Expertin: "Die Erwartungen an die Elternschaft sind gestiegen"
In diese Welt möchte ich keine Kinder setzen, hört man immer wieder als Argument gegen eigenen Nachwuchs.
Aber warum ist das so – wo doch Krisen immer schon präsent waren? „Heute erleben viele Menschen Unsicherheit nicht mehr als Phase, sondern als etwas Dauerhaftes, das sie in ihre Lebensplanung einbeziehen müssen“, erklärt die Sozialwissenschafterin Claudia Rahnfeld.
Hohe Wohnkosten, unsichere Jobs, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Zukunftssorgen würden oft gleichzeitig zusammenkommen. „Es ist meist nicht eine einzelne Krise, die Menschen davon abhält, Kinder zu bekommen, sondern das Zusammenspiel vieler Faktoren.“
Doch sie hält fest: „Die meisten Menschen wollen nach wie vor Kinder.“ Allerdings sei Elternschaft heute „keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine bewusste Entscheidung“. Bildung, Karriere und persönliche Freiheit beeinflussten stark, wann und ob Menschen sich für Kinder entscheiden. Gleichzeitig seien die Erwartungen an Elternschaft deutlich gestiegen: „Man soll Zeit haben, emotional präsent sein, finanziell stabil, gesund leben, sich kümmern, fördern – und das alles möglichst gleichzeitig.“ Dadurch entstehe bei vielen das Gefühl: „Erst wenn alles passt, kann ich ein Kind bekommen.“ Verstärkt werde dieser Druck durch soziale Medien, wo häufig idealisierte Familienbilder dominieren.
Faktor Pandemie
Und Corona? „Die Forschung zeigt inzwischen recht deutlich, dass die Pandemie die Familienplanung beeinflusst hat“, so die Wissenschafterin. Während die Geburtenraten zu Beginn stabil geblieben seien, habe es später deutliche Rückgänge gegeben – vor allem wegen wirtschaftlicher Unsicherheit und Belastungen durch die Lockdowns.
Claudia Rahnfeld
Kritisch sieht Rahnfeld politische Aussagen, man solle bei der Familienplanung „weniger nachdenken“. Viele Menschen reagierten nicht auf abstrakte Ängste, sondern auf reale Probleme wie fehlende Betreuung oder ungleiche Care-Arbeit. „Viele emanzipierte Frauen sind schlicht nicht mehr bereit, die strukturellen Nachteile von Elternschaft in Kauf zu nehmen“, sagt sie. Entscheidend seien „verlässliche Rahmenbedingungen“, damit Menschen ihre Kinderwünsche umsetzen können.
Kommentare