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Politik Ausland
01/08/2022

Wie Russen den Alltag im System Putin überleben

Draußen, auf der Bühne der Weltpolitik, spielt Putin Machtspiele. Wie aber leben die Russen zwischen Krise und politischem Druck?

von Konrad Kramar

Er galt als moderater Kritiker des Systems, das ihn nicht schätzte, aber in Ruhe arbeiten ließ. Doch damit sollte rasch Schluss sein, als Dmitry Gudkov ankündigte, bei den Parlamentswahlen im Herbst anzutreten. Politische Routine, meinte der inzwischen altgediente Duma-Abgeordnete – bis die Polizei seine Wohnung und auch die anderer Familienmitglieder stürmte.

An Gudkovs Vater schickten die Behörden eine klare Botschaft: Entweder ihr Sohn verlässt das Land, oder er bleibt im Gefängnis, so wie seine Tante. Man habe sie quasi als Geisel genommen, erzählt Gudkov, der in die Ukraine geflohen ist, der Deutschen Welle. Das System wolle keine unabhängigen Abgeordneten mehr in der Duma. Darum hätte man sich kritischer Stimmen entledigt: Die seien im Gefängnis wie Alexej Nawalny, im Exil, oder mundtot gemacht, wie mehrere kritische Medien.

„Aggressiver geworden“

„Die Regierung ist in den vergangenen Jahren aggressiver geworden“, schildert Russland-Kenner Joshua Yaffa dem KURIER die Stimmungslage. Als Reporter für Nachrichtenmagazine wie den Economist oder den New Yorker berichtet der Amerikaner seit Jahren aus Russland. Er hat die Entwicklung des Systems Putin mitverfolgt, aber auch den Alltag der Menschen.

„Die frühen Putin-Jahre waren geprägt davon, dass das System die Fähigkeit hatte, ideologisch alles und nichts zu sein. Dadurch wurde man zu einem großen politischen Dach, unter dem alles Platz hatte, vom Stalinisten bis zum Liberalen.“

Hohe Erdöl- und Erdgaspreise hätten Geld in die Kassen des Kreml gespült. Putin habe die Gelegenheit genutzt, um den Lebensstandard der Bürger zu verbessern. Man habe auch politische, gesellschaftliche, künstlerische Freiheiten gewährt: „Eine Freiheit, die Putin in diesen Jahren, als seine Popularität unsinkbar schien, locker kontrollieren konnte.“

Der Ex-Geheimdienstler Putin ist seit 20 Jahren an der Macht

Damit sei es vorbei. Fallende Energiepreise, Wirtschaftssanktionen des Westens, all das machte das Leben der Russen härter – nicht nur wirtschaftlich und sozial: „Heute gibt es eine Parteilinie. Jetzt fordert der Staat Gehorsam und Anpassung – es gibt daher immer mehr Menschen, die er als nicht vertrauenswürdig, illoyal und daher als Verräter betrachtet.“

Um die Mehrheit der Russen für eine härtere Linie zu gewinnen, habe Putin auf Nationalgefühl gesetzt. Die Besetzung der Krim, das großspurige Auftreten auf der Weltbühne von Syrien bis Libyen: „Was er bei den Russen damit anspricht, ist das sogenannte ,Post-Imperiale-Syndrom‘, also die Sehnsucht nach der verlorenen Größe, nach der weltpolitischen Bedeutung.“

Doch mit den Jahren der Krise hätten diese Großmacht-Gesten an Wirkung verloren: „Mehr und mehr Russen wünschen sich ein Ende der Konfrontation mit dem Westen und gute Beziehungen. Das ist Putins Problem, und darum muss er jetzt mit mehr Härte agieren.“ Härte gegen Kritiker werde demonstrativ eingesetzt, als politisches Signal – und dieses Signal hätten die Bürger empfangen: „Die meisten haben erkannt, dass es nichts bringt, gegen das System aufzutreten.“

KGB-Spion in Deutschland
Der heute 69-Jährige ist Sohn einer Arbeiterfamilie aus St. Petersburg (damals Leningrad). Nach einem Jusstudium wird er 1975 Agent der Abteilung für Auslandsspionage des KGB. Ab 1985 ist er in der DDR eingesetzt und lernt dort fließend Deutsch.

St. Petersburg
Putins politischer Ziehvater ist Anatoli Sobtschak, sein ehemaliger Uni-Professor. Der wird 1991 Bürgermeister von St. Petersburg und macht Putin zuerst zu seinem  Berater und später zum Vizebürgermeister.

An der Macht
Boris Jelzin macht den inzwischen zum Direktor des Inlandsgeheimdiensts FSB aufgestiegenen Putin 1999 zum Ministerpräsidenten. Als Jelzin sein Amt zurücklegt, übernimmt Putin  als Präsident und gewinnt 2000   seine erste Wahl.  Er sollte es –  nur unterbrochen von  einer kurzen Machtrochade mit seinem Premier Dmitri Medwedew  – bis heute bleiben.

Homo sovieticus

In seinem aktuellen Russland-Buch „Die Überlebenskünstler“ greift der Journalist auf den alten Begriff des „homo sovieticus“ zurück, jenen Bürger der UdSSR also, der in Jahrzehnten der Unterdrückung seinen eigenen Umgang mit dem System entwickelt habe: „Dieser Umgang besteht daraus, dass man weder gehorcht, noch sich auflehnt, sondern nur versucht, das System zu überlisten, auszumanövrieren, auf seinen eigenen Vorteil zu achten. Das geht natürlich auch auf die Erfahrungen in der Sowjetunion und den Umgang mit dem damaligen System zurück.“

Doch gegen die im Westen so populäre Vorstellung von den Russen als brave Untertanen eines autoritären Systems verwehrt sich der Reporter. Die Menschen hätten sich einfach in das anscheinend ohnehin unvermeidliche gefügt, sich ihre eigene kleine Freiheit geschaffen: „Die Antwort der Russen ist, dass sie sich von der Politik abwenden, dass sie die Lösung ihrer Probleme für sich selbst und ihre Familien suchen, dorthin ziehen sie sich zurück.“

Daher aber seien auch Oppositionelle wie Alexej Nawalny keine wirklich relevanten politischen Größen. Nawalny werde nicht als Alternative zu Putin wahrgenommen, sondern als Kritiker des Systems, als Aufdecker, der die Korruption im Machtapparat aufzeige, „nur das macht ihn zur Gefahr für Putin. Es kratzt an seinem Image“.

Doch so etwas wie eine revolutionäre Bewegung kann Joshua Yaffa nicht erkennen, trotz des gesunkenen Lebensstandards für viele. Putin habe nämlich zumindest eine Botschaft nachhaltig bei seinen Landsleuten angebracht: „Er war erfolgreich darin, klar zu machen, dass es keine Alternative zu ihm gibt.“

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