Klaudia Tanner

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Porträt
01/12/2020

Verteidigungsministerin Tanner: "Es reizt mich, Pionierin zu sein"

Das Bundesheer ist fast bankrott, und eine Frau soll es richten. Warum die Niederösterreicherin Klaudia Tanner Krisenjobs anstrebt.

von Ida Metzger

Frauen kommen oft erst ganz nach oben, wenn es für Männer nichts mehr zu gewinnen gibt. So war es nach dem Ibiza-Video, als Österreich plötzlich die erste Bundeskanzlerin bekam. Und so lässt sich auch der Job des Verteidigungsministers bezeichnen. Mehrmals war aus den Koalitionsverhandlungen zu hören, keiner reiße sich um das Heer – warten doch viele Minenfelder auf den neuen Heeres-Chef.

Es fehlen Milliarden, das Heer ist nicht mehr in der Lage, seinen verfassungsmäßigen Auftrag zu erfüllen. Wie geht es mit den Eurofightern weiter? Ex-Minister Thomas Starlinger sprach davon, dass das „Heer bald pleite“ sei. Und siehe da: Ausgerechnet in dieser prekären Situation ernennt ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz erstmals eine Frau zur Heereschefin: die Niederösterreicherin Klaudia Tanner (49).

Keine Scheu vor Männerdomänen

Vielleicht auch deshalb, weil die Mutter einer 14-jährigen Tochter das Image hat, gerne in Männerdomänen einzudringen. Man könnte fast sagen, es ist eine Leidenschaft der jovialen Tanner. Bevor sie am Dienstag als erste Verteidigungsministerin Österreichs angelobt wurde, war die Juristin im Innenministerium tätig, dann später als Direktorin beim Technologieunternehmen Kapsch und die vergangenen neun Jahre als Bauernbund-Direktorin – auch in dieser Position war sie die erste Frau.

„Die Verteidigung war mein Wunschressort. Es reizt mich einfach, Pionierin zu sein. Vielleicht sind in heiklen Situationen Frauen besser, weil wir andere Zugänge haben“.

Welche charakterlichen Ingredienzen benötigt es, damit man sich in einer Männerwelt durchsetzt? „Es braucht vor allem viel Mut. Man darf aber auch nicht übermütig werden. Es wird ein schwieriger Weg werden, da mache ich mir nichts vor. Aber es ist gut, dass man mir das zutraut“, beschreibt Tanner ihre neue Aufgabe, das ausgehungerte Bundesheer wieder auf Vordermann zu bringen.

Familiäres Netz unverzichtbar

Ebenso offen gibt sie zu, dass Muttersein und eine Führungsposition auszuüben kein Honiglecken sei. Tanner zählt nicht zu jenen Frauen, die hier Schönfärberei betreiben. „Ich habe immer rund um die Uhr gearbeitet. Ohne mein familiäres Netz hätte ich die Karriere nicht geschafft“, erzählt Tanner.Als „hart, aber herzlich“ bezeichnet sie ihren Führungsstil. Ihre leutselige Art dürfe man nicht unterschätzen, denn konfliktscheu, wie man es Frauen gerne nachsagt, sei sie nicht. „Hart bin ich, wenn es darum geht, das Ziel zu verfolgen. Dabei geht die Herzlichkeit aber nicht verloren, weil ich ein positiv denkender Mensch bin und die Menschen mag“, beschreibt sich Tanner.

21 unterschiedliche Dienstgrade, Morgen-Appell, Salutieren, Befehlsausgabe, wie groß ist ein Kompanie oder eine Brigade – für Tanner gibt es derzeit viel zu büffeln, um im Militärjargon sattelfest zu werden. „Da bin ich mittendrin im Lernen.“ Und sie zeigt sofort die Aktenmappe, wo alle Details über das Heer griffbereit sind. Aber „Neuland“, sagt die neue Heereschefin, sei es „eben für beide Seiten“.

Frau für Befehle

Befehle, sie sind in der modernen Arbeitswelt eher ein Tabu. Da motivieren Führungskräfte lieber, als Befehle zu diktieren. Beim Militär steht die Befehlsausgabe auf der Tagesordnung. „Das ist für mich nichts Neues. Befehle habe ich schon öfters gegeben, auch wenn ich es so nicht genannt habe“, erzählt sie lachend.

Ihr Premierenbefehl „Abrücken“ an die Garde bei der Amtsübergabe in der Wiener Rossauer Kaserne am vergangenen Dienstag habe sie aber dann trotzdem als besonderen Moment erlebt. „Als ich sah, wie mein Befehl in der hierarchischen Struktur genau befolgt wurde, erfüllte mich das mit Verantwortungsbewusstsein“, schildert Tanner.

In diesem Punkt ortet sie auch einen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Führungskräften. „Manche Männer fühlen sich in diesem Moment mächtig. Mir hat es meine Verantwortung noch mehr vor Augen geführt.“

Greift heiße Eisen an

Einer, der ebenso aus dem niederösterreichischen Machtapparat kommt wie Tanner, ist Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka. Er kennt die Heeres-Chefin seit vielen Jahren und traut ihr eine Reform zu. Wenn man eine Frau sucht, die für den Job „prädestiniert ist, dann Tanner“. Denn sie besitze den „nötigen Mut, heiße Eisen anzugreifen, und hat den Blick fürs Wesentliche“. Ihr traut er es zu, das Bundesheer zu einem Milizheer nach skandinavischem Vorbild etwa wie in Finnland aufzurüsten. „Denn sie macht nichts halbherzig und hat die Kraft, etwas in Umsetzung zu bringen.“