Milizbeauftragter Hameseder: "Wir müssen kämpfen lernen, um nicht kämpfen zu müssen"
Der Vorsitzende der Wehrdienstkommission Erwin Hameseder.
KURIER: Herr Generalmajor, die Wehrdienstkommission empfiehlt nun eine deutliche Verlängerung der Wehrpflicht. Als Manager gefragt: Fehlt diese Arbeitskraft der jungen Männer dann nicht in den Unternehmen?
Erwin Hameseder: In einem Staat, noch dazu in einem neutralen, ist Resilienz eine gesamtgesellschaftliche Grundaufgabe. Damit sich eine Wirtschaft überhaupt dynamisch entwickeln kann, ist Sicherheit eine der Grundvoraussetzungen. Investitionen passieren nur in einem sicheren Umfeld. Und zu dieser Sicherheit muss jeder und jede ihren Beitrag leisten – und das weiß die Wirtschaft.
Wie erklären Sie einem Nicht-Soldaten den Unterschied zwischen sechs und acht Monaten Grundwehrdienst. Ist der tatsächlich so groß?
Wenn man davon ausgeht, dass noch immer viele Grundwehrdiener in der Systemerhaltung tätig sind, dann könnte man annehmen, das es kaum einen Unterschied gibt. Ich sage: Das muss sich ändern, der Anteil der Systemerhalter muss weiter zurückgehen. Denn all jene, die im Grundwehrdienst wirklich etwas lernen konnten und durften, erleben ihn als extrem positiv. Und allgemein muss man festhalten: Die Anforderungen in der Ausbildung sind insgesamt höher als vor zehn, zwanzig Jahren. Das neue Gerät ist anspruchsvoller, die Waffensysteme komplexer – entsprechend wichtig ist eine intensive Ausbildung. Lassen Sie mich ein Beispiel bringen: Früher wurden einem Soldaten für die medizinische Versorgung der Kameraden, salopp formuliert, zwei Mullbinden in die Hand gedrückt. Heute bekommt man ein Notfallpaket, an dem allein man mehrere Tage ausgebildet werden kann. Nicht nur, damit Soldaten selbst überleben, sondern damit sie ihren Kameraden im Gefecht helfen.
Ein Kommissionsmitglied hat gesagt: Frieden ist kein Naturzustand. Sind Österreich und Europa noch immer im Wohlfühlmodus?
Ich würde meinen, die Politik hat den Ernst der Lage durchaus erkannt und den Wohlfühlmodus beendet. Immerhin sind im Budget entsprechende Mittel für das Aufwachsen des Bundesheeres vorgesehen. Es ist ein Faktum, dass wir kämpfen lernen müssen, um im Falle des Falles nicht kämpfen zu müssen. Je stärker ich mich vorab aufstelle, desto größer ist meine Abschreckungsfunktion gegenüber möglichen Aggressoren.
Skandinavien denkt die Rolle der Frauen in der Armee neu. Warum nicht Österreich?
Wir haben uns als Kommission intensiv mit diesem Thema beschäftigt, die Skandinavier sehen die Wehrpflicht für Frauen als Element der Gleichberechtigung. In Österreich ist man gesellschaftspolitisch noch nicht soweit. Aber wir haben als Modell die freiwillige Stellung für Frauen ins Spiel gebracht – sie könnte den Zugang erleichtern. 2029 soll die Situation dann grundsätzlich evaluiert werden. Und wenn wir personell nicht das Auslangen finden, dann müssen wir uns als Gesellschaft auch mit der Frage der Wehrpflicht für Frauen beschäftigen.
Was wäre, würde die Bundesregierung die von ihnen vorgeschlagene Verlängerung der Wehrpflicht nicht umsetzen?
Das oberste Prinzip in der Demokratie ist der demokratische Prozess. Mit dem Bericht der Wehrdienst-Kommission wurde den gewählten Verantwortungsträger etwas zur Verfügung gestellt, was als Handlungsanleitung dienen soll. Mit allen Pro- und Contra-Argumenten, ohne parteipolitische Färbung. Ich verhehle aber nicht, dass es aus unserer Sicht in der gegenwärtigen Lage definitiv keine Option ist, einfach nichts zu tun und den Bericht zu ignorieren.
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