© Julian Poeschl

Interview
09/16/2021

Train of Hope Mitgründer: "2015 dürfte sich in vielerlei Hinsicht wiederholen"

Menschenrechtsaktivist Julian Pöschl spricht über Parallelen und Unterschiede zwischen 2015 und der aktuellen Debatte rund um die Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan.

von Elisabeth Hofer

Als im Septebmer 2015 - vor genau sechs Jahren -  der Flüchtlingsstrom aus Syrien nach Europa einsetzte, hat Julian Pöschl (28) am Wiener Hauptbahnhof die Train of Hope Bewegung mitbegründet und die Arbeit der Freiwilligen koordiniert. Mit dem KURIER blickt der Menschenrechtsaktivist zurück und spricht über die aktuelle Situation.

Herr Pöschl, wir hören jetzt überall, das Jahr 2015 darf sich nicht wiederholen. Wie sehen Sie das?  

Ich halte das für menschenverachtend und zynisch. Ein Jahr kann sich nicht wiederholen. Aber wir lassen außer Acht, dass 2015 in vielerlei Hinsicht ein sehr gutes Jahr war. Es hat gezeigt, dass es in Österreich hunderte, tausende Menschen gibt, die bereit sind, Empathie zu zeigen, für andere da zu sein und die, selbst wenn sie davor noch nie politisch aktiv waren, auch mit am Bahnhof standen und angepackt haben. Viele Menschen, die 2015 hergekommen sind, sprechen heute perfektes Deutsch, versuchen sich zu integrieren, ihr Bestes zu geben und dem Staat etwas zurückzugeben. Wenn ich mir das anschaue, kann ich einfach nur sagen: 2015 dürfte sich in vielerlei Hinsicht wiederholen.  

Wie interpretieren Sie denn die Aussagen, 2015 darf sich nicht wiederholen? Was ist damit gemeint? 

Wenn  Sebastian Kurz oder Armin Laschet sagen, 2015 darf sich nicht wiederholen, dann geht es ihnen um die fehlende Lenkung und fehlende Ordnung. Aber 2015 war ja kein Versagen der Zivilgesellschaft, kein Versagen der Menschen, die auf der Flucht waren. Es war ein Versagen der Politik. Wir konnten schon Monate davor sehen, dass Menschen sich auf den Weg machen, dass ganze Gruppen von Menschen einfach nicht mehr wissen, wohin und Richtung Europa gehen. Das war nicht von einem Tag auf den anderen. Aber politisch ist es natürlich deutlich leichter, Menschen in Angst vor Zuwanderung zu versetzen damit Wählerstimmen zu fangen. 

War die sogenannte “Willkommenskultur” ein Anreiz für viele, nach Europa zu kommen? 

Wir wurden auch oft Invasionskollaborateure genannt. Aber es geht ja nicht darum, die ganze Welt aufzunehmen oder herzuholen. Das will niemand. Es ist auch nicht vorgesehen, dass alle nur nach Österreich kommen. Europa ist ein Kontinent mit hunderten Millionen von Einwohnern. Ich bin auch der fixen Überzeugung, dass das, was wir damals an den Bahnhöfen gemacht haben, der erste Schritt zu erfolgreicher Integration war. Wenn ich jemanden in mein Haus lasse und ihm ein Bett gebe und etwas zu essen, dann wird mich dieser Mensch nicht ausrauben. Die wenigsten Menschen machen etwas Illegales aus Jux und Tollerei, sondern weil wir ihnen keine anderen Perspektiven bieten. Wenn diese Menschen kriminell werden, dann, weil in den Magistraten nicht das Telefon abgehoben wird und somit Asylanträge und Asylprozesse Jahre dauern, in denen die Leute nicht arbeiten können. 

Hilfe vor Ort ist ja das Stichwort der Stunde. Das haben wir jetzt auch von fast allen Parteien von rechts bis  links gehört. Was halten Sie davon? 

Hilfe vor Ort ist natürlich notwendig. Aber die Diskussion wird nicht zu Ende geführt. Man sagt Hilfe vor Ort und damit ist die Diskussion beendet. Was dann passieren soll, was sinnvollerweise gemacht werden soll, darüber wird nicht geredet.  Weil es den Menschen, die diese dieses Argument verwenden, ja in Wahrheit darum geht, dass die Wähler sagen, „das ist richtig und deswegen kann ich mich noch irgendwie mit dieser Partei identifizieren, die wollen die Leute ja nicht alle verhungern und verrecken lassen“.  

Wenn wieder ein Flüchtlingsstrom nach Europa einsetzen würde, würden sie wieder am Bahnhof stehen?  

Ich wäre sofort dort. Das habe ich kürzlich auch auf Facebook gepostet und überwältigende Rückmeldungen bekommen von vielen Menschen, die sofort wieder mit mir dort stehen würden. Von jung bis alt, von gebildet bis ungebildet und von wohlhabend bis weniger gut ausgestattet. Es hat nichts damit zu tun, ob man jetzt jung und dumm ist oder ob man schon etwas im Leben gelernt hat.  

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