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Politik Inland
09/05/2021

Ethikunterricht: Schule ohne Gott

Mit dem neuen Schuljahr startet der verpflichtende Ethikunterricht. Für die einen längst überfällig, für die anderen der völlig falsche Weg.

von Valerie Krb

Es ist der längste Schulversuch, der in Österreich jemals stattgefunden hat. 1997 startete der Ethikunterricht an acht Schulen für rund 200 Schülerinnen und Schüler. Nun, 24 Jahre später, geht er in den regulären Betrieb. Und zwar zunächst für alle in den neunten Schulstufen der AHS und BMHS, die sich vom Religionsunterricht abmelden.

Im Ethikunterricht soll es weniger um die Vermittlung von Wissen gehen, als um das gemeinsame Erarbeiten von Antworten auf Fragen, sagte Bildungsminister Heinz Faßmann im Juni bei einer Pressekonferenz. Laut Lehrplan ist die Philosophie fachliche Grundlage, behandelt werden Themen wie Menschenrechte, Beziehungen, Sucht, Medien, Natur und die Grundlagen der Weltreligionen. Gleichzeitig sollen solch ethische Fragen in den Religionsunterricht einfließen.

Faßmann sieht die Umsetzung als „Verflechtungsmodell“, beide Fächer würden quasi kooperativ die Aufgabe ethischer Bildung übernehmen, meinte er bei einer Tagung vergangenes Jahr. Und verteidigte das Modell sogleich gegen jene, die einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle fordern. Denn sie würden den Religionsunterricht zu kritisch sehen.

Einer dieser Kritiker ist Eytan Reif, Initiator des Volksbegehrens „Ethik für alle“. Im Interview erzählt er, warum es den Ethikunterricht bereits ab der Volksschule braucht, wieso das Modell den Religionsunterricht aufwertet und in welches Dilemma Lehrer geraten können.

KURIER: Sie setzen sich seit Jahren für den Ethikunterricht ein. Nun kommt er als Pflichtfach, wenn man sich von Religion abmeldet, Ihre Kritik aber bleibt. Wieso?

Eytan Reif: Der Ethikunterricht müsste ein Pflichtfach für alle sein, von der ersten bis zur zwölften Schulstufe. Es braucht ihn, um die Bildung abzurunden. Vor allem im jungen Alter gibt es die Notwendigkeit, sich mit ethischen Fragen auseinanderzusetzen. Der Ethikunterricht ist außerdem dazu da, um sich mit verschiedenen Weltanschauungen auseinanderzusetzen. Auch innerhalb der eigenen Klasse.

Was ist das Problem am jetzigen Modell?

Es gibt mehrere Kritikpunkte. Einerseits beginnt der Ethikunterricht mit der neunten Schulstufe viel zu spät. Ein Jahr später endet bereits die Schulpflicht. Andererseits soll das, was jetzt mit großem Tamtam beschlossen wurde, nur dazu dienen, die Abmeldung vom Religionsunterricht weniger schmackhaft zu machen. Weil es nun statt einer Freistunde das Pflichtfach Ethik gibt. Es ist also eine Aufwertung des Religionsunterrichts.

Sie vermuten dahinter ein Interesse der Religionsgemeinschaften?

Die katholische Kirche steckt maßgeblich hinter dieser Entscheidung. Zu Beginn war sie gegen Ethikunterricht. Ab 1997 duldete sie ausschließlich das Entweder-oder-Modell. 2009 kam es zum Meinungsumschwung. Die Kirche hat erkannt, dass sie aus der Not eine Tugend machen kann. In der Frühjahrskonferenz der Bischofskonferenz wurde beschlossen, den Ethikunterricht in dieser Form einzuführen, um den zunehmenden Abmeldungen vom Religionsunterricht entgegenzuwirken.

Aber es geht nicht nur um katholischen Religionsunterricht. Besonders beim islamischen wurde immer wieder gefordert, ihn nicht ganz von der Schule zu entkoppeln.

Das zeigt die Verlogenheit der gesamten Diskussion. Die Idee, dieses Modell des Ethikunterrichts einzuführen, wurde schon unter Türkis-Blau beschlossen. Also von Parteien, die immer wieder gegen den islamischen Religionsunterricht polemisiert haben. Damit fördern sie ihn aber. Denn einige muslimische Schüler, die bisher nicht den Religionsunterricht besucht haben, werden es jetzt tun, bevor sie in Ethik gehen. Das ist der Kollateralschaden, den man in Kauf nimmt, um den katholischen Religionsunterricht zu stützen.

Eytan Reif ist Mitinitiator des Volksbegehrens „Ethik für alle“ und Mitglied des Vorstandes der Initiative „Religion ist Privatsache“.

Das Volksbegehren fordert einen allgemein verpflichtenden Ethikunterricht für alle Schulstufen.

159.979 Unterschriften konnten für das Volksbegehren gesammelt werden. Im Juni wurde es im Unterrichtsausschuss behandelt.

Ihre Kritik bezieht sich auch auf Religionslehrer, die Ethik unterrichten. Wieso?

Wenn sich ein Religionslehrer in Ethik ausbilden lässt, ist prinzipiell nichts dagegen einzuwenden. Die Weltanschauung eines Lehrers sollte keine Rolle spielen. Ein gewisses Spannungsfeld bleibt aber. Nämlich dann, wenn sich Schüler vom Religionsunterricht abmelden, in Ethik aber denselben Lehrer vor die Nase gesetzt bekommen. Und es gibt auch ein Spannungsfeld aufseiten der Lehrer, das sich aus der Missio canonica ergibt. Also dem Auftrag, Religion in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche zu unterrichten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein katholischer Religionslehrer im Ethikunterricht einen ergebnisoffenen Diskurs zulässt, wenn es um Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe geht.

Liegt die ethische Erziehung der Kinder nicht letztlich bei den Eltern?

Auf jeden Fall. Die Schule versteht sich als ergänzend zur elterlichen Erziehung. Deshalb gibt es auch ein Indoktrinationsverbot. Man muss sich also fragen, inwieweit der Religionsunterricht noch eine Daseinsberechtigung hat. Die Mehrzahl der Kinder bekommt zu Hause herzlich wenig vom katholischen Glauben mit. Die Eltern waren schon lange nicht mehr in der Kirche. Aber das Kind geht in den Religionsunterricht, weil es sich so gehört. Damit wird die Schule zur primären religiösen Erziehungsquelle. Man kann also nachvollziehen, warum die Kirche sich derart für den Religionsunterricht einsetzt. Gibt es ihn nicht mehr, bricht der religiöse Nachwuchs weg.

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