Politik | Inland
14.07.2018

Wandern mit Kurz: „Mein Gott, der schaut heit’ jung aus“

Der Kanzler wanderte bei Kaiserwetter mit 2500 Fans am Grazer Hausberg – ein Spaziergang

„Herr Kurz, ich sag Ihna wos, bei uns im Ort muss sich was ändern. Können’s nicht auch amal nach Friedberg zum Wandern kommen?“

Die Mittfünfzigerin, die „ihren“ Kanzler so gerne in ihrer nordoststeirischen Heimatgemeinde begrüßen würde, ringt nach Atem – es fällt ihr nicht leicht, auf rund 1000 Meter Seehöhe den schnellen Schritt des Regierungschefs über Stock und Stein zu halten. Aber sie bemüht sich, schließlich regiere bei ihr Zuhause ein „Sozi“ als Bürgermeister, der sei weltfremd und müsse weg, wird sie später erklären. Bei diesem Plan könne die Zugkraft des Kanzlers nicht schaden.

Der Angesprochene schaut erst etwas skeptisch, verweist dann aber freundlich auf „den Markus“, seinen ihm hinterherhudelnden Mitarbeiter – von diesem bekommt die Frau mit den kurzen, dunklen Haaren eine Visitenkarte . „Melden Sie sich ruhig bei uns“, richtet Kurz aus – und marschiert davon.

Die Friedbergerin ist eine von rund 2500 Kurz-Fans, die an diesem Vormittag mit dem Kanzler auf Bergwanderschaft geht. Nun, zum Beginn der Polit-Sommerpause, startete Kurz eine Serie an Wanderungen mit seiner „türkisen Bewegung“. Der Auftakt der Tour ging am Grazer Hausberg – dem knapp 1500 Meter hohen Schöckl – über die Bühne.

Flankiert von Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer, Familienministerin Juliane Bogner-Strauß und Einpeitscher Peter L. Eppinger bedankt sich Kurz vor Beginn des gut zweistündigen Aufstiegs in einer Ansprache für die Unterstützung in den vergangenen Monaten, einmal mehr gibt er dabei seine Klassiker („Illegale Migration stoppen“, „Schuldenpolitik beenden“, „Veränderung!“) zum Besten. Für die Musik beim Auftakt sorgt die Buben-Band des örtlichen Bürgermeisters-Sprösslings – deren Name („Endlich Montag“) direkt aus dem ÖVP-Wirtschaftsprogramm stammen könnte.

 

Der Kanzler, den man sonst nur im blauen Anzug mit weißem Hemd und schwarzen Schuhen kennt, gibt sich dabei sportlich: Kurz trägt T-Shirt (oststeirischer Passant: „Schau, da Kanzler hat a Leiwl a“), Funktionshose und Rucksack. Das sorgt für Aufsehen, auch bei einem pensionierten Lagerarbeiter, der Kurz nur aus dem Fernsehen kennt: „Mein Gott, der schaut heit’ jung aus, so ganz ohne Anzug.“

 

Wer aber sind die Leute, die extra für eine Wanderung mit dem Kanzler durch das Bundesland reisen?

Da ist etwa ein älteres Ehepaar aus Bad Blumau; zwar haben sie „den Retter der Schwoazn“, wie sie Kurz ehrfürchtig nennen, bereits im Wahlkampf gesehen, für ein Selfie habe die Zeit damals aber nicht gereicht. Das soll, so der gefasste Plan, heute nachgeholt werden.

Ein anderer, er ist Bürgermeister, wünscht sich indes eine neue Autobahnabfahrt vom Kanzler.

Wieder ein anderer – er stammt aus Bosnien und will Anwalt werden – bedankt sich für harte Asylpolitik und Moscheenschließungen. Die meisten aber wollen nur plaudern und ein Selfie. Der Altersschnitt liegt jenseits der 50 Jahre, knapp die Hälfte der Wanderer der „türkisen Bewegung“ besteht aus ÖVP-Funktionären, schätzen anwesende Schwarze. Viele tragen Tracht.

Der ÖVP-Chef wird über die gesamten 656 Höhenmeter gefeiert – eine Frau etwa jauchzt: „Kurz soll vorgehen zum Gipfel, wir folgen ihm.“ Nur hie und da spricht ihn einer auf den 12-Stunden-Tag an, brenzlig wird es für den höflich auftretenden Kanzler aber nie – auch nicht bei den Fragen anwesender Regionaljournalisten („Herr Bundeskanzler, wie erklären Sie sich so einen tollen Zuspruch hier?“).

Heikle Fragen passen aber ohnehin nicht in die Schönwetter-Inszenierung vom Schöckl. Gefragt nach der heftig kritisierten Ansage von FPÖ-General Harald Vilimsky, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker müsse wegen „Alkoholproblemen“ abtreten, sagt ein plötzlich ernst werdender Kurz nur eines – und zwar, dass er die Frage heute nicht beantworten werde.

Diashow: Das Wandern ist schon lange der Politiker Lust

Das Wandern ist des Politikers Lust

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2016: Van der Bellen im Kaunertal

2012: Ex-Präsident Fischer bei Mürzsteg

2017: Kanzler Kern im Mariazeller-Land

2006: SPÖ-Chef Gusenbauer in Radlerhosen

2000: Haider mit Frau und Fans in Kärtnen

2004: Kanzler Schüssel mit Bergsteiger Peter Habeler