Gauck-Wahl: "Einer, der was zu sagen hat"

Am Sonntag wird Joachim Gauck zum deutschen Bundespräsidenten gewählt. Ein Weggefährte erklärt, warum er eine gute Wahl ist.

Christian Wulffs Zeit im Schloss Bellevue (Bild) - einem Amtssitz des Bundespräsidenten - ist vorbei. Die Staatsoberhäupter der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 im Überblick: Theodor Heuss (FDP), von 1949 bis 1959 Heinrich Luebke (CDU), von 1959 bis 1969 Gustav Heinemann (SPD), von 1969 bis 1974 Walter Scheel (FDP), von 1974 bis 1979 Karl Carstens (CDU), von 1979 bis 1984 Richard von Weizsaecker (CDU), von 1984 bis 1994 Roman Herzog (CDU), von 1994 bis 1999 Johannes Rau (SPD), von 1999 bis 2004 Horst Köhler (CDU), von 2004 bis 2010 Christian Wulff (CDU), von 2010 bis 2012 Joachim Gauck, 2012 Joachim Gauck wird am Sonntag zum deutschen Bundespräsidenten gewählt

Ich habe ihn erstmals auf dem Kirchentag in Rostock 1988 erlebt", erzählt Johann-Georg Jaeger noch immer begeistert. Der Fraktionschef der Grünen in der ostdeutschen Hansestadt wird am Sonntag zur großen Mehrheit der 1142 Wahlleute gehören, die Joachim Gauck zum Staatsoberhaupt wählt. Für den damals 22-jährigen Studenten Jaeger war Gauck früh ein Vorbild, angefangen bei der Suche nach Auswegen aus der tristen DDR-Repression.

"Angesichts des strikten Ausreiseverbots damals vor so vielen Leuten zu sagen: ,Wir würden bleiben wollen, wenn wir gehen dürften‘, war das unglaublich mutig", erzählt Jaeger im KURIER-Interview. "Auch bei den großen Andachten in den Kirchen im Herbst 1989, als viele noch die chinesische Lösung (blutige Räumung der Plätze, Anm.) befürchteten und die Stasi (DDR-Geheimpolizei) unter sich wussten, zeigte Gauck seine Begabung als Redner, die Stimmung aufzugreifen und sie in eine positive Richtung zu bewegen."

Dieses Talent, "die Leute mitzunehmen", kombiniert mit größter persönlicher Integrität, hat den 72-Jährigen nun in das höchste Amt des Staates getragen.

Einmalig

Gauck wird schon der dritte Bundespräsident dieser Legislaturperiode und der erste parteilose – beides ist einmalig in der Geschichte der Republik. Horst Köhler war aus gekränkter Eitelkeit zurückgetreten, sein ebenfalls aus der CDU kommender Nachfolger Christian Wulff nach quälenden Wochen wegen des Anfangsverdachts der Vorteilnahme in seinem früheren Amt als Regierungschef von Niedersachsen. Beide hatten in der wichtigsten Funktion eines deutschen Staatsoberhaupts, als Mahner, keine besonderen Zeichen gesetzt.

Das erwartet Jaeger nun von Gauck, den er immer wieder im gemeinsamen Heimatort Rostock erlebt: "Ich glaube, dass er ein wirklich guter Bundespräsident wird. Einer, der was zu sagen hat und das Volk auch fordert: Weil er manchmal sehr klar und vielleicht auch wenig diplomatisch formuliert, dadurch aber Menschen die Möglichkeit gibt, zu begreifen, über was wir jetzt gerade reden."

Als Politiker weiß der jugendlich wirkende Jaeger, wovon er spricht: "Es gibt eine Politikersprache, die alle Ecken und Kanten komplett abschleift, die sicherlich niemanden mehr aufregt, aber vielleicht auch niemanden mehr interessiert. Und das schafft Joachim Gauck anders ’rüberzubringen."

Freiheit

Gaucks Lebensthema ist die Freiheit. Sie hat er schon in der DDR als evangelischer Pastor unter persönlichem Risiko artikuliert, für sie warb der studierte Theologe seither in seinen Büchern und vielen öffentlichen Vorträgen. Aktiv gelebte Freiheit, individuell und als höchstes Gut des Staates, dafür wird er nicht müde zu schwärmen und sie von seinen Zuhörern einzufordern.

Jetzt, wo das eminent politisch wird, bekommt er dafür wachsende Kritik. Und das nicht nur von der "Linken", jener Partei, in der sich die alten Kommunisten der DDR und die jüngeren der Bundesrepublik zusammenschlossen. Sie verzeihen Gauck nicht seinen Eifer und die Effizienz als erster Leiter des Stasi-Archivs, des monströsen Gedächtnisses brutaler DDR-Repression.

Kritik an Gauck kommt auch von anderen Linken, obwohl er ursprünglich der eher taktische Kandidat von SPD und Grünen war: Gauck sei eitel, ein Mann ohne Gefühl für die triste soziale Realität und damit von gestern.

Dagegen verteidigt ihn Jaeger vehement: "Gauck sieht eine Überbetonung des Themas Gerechtigkeit und will das Gleichgewicht mit der Frei heit wieder herstellen. In dem Moment, wo sie da ist, glauben ja viele, sie bräuchten sich darum nicht mehr zu kümmern." Gauck zeige, dass "Freiheit in Verantwortung" für die Gesellschaft unentbehrlich sei.

Jaeger: "Ich freue mich sehr, ihn mit allerbestem Gewissen wählen zu können."

(kurier) Erstellt am
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