Warum jetzt auch Frankreichs Rechtsextreme auf Distanz zu Trump gehen
Jordan Bardella und Marine Le Pen
Zusammenfassung
- Frankreichs rechtsextremer Rassemblement National distanziert sich zunehmend öffentlich von Donald Trump, obwohl frühere Sympathiebekundungen dokumentiert sind.
- Die Partei versucht, zwischen ihrer systemkritischen Basis und dem Ziel, gemäßigt rechte Wähler zu gewinnen, zu balancieren.
- Trotz öffentlicher Distanzierung bestehen weiterhin Kontakte zu Trumps Umfeld und zur US-Rechten, was strategisch genutzt wird.
Jordan Bardella will sich nicht mehr ganz an den Satz erinnern, den er vor knapp einem Jahr in Bezug auf Donald Trump gesagt hatte. Der Chef von Frankreichs rechtsextremem Rassemblement National (RN) rühmte damals den „Wind der Freiheit und des nationalen Stolzes, der über unsere westlichen Demokratien weht“. Diesen Wind verkörpere Trump in den USA und seine Partei in Frankreich.
Aber nein, versicherte der 30-Jährige nun, er habe nie behauptet, dass jener von Westen blasende „Wind“ positiv für Frankreich sei oder der US-Präsident sein Vorbild. Archivaufnahmen bezeugen allerdings etwas anderes. Im Dezember sollte der RN-Chef in einer Fernsehshow eine Frage formulieren, die er Trump gerne stellen würde. „Woher nehmen Sie nur diese ganze Energie?“, fragte Bardella in bewunderndem Tonfall. „Zu Hilfe!“, stieß die frühere Ministerin Roselyne Bachelot neben ihm hervor. „Was für eine Schleimerei!“
Auch RN-Fraktionschefin Marine Le Pen hatte Trumps Wahl zum Präsidenten als „Entscheidung eines souveränen Volkes für die Freiheit“ gefeiert. Parteivize Louis Aliot reiste zur Amtseinführung nach Washington. Einige Monate später kritisierten der US-Präsident und sein Vize J.D. Vance Le Pens Verurteilung wegen Korruption in erster Instanz, durch die sie möglicherweise bei den Präsidentschaftswahlen nicht antreten kann. „Befreit sie“, forderte Trump auf seiner Plattform Truth Social.
Inzwischen aber setzt das RN-Spitzenpersonal auf mehr Distanz zur US-Administration. Einer Umfrage des Instituts IFOP zufolge fürchtet eine knappe Mehrheit der Franzosen, dass die USA zu einer militärischen Bedrohung für ihr Land werden könnten. 81 Prozent haben eine schlechte Meinung von Trump. Unter RN-Anhängern sehen ihn nur noch 40 Prozent positiv.
Gemäßigte rechte Wähler
Die Frage, welche Haltung sie gegenüber den USA einzunehmen habe, sei „unbequem“ für die Partei, sagt der Meinungsforscher Matthieu Gallard. „Es besteht eine starke Spannung zwischen einer radikalen Dynamik, die sie braucht, um ihre systemkritische Wählerbasis zu halten, und zugleich die Notwendigkeit, dieses Basis zu erweitern.“ Für einen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen 2027 müsse das RN auch auf gemäßigt rechte Wähler setzen und sich daher ein Stück weit „normalisieren“.
So fordern Bardella und Le Pen einerseits eine harte Haltung gegenüber Trumps Zolldrohungen und kritisierten seinen Griff nach Grönland. Zudem organisierte die Rechtsaußen-Fraktion „Patrioten für Europa“ im EU-Parlament, deren Vorsitzender Bardella ist, gerade erst ein Kolloquium zum Thema „Meinungsfreiheit in Europa“, mit mehreren Persönlichkeiten der MAGA-Bewegung sowie der rechten Denkfabrik „Heritage Foundation“. Bardella sagte, er teile die Ansicht von Vance, Europa drohe „seine Werte“ zu verlieren. Le Pens Nichte Marion Maréchal wiederum betonte, die französischen Eliten „täten gut daran, sich an Trumps Methoden zu inspirieren“, auch an jenen der umstrittenen US-Behörde ICE.
Im Dezember empfing der US-Botschafter in Paris, Charles Kushner, der Vater von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, Bardella und Le Pen. Die Juristin Magali Lafourcade, Generalsekretärin der französischen Menschenrechtskommission, berichtete, zwei Emissäre aus den USA hätten auf sie Druck ausgeübt, um den Prozess gegen Le Pen als politisch motiviert darzustellen.
Die Zeitung „Le Monde“ zitierte einen der wichtigsten Brückenbauer zwischen den radikalen Rechten in Frankreich und der MAGA-Bewegung, Alexandre Pesey, mit den Worten, Trumps Umfeld setze „fast mehr Hoffnungen in Frankreich als in Deutschland oder Großbritannien, einerseits aufgrund von deren Stärke, andererseits aufgrund des Aufstiegs katholischer Netzwerke innerhalb der republikanischen Partei“.
Auch der frühere Trump-Berater Steve Bannon sagte in einem Interview, die USA hätten ein großes Interesse an einem Sieg der französischen Nationalisten: Es handle sich um „das letzte Element, das die Europäische Union wirklich töten wird“.
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