Tunesien: Angst vor dem Kopftuchzwang
Arbeitsplätze, kostenlose medizinische Versorgung, Geld für Frauen, die zu Hause bleiben. Das sind nur drei der Wahlversprechen der Islampartei "Ennahdha" ("Die Wiedergeburt"). Wie sie diese Versprechen realisieren will, hat sie nicht verraten. Doch die Tunesier sprachen auf Ennahdha an. "Weil sie
Islamisten sind und ich Muslim bin", sagt Taxifahrer Ahmed. So einfach ist das.
Unüberblickbar, fragmentiert und durcheinander war der Wahlkampf in den vergangenen Wochen. Nur wenige behielten den Überblick, welche Partei wofür stand. Da hob sich Ennahdha eindeutig hervor: Sie heftete sich von Anfang an den Islam auf die Fahnen. Das gab vielen Wählern einen Strohhalm, an dem sie sich festhielten.
Angst
Zwischen 30 und 40 Prozent der Stimmen hat Ennahdha bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung erlangt. Vor allem in den ärmeren Gebieten, den unteren Bildungsschichten punktete die Partei von Rachid Ghannouchi. Viele andere Tunesier, die säkular denken und Staat und Religion getrennt sehen wollen, haben Angst vor der Macht der Islamisten und werfen ihnen sogar Bestechung und Einschüchterung von Wählern vor. Sie fürchten sich vorauseilend vor einem Verbot von Alkohol, dem
Kopftuchzwang und einem Eingreifen der Politik ins Privatleben. "Die Zäsur ist bei vielen schon in den Köpfen", sagt Klaus Loetzer, der für die Konrad-Adenauer-Stiftung die Entwicklung in Tunesien beobachtet. "Man darf nicht vergessen: Die Mehrheit der Bevölkerung ist säkular und hat auch so gewählt. Ihr Lebensentwurf ist westlich: Bloß nichts vorschreiben lassen!"
Viele fürchten auch, dass die Islamisten Europäer abschrecken und ihre Macht zu einer Lähmung der Wirtschaft führt: "Es wird weniger Investitionen geben, weniger Tourismus", sagt der Arzt Samy Allagui. "Ich traue keiner Partei, die Gott dafür missbraucht, um an die Macht zu kommen."
Koalitionen
Nun bleibt abzuwarten, ob Ennahdha die nötigen Partner für eine Mehrheit in der Volksversammlung findet. Der überraschend starke linksnationalistische CPR ist ein möglicher Kandidat. Die zweitstärkste Partei, die sozialdemokratische PDP, hat sich - wie die meisten anderen - gegen eine Koalition mit Ennahdha ausgesprochen. "Zunächst wird sich die Partei nicht extrem geben", schätzt Loetzer. Immerhin muss sie die Wahlen in einem Jahr erst noch gewinnen. Ihre finanzielle Stärke hat Ennahdha durch private Geldgeber. Loetzer geht davon aus, dass dahinter andere arabische Staaten stecken - vor allem Saudi-Arabien. Die Erwartung der Investoren werde langfristig die Ausrichtung der Partei beeinflussen.
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