© Getty Images

Politik Inland
08/10/2019

Auf Wikipedia tobt Kampf um Deutungshoheit: "Alle Parteien bearbeiten Artikel"

Der Wikipedia-Artikel über die Ibiza-Affäre wurde wohl aus dem SPÖ-Umfeld, der über die Silberstein-Affäre aus dem ÖVP-Umfeld geschrieben.

von Christoph Schattleitner

„Es ist nicht Dein Artikel“, lässt der Wikipedia-Administrator namens „Tsui“ den Benutzer „Kritischer Berichterstatter“ wissen – er könne über den Wikipedia-Artikel zur Ibiza-Affäre nicht frei verfügen. Die Wahrheit werde auf dem Online-Lexikon nicht im „Kopf durch die Wand“-Stil eines einzelnen Users durchgesetzt, sondern gemeinsam in Diskussionen erarbeitet.

Es ist 22.12 Uhr, zwei Tage, nachdem das Ibiza-Video aufgetaucht ist. Was bedeutet es politisch? Wie kann man es vielleicht sogar für eigene Zwecke verwenden? Darüber liefern einander gerade User eine Schlacht. Sie sitzen irgendwo in Österreich. Halb anonym.

Das ist ein Sonder-, aber kein Einzelfall. Politische Parteien oder Interessensgruppen haben ein permanentes Interesse daran, Wikipedia-Artikel zu beeinflussen. Allein schon wegen der Reichweite: Während der Ibiza-Affäre wurden die entsprechenden Wikipedia-Artikel fast zwei Millionen mal aufgerufen (siehe Grafik). Der Wikipedia-Artikel über Brigitte Bierlein wurde alleine an einem Tag mehr als 180.000-mal aufgerufen (das ist mehr als reichweitenstarke Texte großer Nachrichtenseiten erzielen).
 

Außerdem: Bei Wikipedia ist das Bearbeiten eines Artikels nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht; es ist das Herzstück der offenen Plattform. Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit – für Wikipedia gilt das wohl besonders stark. Und Pressesprechern, die Journalisten am liebsten diktieren, wie eine Überschriften zu lauten hat, wird wohl warm ums Herz.

„Kritischer Berichterstatter“ ist wohl so einer mit politischem Auftrag. Dafür spricht, dass er sich nur registriert hat, um Minuten danach den Wikipedia-Beitrag „Ibiza-Affäre“ zu erstellen (zur Sicherheit hat er auch Beiträge zu „Ibiza-Skandal“ und „Ibiza Gate“ eingerichtet). Er verfasst auf einen Schlag 21.000 Zeichen zu Ibiza (zum Vergleich: Dieser Artikel hat ungefähr 7.000 Zeichen).

Er löscht die „massive Pro-Kurz-Perspektive“ eines anderen Autors und versucht, Kritik an Kurz in den Artikel zu bringen: „Das Ansehen des Bundeskanzlers wurde durch die Affäre beschädigt“, argumentiert „Kritischer Berichterstatter“. Als Beleg dafür verlinkt er den SPÖ-Blog kontrast.at; Titel des Beitrags: „Strache beschrieb in weiten Teilen die Politik der Kurz-Regierung.“ Er kommt damit nicht durch: Die Bearbeitungen werden gelöscht, "Kritischer Berichterstatter" gesperrt.

Der KURIER-Selbstversuch zeigt: Es ist sehr einfach, Artikel zu bearbeiten. Damit sie aber online gehen (und bleiben), müssen sich User erst einen seriösen Ruf erarbeiten.

Ibiza-Artikel wohl aus SPÖ-Umfeld verfasst

Dass „Kritischer Berichterstatter“ parteipolitische Interessen verfolgt, hält auch Thomas Planinger für plausibel. Planinger ist das österreichische Wikipedia-Urgestein und Vorstandsmitglied im österreichischen Wikimedia-Verein. „Ich gehe davon aus, dass der Artikel zur Ibiza-Affäre vorwiegend aus dem Umfeld der SPÖ geschrieben wurde“, sagt er dem KURIER. In der SPÖ-Zentrale hat man auf Anfrage noch nie von diesem User gehört; man hätte gar keinen Mitarbeiter, der sich um Wikipedia kümmert.

