Holocaust-Gedenktag im Zeichen des Erinnerns – und der Warnung

GEDENKVERANSTALTUNG ISRAELITISCHE KULTUSGEMEINDE (IKG) ANL. DES INTERNATIONALEN HOLOCAUST-GEDENKTAGES
Österreichs Parlament erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 81 Jahren mit einer Gedenkveranstaltung für Schülerinnen und Schüler.

Alle im Nationalrat vertretenen Parteien gedenken am Dienstag der Opfer des NS-Regimes und verwiesen im Vorfeld zugleich auf „neue Formen des Antisemitismus“, denen entschieden entgegenzutreten sei. Ab 15 Uhr ist im Hohen Haus eine Gedenkveranstaltung angesetzt, die sich besonders an Schülerinnen und Schüler sowie geladene Gäste richtet. 

Im Mittelpunkt steht das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus – verbunden mit einer Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur jüdischer Menschen. Am Programm stehen unter anderem: eine Lesung der Schauspielerin Martina Ebm aus dem Buch "Weiter leben. Eine Jugend" von Ruth Klüger, und eine Keynote von Kultusrat Elie Rosen, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für die Bundesländer Salzburg, Steiermark und Kärnten.

Politische Akzente kamen im Vorfeld aus mehreren Richtungen: EU-Innen- und Migrationskommissar Magnus Brunner (ÖVP) betonte, die jüdische Kultur sei „untrennbar mit der europäischen Geschichte verwoben“ und müsse „heute und auch in Zukunft“ geschützt und gefördert werden. Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) traf vor dem Gedenktag IKG-Präsident Oskar Deutsch; Thema waren das gemeinsame Gedenken und aktuelle Herausforderungen im Kampf gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und andere Formen der Hasskriminalität.

In etlichen Aussendungen erinnerten die Parteien außerdem an den Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau 1945, in dem über eine Million Menschen ermordet wurden. SPÖ-Chef und Vizekanzler Andreas Babler sprach von der Verpflichtung, „Demokratie und Menschenrechte zu bewahren“. NEOS-Vorsitzende Beate Meinl-Reisinger erinnerte an die systematische Ermordung von sechs Millionen jüdischen Menschen. FPÖ-Chef Herbert Kickl nannte den „industriell betriebenen, millionenfachen Massenmord“ das „finsterste Kapitel“ der österreichischen Geschichte; daraus folge der Auftrag, „immer und überall“ für Freiheit, Demokratie und die Würde des Menschen einzutreten. Für die Grünen mahnte Lukas Hammer, der Tag erinnere daran, „dass das, was nie wieder passieren darf, wieder passieren kann“ – und verwies darauf, Antisemitismus sei nach 1945 nicht einfach verschwunden.

Forschungsprojekt mit Biografien der Nachfahren von NS-Opfern

Parallel zum parlamentarischen Gedenken wurde ein neues Forschungsprojekt vorgestellt, das den Blick auf die Biografien der Nachfahren von NS-Opfern richtet: Über die Familiengeschichten der mehr als 43.000 „Wiederösterreicherinnen und Wiederösterreicher“ soll stärker geforscht werden. 

Staatssekretär Sepp Schellhorn (NEOS) und Nationalfonds-Vorsitzende Hannah Lessing kündigten zwei dreimonatige Forschungsaufenthalte an, die im Frühsommer vom Außenministerium mit insgesamt 100.000 Euro finanziert werden sollen – in Israel oder Großbritannien. 

Historikerinnen und Historiker aus Österreich sollen gemeinsam mit „Wiederösterreicherinnen und Wiederösterreichern“ deren Familiengeschichten aufarbeiten; nach einer Evaluierung ist eine Ausweitung auf weitere Länder sowie künstlerische und pädagogische Bereiche geplant. Lessing berichtete von wachsendem Interesse gerade in der dritten Generation, die Familiengeschichte zu erforschen: „Diese Generation ist bereit, sich zu ihren Wurzeln zu bekennen.“

Kuratorium des Zukunftsfonds neu konstituiert

Auch institutionell gibt es Bewegung in der staatlichen Erinnerungspolitik: Am Holocaust-Gedenktag konstituierte sich das Kuratorium des Zukunftsfonds der Republik Österreich neu – ohne größere Änderungen für die Funktionsperiode bis 2030. Herwig Hösele wurde einstimmig zum Vorsitzenden gewählt, auf Vorschlag von Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP). Max Kothbauer wurde einstimmig zum Stellvertreter bestimmt. Weiterhin gehört auch FPÖ-Nationalratspräsident Walter Rosenkranz dem Gremium an; weitere Mitglieder sind Marie-Theres Arnbom, Ex-Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP), die ehemalige grüne Abgeordnete Terezija Stoisits und der frühere Botschafter Helmut Tichy.

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