The spread of the coronavirus disease (COVID-19) in Santiago

© REUTERS / IVAN ALVARADO

Politik Inland
01/21/2021

Wie sich die Lockdown-Grenze ändert, wenn die Älteren geimpft sind

Bei voller Impfung der Über-65-Jährigen verkraftet das Gesundheitssystem deutlich mehr Neuinfektionen pro Tag.

von Christian Böhmer

Bis vor einigen Wochen galt eine einfache Überschlagsrechnung: Wenn über zehn bis 14 Tage täglich rund 6.000 Menschen positiv auf das Corona-Virus getestet werden, dann hat Österreich binnen kürzester Zeit ein Problem. Denn auf Grund der Altersverteilung befinden sich unter diesen 6.000 Menschen statistisch gesehen auch zahlreiche Mitglieder der Hoch- und Höchstrisikogruppe, sodass die Intensivstationen (ICU) sehr schnell an der kritischen Belastungsschwelle stehen.

Die schlechte Nachricht: Die 6.000er-Grenze gilt in den Krisenstäben heute so nicht mehr. Aufgrund des zunehmenden Anteils älterer Personen bei den infizierten Personen muss man derzeit mit deutlich weniger, nämlich 3.700 Personen, kalkulieren.

Doch, und damit ist man schon bei einer positiven Nachricht: Mit der nun einsetzenden Impfungen und dem Schutz der „vulnerablen Gruppen“, könnte sich dieser Trend bald in die andere Richtung entwickeln. Ein Lockdown würde viel später nötig.  Denn selbst mit Neu-Infektionsraten von mehr als 1.000 Personen am Tag wäre ein normaler Alltag in Spitälern - und damit auch in der Gesellschaft - möglich.

Die Gesundheit Österreich GesmbH, kurz GÖG, hat einige Modellrechnungen angestellt. Und diese zeigen bei einer flächendeckenden Impfrate bestimmter Bevölkerungsgruppen bemerkenswerte Ergebnisse:

Szenario 1

Geht man davon aus, dass alle Über-65-Jährigen in Österreich geimpft sind, sinkt die Gefahr einer völligen Überlastung des Gesundheits- und Spitalssystems deutlich.

Derzeit gehen die Krisenmanager davon aus, dass die Intensivstationen am Limit sind, wenn mehr als ein Drittel der Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt ist. Sobald alle Über-65-Jährigen geimpft sind, steigt diese Grenze für den "Worst Case" deutlich, nämlich von den erwähnten 3.700 Neu-Infektionen pro Tag auf 7.300 Neu-Infektionen.

Eine angenommene Durchimpfung der Über-65-Jährigen lässt auch Rückschlüsse darüber zu, wann ein Lockdown nötig ist bzw. wann an den Spitälern wieder Normalbetrieb herrscht. „Sobald die Gruppe 65plus geimpft ist, kann die vertretbare tägliche Fallzahl von Neuinfektionen auf rund 2.200 erhöht werden – dies natürlich unter der Annahme, dass Zahl und Altersstruktur stabil gehalten werden können“, sagt Florian Bachner, Abteilungsleiter für Gesundheitsökonomie und Systemanalyse der GÖG.

Die "vertretbare tägliche Fallzahl" zeigt, wie viele Neu-Infektionen mit einem Normal-Betrieb in den Krankenhäusern vereinbar sind. Konkretes Beispiel: Sind alle Über-65-Jährigen geimpft, dann können täglich 2.200 Menschen neu infiziert werden, und trotzdem läuft das Leben  weiter, weil der Anteil der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen rechnerisch unter der Schwelle von zehn Prozent bleibt. 

Szenario 2

Ein wesentlicher Schritt wäre auch geschafft, wenn zumindest alle Über-80-Jährigen geimpft sind. „Bei einer Durchimpfungsrate von 100 Prozent bei den Über-80-Jährigen und bei einem konservativ angenommenen Impfschutz von 80 Prozent erhöht sich die täglich erträgliche Fallzahl für den Regelbetrieb auf 1.300“, sagt Experte Florian Bachner.

Anders gesagt: In diesem Fall wäre der Normalbetrieb der Spitäler - und damit der Gesellschaft - selbst dann möglich, wenn maximal 1.300 Neu-Infizierte pro Tag zu verzeichnen sind. Zur Erinnerung: Am Donnerstag hielt Österreich bei etwas mehr, nämlich bei 1.700 Neu-Infektionen. Und an eine Lockerung des Lockdowns war nicht annähernd zu denken.

Tatsächlich ist man derzeit vom Normalzustand noch ein gutes Stück entfernt: 16 Prozent der Patienten in Intensivbetten sind  Covid-19-Patienten. Und das sind viel zu viele, um Lockerungsmaßnahmen anzudenken. Dieser ist erst möglich, wenn die Belastung mit Covid-19-Patienten auf Intensivstationen auf unter 10 Prozent sinkt.

Experte Bachner warnt gegenüber dem KURIER auch vor einer anderen Unbekannten: Die beschriebenen Impfszenarien enthalten die Daten, die derzeit verfügbar und vorhanden sind. Gerade was die Virus-Mutanten angeht, können die Rechenbeispiele noch keine Vorhersagen treffen. Und diese Unsicherheit macht das Agieren der Politik anhand von absoluten (Infektions-)Zahlen momentan auch so schwierig.

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