 

Auffallend sei an „Kritischer Berichterstatter“ auch, dass er sich bloß für ein Thema interessiert (71 der 106 Bearbeitungen galten dem Ibiza-Artikel). Außerdem hat Planinger als Admin Zugriff auf die IP-Adressen der User. So sieht er, wenn jemand aus einer Parteizentrale oder dem Parlament an einem Artikel herumdoktert (ein Best of" dazu finden Sie im aufklabbaren Menü unterhalb).

 

Ein deutscher IT-Unternehmer hat ein Werkzeug entwickelt, das anonyme Wikipedia-Bearbeitungen, die aus Ministerien stammen, dokumentiert. Hier ein Best Of.

  1. Jemand aus dem Finanzministerium ergänzt im Artikel des ÖVP-Arbeitnehmerverbands, ÖAAB,  alle bisherigen Generalsekretäre (01.09.2017).  
     
  2. Jemand aus dem Innenministerium legt Wert darauf, dass der Unternehmer Hans-Peter Haselsteiner nicht den „unabhängigen“, sondern den „hauptsächlich von den Grünen unterstützten“ Alexander Van der Bellen unterstützt hat (11.10.2016).
     
  3. Jemand aus dem Parlament legt Wert darauf, dass der ÖVP-Politiker Karl-Heinz Kopf Träger des Goldenen Ehrenzeichens der Republik Österreich ist (01.07.2016).  
     
  4. Jemand aus dem Bundeskanzleramt ergänzt im Artikel "Öffentlicher Dienst" eine OECD-Studie und kommt zum Schluss, dass Österreich einen „vergleichsweise“ schlanken Staat habe (16.08.2017).

Auch der Sprachstil sei aufschlussreich: „Ich erkenne meist nach einigen Wörtern, wenn der Autor hauptberuflich Presseaussendungen schreibt. Das ist eine eigene Sprache, die normale Leute nicht verwenden.“

Silberstein-Artikel wohl aus ÖVP-Umfeld bearbeitet

Planinger geht auch davon aus, „dass die Silberstein-Affäre hauptsächlich aus dem ÖVP-Umfeld geschrieben wurde – auch, wenn ich nicht ausschließen möchte, dass die FPÖ ebenfalls daran beteiligt war“. Die Zahlen legen es nahe. 82 Prozent des Artikels stammen vom User „Genderforschung.“ Dieser Benutzer schrieb 65.000 Zeichen, also ungefähr zehn Zeitungsseiten, zum Thema Silberstein. Wer macht so etwas in seiner Freizeit?

Der User namens „Genderforschung“ ist jemand, der die Polit-Szene gut kennt und vor allem in eine Richtung denkt. So glaubt er etwa zu wissen, dass 2006 Silberstein und Gusenbauer „ein Jahr lang gezielt“ eine Negativkampagne gegen die ÖVP geplant hätten. „Genderforschung“ bearbeitet auch regelmäßig – eher zu deren Nachteil – die Artikel von SPÖ-Playern (Matznetter, Gusenbauer, Niedermühlbichler, Pelinka, Kern, Pöchhacker...).
 

Man solle sich nicht vom vermeintlich linken Benutzernamen ablenken lassen, fügt Planinger hinzu. Das sei eine beliebte Taktik. Auch die ÖVP dementiert auf Anfrage, einen Wikipidia-Beauftragten zu haben oder etwas mit „Genderforschung“ zu tun zu haben. Es wäre auch nicht klug für Parteien, das zugegeben.

 

Planinger: „Manche Parteien machen es verdeckt, manche tun es mit einem offiziellem Account – wie etwa die Grünen Vorarlberg oder die FPÖ Steiermark.“ Aber eins sei ganz sicher: „Alle Parteien bearbeiten Wikipedia-Artikel“, sagt Planinger. Ob die Autoren wirklich dafür bezahlt werden oder ob sie die stundenlange Arbeit nur aus politischer Überzeugung machen, könne man letztendlich nicht sagen.

