Ukrainische „Eisenmenschen“, die sich nicht brechen lassen

Der Fotograf Jelle Krings hat drei Jahre lang Eisenbahner durch ein vom Krieg schwer verwundetes Land begleitet.
Ukrainische Eisenbahner reparieren gemeinsam eine Stromleitung.

Er erzählt von Oleksandr aus Cherson. Der junge Ukrainer wusste, dass die Russen die Felder entlang der Gleise vermint hatten. Dennoch fuhr er mit seinen Kollegen durch diese Felder.

Weil die Züge seiner „Ukrsalisnyzja“ wieder fahren mussten, um die Zivilisten schnell und einigermaßen zuverlässig aus der blutenden Stadt zu bringen. Und die Soldaten an die Front.

„Ich habe gesehen, wie Oleksandr abtransportiert wurde“, erzählt der niederländische Bildreporter Jelle Krings am Rande seiner Ausstellung „Iron People“ am Wiener Hauptbahnhof.

Ein Jahr später besuchte Krings den schwer verwundeten Gleisarbeiter. Da organisierte dieser bereits Einsätze seiner Kollegen, vom Büro aus. Es fehlte ihm ein Bein.

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Bildreporter Jelle Krings präsentiert seine Fotos derzeit am Wiener Hauptbahnhof.

„Und ihr Leid geteilt“

Vom ersten Kriegstag an hat Jelle Krings die Menschen, die für die ukrainische Eisenbahn arbeiten, in seinen Fokus genommen. „Ich war damals für den Guardian am Bahnhof in Lviv. Und ich habe beobachtet, wie sie ihre Landsleute in Sicherheit brachten, um dann in leeren Zügen wieder zurückzukommen. Das hat mich sehr beeindruckt.“

Wahrscheinlich war das damals noch nicht sein Plan. Doch am Ende fuhr er mit den Eisenbahnern drei Jahre lang kreuz und quer durch ein täglich von Raketen getroffenes Land. Er war auch bei den Eisenbahnern in den Werkstätten, einige besuchte er zu Hause: „Ich habe mit ihnen gemeinsam gegessen, Wodka getrunken und ihr Leid geteilt.“

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Krankenschwester Yuliia zwischen verwundeten Soldaten in einer rollenden Intensivstation.

Gemeinsam mit der Krankenschwester Yuliia, Anästhesisten, mit Chirurgen und anderem medizinischem Personal durfte der Fotograf auch in der ersten rollenden Intensivstation mitfahren. In einem zum Krankenwagen umgebauten Zug brachte ein hochprofessionelles medizinisches Team verwundete Soldaten von den Frontstädten in Krankenhäuser in der Mitte der Ukraine.

Wieder war Krings beeindruckt: „In den Zügen lagen viele Schwerverletzte, doch Yuliia wirkte nie niedergeschlagen. Im Gegenteil, sie hat mich auch zum Lachen gebracht.“

Lachen als Botschaft an den Aggressor - als Zeichen der Unnachgiebigkeit. Ähnliche menschliche Züge hatte man seinerzeit auch schon in der belagerten bosnischen Hauptstadt Sarajevo beobachtet.

„Zum Symbol des Widerstands“

„Mich beeindruckt ihr Mut“, erklärt der Fotograf, dessen Fotos in namhaften Medien erscheinen und dessen Ausstellung derzeit von einem Bahnhof in Europa zum nächsten tourt. Beinahe täglich nehmen die Russen auch die Eisenbahn unter Beschuss.

„Unsere Eisenbahn wurde schon in den ersten Stunden des Krieges zum Symbol des Widerstands und der Hoffnung“, betont Vasyl Khymynets, der ukrainische Botschafter in Wien.

Krings Fotos von den „Eisenmenschen“, die sich von ihrem Feind auch im fünften Jahr des Krieges nicht brechen lassen, sind auch als ein Appell zu verstehen: Vergesst uns bitte nicht! ÖBB-Chef Andreas Matthä bekundete seinen tiefen Respekt: „Wir können von den Kollegen in der Ukraine lernen, wie eine Eisenbahn ein Land am Leben hält.“

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