Politik | Inland
11.11.2018

Wie und wann sich Österreichs Nationalstolz entwickelt hat

Manfried Rauchensteiner: Der Historiker über Nationalstolz und Demokratieverständnis.

Er ist einer der renommiertesten Historiker des Landes. Selbst Hugo Portisch vertraut auf die Expertise von Manfried Rauchensteiner, der mit Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie ein hoch angesehenes Standardwerk über die Urkatastrophe am Beginn des 20. Jahrhunderts geschrieben hat.

Für den KURIER analysiert der ehemalige Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, wie und wann sich Österreichs Nationalstolz entwickelt hat und ob wir überzeugte Demokraten sind.

 

KURIER: Herr Rauchensteiner, vor 100 Jahren hatte Österreich nicht einmal den Mut zur Existenz, war geschrumpft und ein Armenhaus. Heute besitzen wir einen Nationalstolz. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Manfried Rauchensteiner: Das heutige Österreich hat nun zu einem Normalmaß an Nationalstolz gefunden, denn der war in den 1970ern und 1980ern dramatisch übersteigert. Damals gab es demoskopische Untersuchungen, über die Frage des nationalen Bewusstseins. Da kam heraus, dass wir vor Frankreich lagen und nur knapp hinter den USA. Das war erstaunlich, und diese Entwicklung hätte man 1918 sicher nicht zu erahnen gewagt. Heute kann man sagen: Österreich hat seine Identität gefunden. Es ist ein Land, das prosperiert und manchmal sogar ein wenig zu selbstzufrieden wirkt.

Der Nationalstolz hat sich also in den 1970ern entwickelt. Was war die Ursache – Bruno Kreisky oder der Wirtschaftsaufschwung ?

Österreich hatte in der Welt zweifellos Geltung gehabt und immer mehr davon bekommen. Wir sind mehrfach in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gewählt worden. Wir haben mit Kurt Waldheim den Generalsekretär der UNO gestellt, der damals noch ein höchst angesehener Mann war und erst später in Verruf gekommen ist. Es gab den wirtschaftlichen Aufschwung, das alles hat die übersteigerte Identitätsbildung ausgelöst.

Die Demokratie ist in den Anfängen relativ schnell gescheitert. Sind die Österreicher heute überzeugte Demokraten?

Ich würde sagen, wir sind überzeugte Republikaner. Der Großteil sind auch überzeugte Demokraten. Das was noch in den 50er- und 60er-Jahren eine Rolle spielte, nämlich dass es in Meinungsumfragen noch immer Kräfte gab, die mit Demokratie nicht viel anfangen konnten, ist ziemlich passé. Die Monarchie steckt klarerweise auch noch im ganzen Land, aber am wenigsten in den Menschen. Wir haben nach wie vor die Reichshaftung. Das bedeutet, wir haben mit allen positiven und negativen Aspekten dafür einzutreten, was einmal gewesen ist. Diese Reichshaftung und dieses Erbe der Kunstschätze ist schon etwas Besonderes.

Ein schwieriges Verhältnis war stets die Beziehung zu unserem Nachbarn Deutschland. Warum?

Das Verhältnis hat viele Höhen und Tiefen, wobei man weniger an die Tiefen denkt. Das zeigt ein Beispiel deutlich: Ein fast unvorstellbarer Zwischenfall passierte 1955. Die deutsche Bundesregierung war über die Finalisierung des österreichischen Staatsvertrages regelrecht erbittert. Das veranlasste den damaligen deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer am 14. Mai 1955, also einen Tag vor der Unterzeichnung, den deutschen Geschäftsträger aus Wien abzuberufen. Das war ein Tiefpunkt des bilateralen Verhältnisses. Später hat sich das Verhältnis wieder normalisiert. Je nach dem welche politische Partei in Deutschland und in Österreich in der Regierung war, war die Übereinstimmung mal größer, mal weniger groß. Gelegentlich orientieren nicht nur wir uns an Deutschland, sondern Deutschland orientiert sich an uns, wenn man an die frühen 2000er-Jahre denkt. Da fragten sich die Deutschen: „Wie machen das die Österreicher nur?“

Die Konstrukteure der Zweiten Republik wie Karl Renner, Leopold Figl oder Julius Raab waren allesamt in der Ersten Republik politisch aktiv. Gab es bei diesen Männern ein kollektives Lernen, es beim zweiten Anlauf besser machen zu wollen?

Jetzt werde ich ein bisschen lästern : Stellen wir uns vor, Österreich wäre nicht besetzt gewesen? Es hätte nach meinem Dafürhalten eine andere Entwicklung genommen. Nicht zuletzt hat durchaus die Gefahr bestanden, mit den Argumenten, die vor 1938 gebraucht worden sind, sich das Leben schwer zu machen. Aber die zehnjährige Anwesenheit und die politische Dominanz der alliierten Truppen hat Österreich dazu gezwungen, dass es Abstand zur Vergangenheit nimmt und den Streit hintan stellt. Ich sehe nicht unbedingt, dass es ein kollektives Lernen gab. Aber die persönlichen Erfahrungen dieser Männer haben zumindest so viel gebracht, dass man Politik nicht als etwas sah, wo man in die Konfrontation ging, sondern man suchte den gemeinsamen Weg. Aus dieser Einstellung heraus hat sich dann die Große Koalition entwickelt, die über 20 Jahre doch gut funktionierte.

Was macht für Sie als Historiker die österreichische Seele aus? Oder ist diese Frage für einen Historiker zu wenig faktenbasierend ...

Ich fürchte, das ist zu viel Erwin Ringel (lacht). Das wüsste ich auch gerne, was die österreichische Seele ist. Ich fürchte, die österreichische Seele ist ein Traumgebilde, das man bei über acht Millionen Einwohnern nicht als eine Seele beschreiben kann. Ringel hat die österreichische Seele in erster Linie als etwas zu sehen versucht , wo das Negative eine große Rolle spielt. Natürlich gibt es Schattenseiten, aber für mich dominieren mehr die vielen Positiva.

Eine unserer Storys lautet „100 Gründe, Österreich zu lieben“. Was lieben Sie an Österreich?

Es existieren zahlreiche Umfragen mit der Frage : Was schätzen Sie an Österreich? Da wurde zu meiner Überraschung stets die Schönheit des Landes genannt. Bei der Frage nach den schönsten Bauwerken, war es der Stephansdom, und bei den historischen Persönlichkeiten führte Maria Theresia das Ranking mit Abstand an. Ist das nun etwas, woran wir die österreichische Seele festmachen können? Ich würde sagen – nein. Ich schätze die Sicherheit und die Lebensverhältnisse in diesem Land ganz außerordentlich. Das sollte man nicht als bloße Selbstverständlichkeit sehen. Dieser Zustand ruht auf einer gewissen historischen Basis, und zum Anderen ist es etwas, was hart erkämpft ist.

Österreich hat viele Umbrüche erlebt. Welcher hat Österreich am stärksten beeinflusst?

1945. Es ist zweifellos der Ausgangpunkt für vielerlei Entwicklungen, die zwar nicht konstant verliefen, aber ohne Brüche. Gleich nach dem Krieg dominierte die Erleichterung, die wenigstens waren sich im Klaren, wohin sich das Land entwickeln würde. In Nachhinein schaut der Prozess weniger holprig aus, als er tatsächlich war. Aber es ist eine Entwicklung, wo eine konstante Aufwärtsentwicklung zu beobachten war und ist. Daher sollten wir uns nur bemühen, dass wir es nicht abreißen lassen.