Politik | Inland
04.11.2018

"Wir sind entsetzt": Migrationsforscher kritisieren Regierung

Mehr als 30 Wissenschaftler bekunden ihr Unverständnis über Österreichs Rückzug aus dem UN-Migrationspakt.

Zahlreiche Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Migration auseinandersetzen, fordern die Regierung offiziell auf, ihren Kurs zu korrigieren. In einem offenen Brief kritisieren mehr als 30 Migrationsforscher die türkis-blaue Entscheidung, den Migrationspakt der Vereinten Nationen (UNO) nicht zu unterzeichnen.

Als Wissenschaftler, die seit langem an österreichischen Universitäten zu den Ursachen, Folgen und Rahmenbedingungen von Migration forschten, "sind wir entsetzt über die Entscheidung der österreichischen Bundesregierung, sich aus dem UN-Migrationspakt zurückzuziehen", heißt es im Schreiben.

"Trotz aller Kritik, die an diesem Pakt möglich ist, besteht seine Bedeutung darin, Migration als globale Agenda anzuerkennen", monieren die Wissenschaftler. Sich als Land aus einem Pakt herauszunehmen, der zuvor im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft endverhandelt und gebilligt worden sei, "ist nicht nur ein Affront der internationalen Gemeinschaft gegenüber, sondern vor allem auch kleingeistig. Statt sich am Aufbau einer an Prinzipien von Gleichheit und Gerechtigkeit orientierten Weltordnung zu beteiligen, setzt Österreich, das selbst seit Jahrzehnten großen volkswirtschaftlichen und kulturellen Nutzen aus Migration zieht, ein Zeichen einer Selbstbezogenheit, die vor den realen Gegebenheiten die Augen verschließt."

Die Bundesregierung begründe ihre Entscheidung mit dem Vorrang nationaler Interessen. "Aber Österreich steht nicht abseits dieser Welt", schreiben die Forscher weiter. "Migration hat viele Gesichter. Sie kann freiwillig gewählt sein, aber jede und jeden unfreiwillig treffen, wie auch die österreichische Geschichte lehrt."

Unter den Unterzeichnern sind unter anderem der Soziologe Christoph Reinprecht, die Politikwissenschaftlerin Sieglinde Rosenberger und die renommierte Migrationsforscherin Gudrun Biffl.