Expertin: "Ein erfülltes Leben wird nicht mehr nur über Familie und Kinder definiert"
Die Geburtenzahlen in Österreich sind erneut gesunken – laut aktueller Statistik liegt die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau inzwischen auf einem historischen Tiefstand. 2025 wurden laut vorläufigen Daten der Statistik Austria nur noch 75.718 Kinder geboren, die Fertilitätsrate sank auf 1,29 Kinder pro Frau (der KURIER berichtete).
Die Gründe dafür sind komplex: steigende Lebenshaltungskosten, Unsicherheit, veränderte Lebensentwürfe und hohe Erwartungen an Elternschaft spielen ebenso eine Rolle wie Fragen der Gleichberechtigung oder der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Warum bekommen viele Menschen heute später oder weniger Kinder als früher? Welche Rolle spielen soziale Medien, Corona oder gesellschaftlicher Wandel? Die deutsche Autorin und Sozialwissenschafterin Claudia Rahnfeld hat sich in ihrer Arbeit mit den Gründen für Kinderlosigkeit beschäftigt.
KURIER: Immer wieder hört man heute den Satz: "In diese Welt möchte ich keine Kinder setzen." Krisen gab es doch immer. Was ist heute anders?
Claudia Rahnfeld: Heute erleben viele Menschen Unsicherheit nicht mehr als Ausnahmezustand, sondern als etwas Dauerhaftes. Hohe Wohnkosten, unsichere Jobs, schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf und allgemeine Zukunftssorgen kommen oft gleichzeitig zusammen. Die Forschung zeigt dabei klar: Meist ist es nicht eine einzelne Krise, die Menschen von Kindern abhält, sondern die Summe vieler Belastungen.
Wichtig ist aber: Die meisten Menschen wünschen sich nach wie vor Kinder. Viele können diesen Wunsch unter den aktuellen Bedingungen nur schwer umsetzen. Es fehlt an Sicherheit und Planbarkeit – und genau das spielt bei einer so weitreichenden Entscheidung eine zentrale Rolle. Dazu kommt, dass wir ständig mit negativen Nachrichten konfrontiert sind, was das Gefühl von Unsicherheit zusätzlich verstärkt.
Welche Rolle spielen gesellschaftliche Werte wie Individualismus und Selbstverwirklichung bei der sinkenden Lust auf Familie?
Rahnfeld: Eine große Rolle – allerdings anders, als oft behauptet wird. Individualismus bedeutet nicht automatisch Egoismus. Vielmehr hat sich unsere Gesellschaft verändert: Elternschaft ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine bewusste Entscheidung.
Früher war der Lebensweg stärker vorgegeben – Ausbildung, Beruf, Familie. Heute gibt es deutlich mehr Möglichkeiten, das eigene Leben individuell zu gestalten. Dadurch wird auch mehr abgewogen. Karriere, persönliche Freiheit, Partnerschaft oder Selbstverwirklichung stehen Kindern nicht grundsätzlich entgegen, beeinflussen aber stark, wann und unter welchen Bedingungen Menschen sich dafür entscheiden. Das bedeutet nicht, dass sich weniger Menschen Kinder wünschen. Der Kinderwunsch ist heute nur stärker an bestimmte Voraussetzungen geknüpft.
Auf Social Media sieht man immer wieder junge Influencer, die die Vorzüge eines kinderfreien Lebens betonen. Wieviel Einfluss haben sie?
Rahnfeld: Soziale Medien beeinflussen durchaus Einstellungen zu Lebensentwürfen – auch in Bezug auf Elternschaft oder bewusste Kinderlosigkeit. Childfree-Influencerinnen machen sichtbar, dass ein erfülltes Leben zunehmend nicht mehr ausschließlich über Familie und Kinder definiert wird. Gerade jüngere Generationen erleben alternative Lebensmodelle dadurch als legitimer und sozial akzeptierter.
Den Einfluss sollte man allerdings nicht überschätzen. Forschungsergebnisse zeigen eher, dass soziale Medien bestehende Einstellungen verstärken. Wer bereits Zweifel an Elternschaft hat oder andere Prioritäten setzt, findet dort Bestätigung und Gemeinschaft.
Welche Themen machen diese Influencerinnen sichtbar?
Solche, die lange tabuisiert waren: mentale Belastungen von Elternschaft, Vereinbarkeitsprobleme oder die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Dadurch verschiebt sich die öffentliche Diskussion weg von der Vorstellung, Kinder seien automatisch Teil eines gelungenen Lebens. Gleichzeitig bleibt der Wunsch nach Kindern bei den meisten Menschen weiterhin vorhanden. Das größere Problem ist derzeit eher, dass viele weniger Kinder bekommen, als sie sich ursprünglich wünschen.
Claudia Rahnfeld ist Professorin für Angewandte Sozialwissenschaften an der Dualen Hochschule Gera-Eisenach.
Stichwort Corona: Wie hat sich die Pandemie auf das Thema Familienplanung ausgewirkt?
Rahnfeld: Ja, die Forschung zeigt inzwischen recht deutlich, dass die Pandemie die Familienplanung beeinflusst hat – allerdings nicht im simplen Sinn von "wegen Corona weniger Kinde". Zu Beginn der Pandemie blieben die Geburtenzahlen zunächst relativ stabil, teilweise gab es sogar leichte Anstiege.
Im weiteren Verlauf zeigte sich jedoch ein deutlicher Rückgang der Geburtenzahlen. Dabei spielten vor allem Unsicherheit und Krisenerfahrungen eine Rolle: wirtschaftliche Sorgen, gesundheitliche Risiken, schwierige Betreuungssituationen und die enorme Belastung während der Lockdowns. Internationale Studien zeigen außerdem, dass viele Menschen ihren Kinderwunsch eher aufgeschoben als grundsätzlich aufgegeben haben.
Sind wir bei der Familienplanung zu perfektionistisch geworden – und hat die Familienministerin recht, wenn sie sinngemäß sagt, man solle "weniger nachdenken und einfach machen"?
Rahnfeld: Die Aussage hat durchaus einen kleinen wahren Kern. Natürlich gibt es Menschen, die Entscheidungen lange hinauszögern, und Kinder bekommt man nie unter perfekten Bedingungen. Ein gewisses Risiko gehört immer dazu.
Gleichzeitig erleben wir aber eine gesellschaftliche Entwicklung, in der die Erwartungen an Elternschaft enorm gestiegen sind. Man soll emotional präsent sein, genügend Zeit haben, finanziell stabil sein und gleichzeitig beruflich erfolgreich bleiben. Viele denken deshalb: Erst wenn alles passt, kann ich ein Kind bekommen. Genau dieser ideale Zeitpunkt wird dann oft immer weiter nach hinten verschoben.
Als politische Erklärung greift der Satz aber zu kurz. Denn er legt nahe, dass das Problem hauptsächlich im Kopf der Menschen liegt. Die Forschung zeigt jedoch etwas anderes: Viele reagieren auf reale Hürden – hohe Wohnkosten, unsichere Jobs, fehlende Kinderbetreuung und vor allem die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern.
Gerade viele Frauen sind heute nicht mehr bereit, die strukturellen Nachteile von Elternschaft selbstverständlich hinzunehmen. Oft tragen sie Einkommenseinbußen, Karriereeinschnitte oder den Großteil der Care-Arbeit. Wenn man möchte, dass Menschen ihre Kinderwünsche umsetzen, braucht es deshalb verlässliche Rahmenbedingungen und mehr Gleichberechtigung – nicht nur Appelle.
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