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Politik | Inland
05/26/2019

Werner Kogler will für Herbst wieder "Team-Lösung"

Er selbst wolle nun ins Europaparlament einziehen. Um "Spitzenpersonal" bei den Grünen mache er sich keine Sorgen.

Die Grünen sind bundespolitisch wieder im Rennen. Lautstark gefeiert wurde das grüne Spitzen-Duo Werner Kogler und Sarah Wiener bei ihrem Eintreffen bei der grünen Wahlparty im Metropol. "Wir werden auf diesem Weg weiterarbeiten: Zurück zu den Grünen!", wiederholte Kogler sein Wahlkampfmotto unter großem Jubel über das zweistellige Ergebnis. Die Grünen seien "immer stärker auch eine Bewegung, und nicht nur eine Partei".

"Hinfallen, aufstehen, weitermarschieren" gab Kogler auch mit Blick auf den Herbst und die anstehende Nationalratswahl als Parole aus. "Es geht darum, in diesem Land neue Mehrheiten möglich zu machen. Nämlich "jenseits von korruptionsanfälligen Rasselbanden", so Kogler. Listenzweite Sarah Wiener sprach von einer "steilen Lernkurve" der vergangenen Wochen und sieht "erst den Anfang von etwas sehr, sehr Gutem". Politik müsse transparenter sein, anders kommunizieren und "näher an uns alle rücken, damit wir wirklich etwas bewegen".

"Erdig und hemdärmelig"

"Nach der Wahl ist vor der Wahl" - diese Phrase sei selten so zutreffend gewesen wie in diesem Fall, befand der Grüne Spitzenkandidat und Bundessprecher Werner Kogler gegenüber der APA. "Wichtig für Österreich wäre jetzt, dass die kleinen Parteien, also auch die NEOS, zulegen. Damit sich die Großen endlich nicht mehr gegenseitig zu Koalitionen erpressen können."

Das Ende von Türkis-blau nach der Ibiza-Affäre habe den Grünen nicht unbedingt genutzt, so Kogler. "Unsere Themen sind dabei in den Hintergrund getreten. Ich kann den Effekt noch nicht abschätzen - aber ich denke, vielleicht haben sich dann doch noch einige daran erinnert, dass wir nicht nur für eine saubere Umwelt, sondern auch für eine saubere Politik stehen."

Ob er selbst bei der kommenden Nationalratswahl antreten wird, wollte Kogler noch nicht definitiv beantworten. "Mein Ziel ist nun eigentlich einmal, ins Europaparlament einzuziehen", betonte er. Er trage aber als Bundessprecher auch die Verantwortung, eine funktionierende Spitze für die Nationalratswahl aufzustellen. "Ich bin da sehr für eine Team-Lösung. Um das Spitzenpersonal mache ich mir bei uns keine Sorgen."
 

Vom zweistelligen Ergebnis mit möglichem drittem Mandat zeigte sich Kogler "nicht nur überrascht, sondern überwältigt". Seine niedrigen Erwartungen seien nicht Mobilisierungstaktik gewesen. "Gute Umfragen waren bisher immer schlecht für uns." Was er aber im Wahlkampf bemerkt habe, sei das gewaltige freiwillige Engagement gewesen, "auf das wir ja derzeit auch angewiesen sind". Dieser Charakter einer "Bewegung" habe bei ihm Erinnerungen an den Präsidentschaftswahlkampf von Alexander Van der Bellen geweckt.

"Größte Comeback-Bewegung"

Im EU-Parlament will Kogler sich zunächst in die Zusammenstellung der Kommission und ihres Präsidenten einmischen. "Und dafür sorgen, dass da Leute zum Zug kommen, die Umwelt und Wirtschaft gemeinsam verfolgen." Das Thema des Klimaschutzes und der Veränderung hin zu einer biologischen Landwirtschaft sei ein Thema, das überall in Europa mehr Aufmerksamkeit errege. "Davon profitieren die Grünen überall enorm." Das Ergebnis der österreichischen Grünen sei allerdings "die größte Comeback-Bewegung der Grünen in ganz Europa".

Noch vor zwei Jahren standen die Grünen vor dem Abgrund: Nach schweren internen Turbulenzen, dem Abgang von Eva Glawischnig und der Gründung einer konkurrierenden Liste durch Peter Pilz flogen sie unter dem Duo Ingrid Felipe und Ulrike Lunacek aus dem Nationalrat. Es folgte eine Abschiedswelle; übrig blieb nur Kogler, der sich bereit erklärte, den Kopf hinzuhalten und zu retten, was noch zu retten war.

Unter dem Motto "Rudern statt Sudern" war der Volkswirt aus der Steiermark seither unermüdlich unterwegs, um die Grünen aus der Depression zu holen, die Parteifinanzen zu retten, neue (und vor allem jüngere) Köpfe an die Spitze zu bringen und die Partei auf die Kernthemen Ökologie und Gerechtigkeit zu fokussieren. Er sei "stolz darauf, ein Fundi zu sei", sagte Kogler jüngst und stellte sich damit nicht nur gegen die Rechtspopulisten in der Regierung, sondern auch gegen den Versuch der SPÖ, bisherige Grünwähler abzuwerben.

In vorderster Front der Grünen zu stehen, ist für Kogler ziemlich neu. Zwar fungierte er als Landessprecher in der Steiermark, im Bund war er aber eher auf Stellvertreter-Positionen abonniert, sei es im Parlamentsklub oder in der Bundespartei. Besser gefiel er sich als einer der gewichtigsten Aufdecker der Grünen (neben Pilz und der vor kurzem verstorbenen Gabriela Moser), etwa in der Causa Hypo.

Im Nationalrat galt er als gewitzter und wortgewandter Mandatar mit großer Geschäftsordnungskenntnis, allerdings mit Hang zur Weitschweifigkeit. Legendär war seine 12 Stunden und 42 Minuten dauernde Filibusterrede gegen den Budgetvoranschlag der Regierung im Jahr 2010, die er mit den Worten "Das ist eigentlich schon alles, was ich sagen wollte" beendete.

Seine beste Zeit vor dem jetzigen zweiten Frühling erlebte Kogler rund um die Nationalratswahl 2013, als die Grünen mit ihrem Anti-Korruptionskurs noch punkten konnten. Mit dem "Hypo-Krimi" tingelte er durch Österreich, und im Ausschuss zu dieser Causa war er Fraktionsführer. Seine berühmten Schachtelsatztiraden widmete er auch dem Kampf gegen die transatlantischen Freihandelsabkommen CETA und TTIP.

Kogler galt trotz der Selbstcharakterisierung als Fundi immer als Pragmatiker, guter Verhandler und leutseliger Vielredner. Stammgast ist er im bei Journalisten und Fußballfans beliebten Wiener Cafe Anzengruber, wo er - nach Eigenangaben - am liebsten einen Espresso oder ein steirisches Puntigamer-Bier zu sich nimmt.