"Gefahr, dass die Lautesten gewinnen"

Während die Zahl der Artikel auf Wikipedia ständig steigt, sinkt die Zahl der Autoren. „Wenn wir noch mehr verlieren, besteht die Gefahr, dass die lautesten Autoren gewinnen“, warnt Planinger. Derzeit hat die österreichische Szene bloß 57 sehr aktive User, die mehr als 100 Bearbeitungen pro Monat vornehmen. Das erzählt Wikimedia-Chefin Claudia Garad im KURIER-Interview.

Nicht mehr als zehn davon, meint Planinger, kümmern sich um politische Artikeln aus Österreich – ziemlich viel Verantwortung auf wenig Schultern. 98 Prozent des Silberstein-Artikels etwa wurden von nur drei Usern verfasst.

Burschenschafter mit Vorliebe zu FPÖ-Artikeln

Sehr aktiv ist „Pappenheim“ mit bisher 26.000 Bearbeitungen – die meisten davon galten Artikeln zu den Themen Strache, Akademikerball, Martin Graf, FPÖ, Barbara Rosenkranz etc. Er sei kein Schreiberling oder Mitglied einer Partei, erzählt er dem KURIER.

Eine politische Vorliebe, „Mitte rechts“, könne er jedoch nicht bestreiten. Als Mitglied der schlagenden Burschenschaft Gothia Wien war er auch am Akademikerball. Das würde jedoch seine „ausgewogene“ Wikipedia-Arbeit nicht beeinflussen: „Wikipedia-Artikel sind zu wichtig, als dass man User fuhrwerken lässt, die ihre politischen Bremsspuren hinterlassen.“

Während „Pappenheim“ ein „linkes Netzwerk“ in der Autorenschaft vermutet und nur noch ihm wichtige Artikel aktualisiert, beklagt Philip Kopetzky Angriffe von rechts. Kopetzky hat jahrelang politische Artikel bearbeitet und zu Rechtsextremismus recherchiert – bis ein Wikipedia-User seine privaten Daten ins Netz stellte, um ihn einzuschüchtern. „Grundsätzlich zählen bei Wikipedia die Argumente, nicht die Lautstärke der User“, sagt Kopetzky. Grundsätzlich, nicht praktisch.

  1. Unangemeldet: Sogar ohne Registrierung können Sie Artikel umschreiben, wenn Sie oben auf das Feld „Bearbeiten“ klicken. Allerdings wird Ihre IP-Adresse veröffentlicht, die in der Regel mehr Aufschluss über die Person gibt als ein Username (mittels IP-Checker kann man etwa herausfinden, von welcher Adresse die Bearbeitung vorgenommen wurde). Ihre Änderungen werden nicht sofort sichtbar, sondern wandern in einen Zwischenspeicher, wo erfahrene Wikipedia-Autoren - „Sichter“ – grob prüfen, ob die Bearbeitung formale Kriterien erfüllt.
  2. Angemeldet: Registrierte Autoren haben die Möglichkeit, in der Hierarchie aufzusteigen. Relevant ist dafür vor allem die Anzahl der Bearbeitungen. Mit mehr als 50 Beiträgen werden Ihre Bearbeitungen sofort sichtbar, mit mehr als 300 Bearbeitungen können Sie den Status als „Aktiver Sichter“ beantragen. Damit können sie Bearbeitungen von anderen freigeben ­– oder löschen.
  3. Administratoren: Das ehrenamtliche Team agiert als Korrektiv zum halb-automatischen Aufstiegssystem der Autoren. Sind Sie Administrator können Sie User zeitlich begrenzt oder ganz sperren und Artikelversionen verstecken, wenn der Entwurf eines Users rechtliche Probleme bereiten könnte. Im deutschsprachigen Raum gibt es 178 Admins, die rund 192.000 registrierte Autoren verwalten.