe in Anspruch nehmen?

Das entscheiden nicht wir, sondern in der Regel Ärzte. Und es entscheidet nicht der Mensch selbst, wenn Sie so wollen, sondern der Gutachter im jeweiligen Bundesland. Zudem ist das Behindertenwesen in Österreich jeweils in der Verantwortung der Länder.

Zivildienst

Sie haben vorhin von Assistenznehmern gesprochen, auf der Lebenshilfe-Website ist von Menschen mit intellektueller Behinderung die Rede. Was ist die adäquate Bezeichnung für Menschen, die von Ihnen betreut werden?

Zuerst einmal: Die Assistenznehmer wollen wie alle ganz normal mit Namen angesprochen werden – das ist eigentlich das Wichtigste. Ansonsten ist heute der Terminus Assistenznehmerin bzw. Assistenznehmer gängig. Es handelt sich um Menschen, die einen gewissen Assistenzbedarf haben. Der kann körperlich sein, auf der intellektuellen Ebene oder in beiden Bereichen. In den 1960er-, 1970er -Jahren hießen die Assistenznehmer noch Schützlinge und die Mitarbeiter, die teilweise auch Eltern waren, Tanten, die mit Schürzen herumgelaufen sind. Das gibt es heute alles nicht mehr.

Sondern?

Heute geht es darum, unseren Assistenznehmern die Möglichkeit zu geben, ein ganz normales Leben zu leben – wie alle anderen Menschen auch. Die UN-Behindertenrechtskonvention mit der sehr sperrigen Abkürzung UN-BRK, die Österreich 2008 ratifiziert hat, soll dazu dienen, dass alle ein Recht darauf, normal zu leben, zu arbeiten und zu wohnen.

Zum KURIER Talk mit Präsident Henckel-Donnersmarck

Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es in Österreich noch Sonderschulen, die auch als solche bezeichnet werden. Was spricht aus Ihrer Sicht, der Sie für Inklusion eintreten, gegen Sonderschulen? 

Die Sonderschulen sind nichts, was man von Grund auf nur verteufeln darf, denn es hatte und hat alles seine Berechtigung. Es gibt Menschen, die mit einer Beeinträchtigung ganz normal am Leben teilnehmen können, und solche mit einem sehr hohen Förderbedarf. Es gibt Menschen, die brauchen spezielle WC-Anlagen, die man sicher nicht in jede Schule einbauen kann. So, wie man umgekehrt viele Assistenzgeber braucht, um Menschen im Nicht-Sonderschul-Setting ordentlich unterstützen und Inklusion leben zu können. Wir plädieren dafür, dass man Sonderschulen nicht zwingend zusperrt, sondern sie aufsperrt und öffnet, denn Inklusion soll für jeden gelten.

Die Lebenshilfe engagiert sich im Speziellen auch dafür, dass Inklusion am Arbeitsplatz gelebt wird ...

Man muss davon ausgehen, dass jeder Mensch in Arbeit Erfüllung findet. Keiner ist gerne arbeitslos. Auch wenn wir Menschen ohne jegliche intellektuelle Beeinträchtigung anschauen oder eine Befragung unter Langzeitarbeitslosen: Sie werden niemanden finden, der gerne arbeitslos ist – weil man sich wertlos fühlt. Die Leute wollen arbeiten, wollen etwas tun, der Gesellschaft einen Nutzen bringen. Und genau das gilt auch für unsere Assistenznehmerinnen und Assistenznehmer. Sie wollen auch einen Nutzen bringen, und das tun sie in ganz unterschiedlicher Form.

Gibt es Ihrer Meinung nach gegenwärtig mehr Bereitschaft seitens Betrieben, Menschen mit Beeinträchtigung zu engagieren?

Das hängt von der inklusiven Bildung ab. Je mehr Erfahrungen Leute – und damit meine ich auch Unternehmer – schon in der Kindheit mit Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung gemacht haben, desto eher können sie sich das im Berufsleben vorstellen. Je weniger Erfahrungen sie haben, desto größer sind die Berührungsängste. Der Grund, warum ich heute hier sitze, ist: Es ist mir früher furchtbar auf den Wecker gegangen, wenn die Leute angefangen haben zu tuscheln, wenn ich mit meinem Bruder, der eine Beeinträchtigung hat, ein Lokal betreten habe. Das war für mich als Kind ein Unding, weil mein Bruder war für mich mein Bruder. Ich bin ja mit ihm groß geworden und habe überhaupt nicht verstanden, warum alle über ihn reden. Heute ist es schon sehr viel besser geworden. Das muss man wirklich sagen. Ein großer Dank an die Zivilgesellschaft, die so viele Initiativen mitträgt.

Kommentare