Politik | Ausland
15.03.2018

Erdogans Krieg gegen die Kurden

Angriffe. Türkei will nordsyrische Region Afrin unter Kontrolle halten/Angriffe gegen PKK im Irak.

Nach einem Monat und drei Wochen ist es soweit: Türkische Truppen und ihre Verbündeten stehen vor der Stadt Afrin im kurdisch dominierten gleichnamigen Gebiet im Norden Syriens. Und begleitet wird diese beginnende Belagerung von einer schwerwiegenden humanitären Krise (bis zu einer Million Menschen sollen sich in der Region Afrin aufhalten) sowie einer Ansage mit Gewicht: Man habe keine Absicht, Afrin nach Abschluss der Offensive der syrischen Regierung zu überlassen, so ein Sprecher des türkischen Präsidenten Erdogan.

Afrin ist der westlichste und kleinste kurdische Kanton in Nordsyrien und durch seine Lage möglicherweise eine Art Testgebiet für die Türkei, der alle kurdisch verwalteten Regionen in Nordsyrien ein Dorn im Auge sind: Im Westen und Norden grenzt Afrin an die Türkei; im Osten an ein Gebiet, das von Türkei-nahen Rebellen kontrolliert wird; und im Süden an das von islamistischen Gruppen kontrollierte Idlib. Nur ein schmaler Streifen grenzt an ein Gebiet unter Kontrolle der syrischen Armee. Ein Übergang ist für Zivilisten da aber nicht möglich. Sie sitzen in Afrin also in der Falle. Es gibt erste Berichte über Wasser- und Nahrungsmangel sowie Übergriffe türkischer Truppen.

Verwaltet und verteidigt wird Afrin von YPG-Milizen. Und die sind aus der Sicht Ankaras der syrische Ableger der in der Türkei als Terrorgruppe gelisteten kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Schutzzone vor der PKK

Immer wieder hatte die türkische Führung eine Zone zum Schutz vor Terroristen in Syrien angeregt. Jetzt scheint sie damit ernst zu machen. Gemeint sind aber weniger Islamisten als die PKK beziehungsweise YPG. Das stärkste Indiz dafür liegt in der Zusammensetzung jener Truppen, die die Speerspitze der türkischen Invasion bilden: durchwegs hartgesottene Islamisten diverser syrischer Fraktionen. Wie die britische Zeitung The Independent berichtet, sollen sich darunter auch ehemalige IS-Kämpfer befinden. Die Zeitung stützt das auf ein Interview mit einem Ex-IS-Mann, der berichtet, wie IS-Kämpfer in der Türkei trainiert worden seien. Videos dieser Kämpfer aus Afrin stützen das. In einem ist ein Kämpfer zu sehen, der die Kurden in Afrin aufruft, ihre Auslegung des Islam anzunehmen: "Wenn ihr das nicht tut, wissen wir, dass eure Köpfe reif sind und die Zeit gekommen ist, sie abzuschlagen." In anderen Videos ist zu sehen, wie Zivilisten beschimpft werden.

Dass Ankara jetzt verstärkt die PKK-Präsenz in Syrien und dem Irak im Visier hat, zeigt auch ein Angriff in der Nacht auf Donnerstag. Türkische Jets bombardierten Ziele der PKK im kurdischen Nordirak. Zuvor hatte die türkische Regierung angekündigt, gemeinsam mit irakischen Truppen gegen die PKK im Nordirak vorgehen zu wollen.

Zurück nach Syrien: Nicht nur Ankaras, auch Damaskus’ Truppen sind in der Offensive. Am Donnerstag verließen 12.000 Menschen die umkämpfte Rebellen-Region Ost-Ghouta nahe Damaskus. Das Gebiet steht kurz vor dem Fall. Die syrische Amee ist in dem Gebiet seit Tagen in der Offensive.