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15.03.2018

Syrien: Massenflucht aus Rebellengebiet Ost-Ghouta

Nach Angaben von Beobachtern sind knapp 20.000 Menschen geflohen.

Am siebenten Jahrestag der syrischen Revolution sind nach Angaben von Beobachtern knapp 20.000 Menschen aus dem schwer umkämpften Rebellengebiet Ost-Ghouta geflohen. "Das ist die größte Flucht aus der Region seit Beginn der Belagerung durch Regierungstruppen 2013", sagte der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag.

Die Menschen seien über den Grenzübergang Hamouria in Auffanglager nahe der Hauptstadt Damaskus gebracht worden. Die Kämpfe in dem Gebiet gingen unterdessen weiter.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA verbreitete Fotos, die mutmaßlich Menschen beim Verlassen von Ost-Ghouta zeigen. Auf dem Bildmaterial waren vor allem Kinder, Frauen und ältere Menschen zu sehen. Syrische Staatsmedien sprachen von rund 10.000 Menschen, die Ost-Ghouta verlassen hätten. Die russische Nachrichtenagentur TASS meldete, dass im Laufe des Donnerstags rund 13.000 Menschen das Gebiet verlassen sollten.

Kontrolle zurückgewonnen

Die syrische Armee hatte zuvor die Kontrolle über Hamouria zurückgewonnen, nachdem sich eine Rebellengruppe aus der Stadt zurückgezogen hatte. In den vergangenen Tagen hatten bereits mehrere hundert Menschen Ost-Ghouta verlassen können. Das Gebiet erlebt seit mehr als drei Wochen eine der schwersten Angriffswellen der syrischen Streitkräfte. Seit Beginn der Operation Mitte Februar kamen Aktivisten zufolge rund 1.200 Zivilisten bei Bombardierungen ums Leben.

Trotz anhaltender Kämpfe erreichte erneut ein Hilfskonvoi des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK), des Syrischen Roten Halbmondes und der Vereinten Nationen (UNO) das Gebiet. 25 Lastwägen mit Nahrungsmitteln und weiteren Hilfsgütern für 26.100 Menschen seien in der Stadt Duma ausgeladen worden, sagte eine UNO-Sprecherin. Duma ist die größte Stadt der Region und wird von der islamistischen Rebellengruppe Jaish al-Islam kontrolliert.

Nach Berichten der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA beschossen Rebellen erneut die Hauptstadt Damaskus. Ein Zivilist soll dabei getötet, mehrere weitere verletzt worden sein, als drei Raketen in dem christlichen Viertel Bab Tuma in der Altstadt von Damaskus eingeschlagen seien.

Afrin seit kurzem eingekesselt

Aus der überwiegend kurdischen Stadt Afrin seien binnen eines Tages mehr als 30.000 Zivilisten geflohen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die Menschen seien vor dem Beschuss der türkischen Armee in von Kurdenmilizen kontrollierte Vororte oder in Gebiete geflohen, die von den syrischen Regierungstruppen kontrolliert werden.

Die Türkei geht seit Jänner mit verbündeten syrischen Rebellen in der Region Afrin gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten ( YPG) vor. Seit Beginn der Offensive eroberte die türkische Armee rund 70 Prozent der Region im Nordwesten Syriens. Die Stadt Afrin ist seit kurzem fast komplett eingekesselt, zahlreiche Menschen flohen in den vergangenen Tagen aus der Stadt.

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Warnung vor "Massaker"

Ein YPG-Sprecher warnte am Donnerstag vor einem "Massaker", sollte die Türkei Afrin-Stadt einnehmen. Der türkische Präsidentensprecher Ibrahim Kalin gab sich zuversichtlich, dass die Stadt in wenigen Tagen komplett "von Terroristen gesäubert" sein werde. Die Türkei sieht die YPG wegen ihrer engen Verbindungen zur Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als Terrororganisation.

Das EU-Parlament forderte am Donnerstag ein Ende der türkischen Militäroffensive in Afrin, Bundestags-Abgeordnete von SPD und Union bezeichneten den Einsatz als völkerrechtswidrig. Erdogan wies die Forderungen nach einem Ende des Einsatzes zurück. "Es gibt nichts, was das Europaparlament der Türkei sagen könnte", sagte Erdogan am Donnerstag bei einer Preisverleihung in Ankara.

Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen zu Syrien warf unterdessen vor allem Regierungstruppen und mit ihnen verbündeten Milizen schwere sexuelle Verbrechen vor. Die Kommission stellte am Donnerstag einen Bericht vor, nachdem Mädchen und Frauen missbraucht worden seien. Buben und Männer seien mit Stöcken und Flaschen misshandelt worden. Auch oppositionelle Milizen begingen dem Bericht zufolge Verbrechen dieser Art, wenn auch deutlich weniger.

Jolie verurteilte Uneinigkeit

Mit den Misshandlungen sollten Geständnisse oder Informationen über Aufständische erpresst werden oder vermeintliche Einsätze für Oppositionskräfte bestraft werden, hieß es. Vergewaltigungen fänden bei Kampfeinsätzen, Hausdurchsuchungen, an Kontrollpunkten und in Gefängnissen statt. Die Kommission sprach mit 454 Überlebenden, Anwälten und Medizinern.

UNHCR-Sonderbotschafterin Angelina Jolie verurteilte die Uneinigkeit der Großmächte im Syrien-Krieg angesichts des Leids als Unmenschlichkeit. "Nach sieben Jahren des Krieges und der Grausamkeiten gibt es keine Entschuldigungen mehr", erklärte die US-Schauspielerin. Mächtige Staaten hätten nur zugesehen, wie das syrische Volk bombardiert, vergast, belagert, ausgehungert, gefoltert und vertrieben worden sei. Die syrischen Flüchtlinge seien es leid, leere Versprechen und wohlwollende Erklärungen zu hören.