Politik | Inland
01.10.2018

Experte: Regierung errichtet in Schulen "soziale Trennwände"

Hopmann hält nichts von früherer Benotung und Durchfallen in der Volksschule - Gewerkschaft positiv, Opposition ortet Rückschritte.

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) hat die türkis-blaue Reform für Volks- und Mittelschulen vorgestellt – unter anderem mit der Rückkehr von Noten ab der zweiten Klasse Volksschule und einem Wiederbeleben von Leistungsgruppen in der Mittelschule.

Die Wiedereinführung von Leistungsgruppen – die Regierung plant zwei, "Standard" und "Standard-AHS" – sei „de facto nichts anderes als eine soziale Aufteilung“ und die Schaffung "sozialer Trennwände" in der Mittelschule, kritisierte Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann von der Uni Wien im Ö1-Mittagsjournal. Er geht in seiner Kritik noch einen Schritt weiter: "Eine Regierung, die eine Sozialpolitik macht, die viele Kinder in Armut stößt, sodass sie in der Schule kaum Erfolgschancen haben, sichert sozusagen ihre Klientel vor den Nebenfolgen ihrer Sozialpolitik ab", indem sie Trennungen schaffe.

Die bisherige Umsetzung der Neuen Mittelschule (NMS) – die Regierung lässt künftig das "Neu" aus dem Namen streichen –, einst von SPÖ-Bildungsministerinnen vorangetrieben, sieht Hopmann aber auch als keineswegs geglückt an. Das Vertrauen der Eltern in diesen Schultyp sei gestört, die vergangene rot-schwarze Regierung habe für ein "chaotisches Zick-Zack" verantwortlich gezeichnet.

 

"Gegen jeden Forschungsstand"

Minister Faßmann plant, an den Mittelschulen wieder eine fünfteilige Notenskala (statt bisher siebenteilig) einzuführen. Und: In der Volksschule können Kinder künftig auch wieder ab der 2. Klasse sitzenbleiben. Hopmann dazu: Sitzenbleiben nütze "keinem, sondern begründet langfristig schlechte Schulkarrieren". Die Rückkehr dieser Möglichkeit im frühen Alter sei „eine offensichtlich gegen jeden Forschungsstand sprechende Entscheidung“. Dass Noten wieder deutlich früher erteilt werden, sieht der Wissenschaftler vor allem als "Symbolpolitik".

Obwohl er mit den Reformen teilweise wenig anfangen kann, sieht Hopmann an der Basis, sprich in den Schulen, viel gute und flexible Arbeit, sodass er resümiert: "Auch diese Schulreform macht mir keine ernsthaften Sorgen."

Lehrergewerkschaft: Richtung stimmt

Für den Vorsitzenden der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft, Paul Kimberger, stimmt hingegen die Richtung des "Pädagogik-Pakets". Für eine endgültige Bewertung fehle allerdings noch der Gesetzesentwurf. "Meist liegt der Teufel im Detail." Die Abschaffung der siebenteiligen Notenskala an der NMS begrüßt er.

Auch die Möglichkeit zur Führung von Leistungsgruppen, über die die einzelnen Schulen entscheiden, sei ein Wunsch der Pädagogen gewesen. Gleichzeitig halte die Regierung daran fest, in der ersten und am Anfang der zweiten Klasse eine alternative Leistungsbeurteilung (als Ziffern) zu belassen. Dies stößt ebenfalls auf Zustimmung der Lehrergewerkschaft. Allerdings würden noch genaue Details zu den angekündigten neuen Bewertungsrastern fehlen, sagte Kimberger.

SPÖ sieht Retro-Politik

Die Opposition zeigt sich hingegen schwer enttäuscht. SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid sprach sich gegen eine "Rückkehr in die Nachkriegszeit" und "Notendruck auf die Jüngsten" aus. Auch die Neos orten ein Zurück in die "50er-Jahre", die Liste Pilz sprach ähnlich vom "Rückschritt als neuem Fortschritt".