Vom Massenheer zur Miliz: Warum Österreich die Wehrpflicht hat

Seit Putins Angriff auf die Ukraine und Trumps auf die Sicherheitsordnung diskutiert auch Österreich wieder über die Wehrpflicht. Ihre Geschichte pendelt zwischen Monarchie, Republik, Diktatur und Neutralität.
Angelobung von Franz Jonas 1965

In einer böhmischen Kleinstadt schreibt 1871 ein Rekrut an seine Eltern, er habe beim Heer „zum ersten Mal Männer aus allen Ländern der Monarchie gesehen“. Kommandos in einer Sprache, Flüche auf Deutsch, Tschechisch, Kroatisch, Ungarisch. Die Armee: Spiegel des Reichs.

Die Habsburgermonarchie hatte in den Kriegen gegen Napoleon gelernt: Massenheere entscheiden Schlachten. Frankreich mobilisierte seine Bürger. Preußen reformierte nach 1807 sein Heer – allgemeine Wehrpflicht, kurze Dienstzeit, starke Reserve. In Wien sah man aufmerksam zu.

Nach der Niederlage gegen Preußen 1866 war endgültig klar: Das alte System reichte nicht mehr. „1868 wird in Österreich die allgemeine Wehrpflicht beschlossen, weil das ein Trend des 19. Jahrhunderts war. Die großen neuen Massenarmeen ließen keine andere Wahl“, sagt der Historiker Hannes Leidinger. Das sei auch der Demokratisierung geschuldet gewesen:

Das bedeutete nicht nur, dass man der Bevölkerung im Sinne der politischen Teilhabe bestimmte Rechte gibt, sondern auch Pflichten überantwortet.

von Hannes Leidinger

Historiker

Zeitleiste zeigt die Entwicklung der Wehrpflicht in Österreich von den Habsburgern bis heute, mit historischen Fotos, wichtigen Reformen und aktuellen Zahlen zu Soldaten und Zivildienstleistenden.

Nach Jahrhunderten, in denen zunächst Söldnerheere dominierten, ist Österreich-Ungarn Wehrpflichtmonarchie geworden. 1914 zeigt sich, was das bedeutet: Millionen Männer in Uniform. „Die Habsburgerarmee hat schätzungsweise 7,5 bis neun Millionen Mann mobilisiert“, präzisiert der Historiker. Vier Jahre später werden drei Millionen in Kriegsgefangenschaft geraten sein. „Internationale Statistiken belegen, dass Kriegsgefangenschaft das Erlebnis der österreich-ungarischen Soldaten war. Keine andere Armee hat so viele Soldaten in feindliche Gefangenschaft verloren.“

Erste Republik

Nach 1918 dann der radikale Bruch. Eine Republik entstand, die sich militärisch kaum bewegen durfte. Der Vertrag von Saint-Germain beschränkt das Militär drastisch: ein kleines Berufsheer, keine allgemeine Wehrpflicht. „Parallel haben wir es aber mit unheimlich vielen Paramilitärs zu tun. Manche regierungsnahe, andere nicht. Das nahm dem kleinen Berufsheer die Möglichkeit, sich als Ordnungskraft durchzusetzen, und war politisch brandgefährlich“, analysiert Leidinger. „Man versuchte die zersplitterte paramilitärische Landschaft zu überwinden, was nicht so richtig gelungen ist.“

Totaler Zugriff auf Menschen

Österreich war instabil. 1938 endete die Selbstständigkeit. Mit dem „Anschluss“ wurden österreichische Männer Teil der deutschen Wehrmacht, mit einer Dienstzeit ohne klar definiertes Ende – sie dauerte, solange der Krieg dauerte. Die Wehrpflicht wurde zum totalen Zugriff auf den Menschen. Wer eingezogen war, gehörte nicht mehr nur einem Staat, sondern einer Ideologie.

Als 1945 die Waffen schwiegen, gab es zunächst kein österreichisches Heer. Zehn Jahre lang blieb das Land unter alliierter Besatzung. Dann, auf dem Balkon des Belvedere, rief Außenminister Leopold Figl den berühmten Satz von der Freiheit. Freiheit bedeutete auch: eigene Verantwortung für Verteidigung. Mit Staatsvertrag und immerwährender Neutralität wurde die Wehrpflicht wiederbelebt. Die Miliz war tragendes Element; im Ernstfall sollten ehemalige Rekruten wieder einrücken. Im Kalten Krieg wuchs die Mobilisierungsstärke auf 300.000 Mann für den Ernstfall.

Zeitgeist ändert Militär

In den 1970er-Jahren brachten gesellschaftliche Veränderungen – Pazifismus, Individualisierung – neue Wertvorstellungen. Und den Zivildienst als Alternative. Junge Männer können aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe verweigern. Der Staat bleibt beim Prinzip der Pflicht, öffnet aber einen zweiten Weg.

Als der Eiserne Vorhang fiel, schwand auch die Bedrohung aus dem Osten. In den 1990er-Jahren halbierte sich das Heer. Die Wehrpflicht blieb, ändert sich aber: Katastrophenschutz, Assistenzeinsätze, internationale Missionen.

Aktuell erzwingen geopolitische Veränderungen – Neutralität hin oder her – Debatten über die Verteidigungsfähigkeit Österreichs. 2013 jedenfalls entschied eine Volksbefragung, dass die Wehrpflicht bleiben sollte.

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