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Politik Ausland
06/26/2019

Speed-Dating der Demokraten: Neun Minuten für das Weiße Haus

20 demokratische Präsidentschaftskandidaten präsentieren sich erstmals im Fernsehen.

von Dirk Hautkapp

Der Schauplatz ist mit Bedacht gewählt. Die Multi-Millionärin Adrienne Arsht war in den 60er Jahren in der Luftfahrt-Industrie eine Überfliegerin. In dem nach ihr benannten „Zentrum für darstellende Künste“ in Miami wird heute (Mittwoch) und morgen ab 21 Uhr Ostküsten-Zeit genau so jemand gesucht. 20 demokratische US-Präsidentschaftskandidaten und -kandidatinnen, die in gut 17 Monaten Donald Trump ablösen wollen, stellen sich zum ersten Mal einem Millionen-Publikum vor.

Der Verdaulichkeit halber wurden die auf zwei Stunden angesetzten TV-Debatten auf je zehn Teilnehmer begrenzt. Zieht man die Zeit für Werbe-Pausen und Moderatoren-Gags ab, bleiben jedem Aspiranten rund neun Minuten. Nicht viel, um beim Speed-Dating Eindruck zu schinden. Genug, um Sprücheklopfern ein Forum zu geben.

Schon durchgefallen

Joe Biden (76)

Von 2009 bis 2017 Vizepräsident unter Barack Obama, hat Biden jede Menge Erfahrung. Als Wahlkämpfer um das Weiße Haus versagte er bisher allerdings regelmäßig, zuletzt 2008. 32,2 Prozent der demokratischen Wähler unterstützen ihn laut Umfragen jedoch, was ihn derzeit zum demokratischen Favoriten macht.

Bernie Sanders (77)

Bei den Vorwahlen 2016 belegte der Senator aus Vermont den zweiten Platz hinter Hillary Clinton. Er hat momentan hinter Biden die zweitbesten Umfragewerte (16,8 Prozent Zustimmung). Sanders hat zwei große Schwachstellen: Sein Alter und den Umstand, dass sich der linke Flügel bei den Demokraten vergrößert hat.

Elizabeth Warren (70)

Die Senatorin aus Massachusetts ist laut Umfragen die derzeit beliebteste Frau im Demokraten-Ranking. Sie ist Spezialistin für Konkursrecht und positioniert sich wirtschaftspolitisch ähnlich linkspopulistisch wie Sanders. Warren fordert unter anderem eine Millionärssteuer.

Peter Buttigieg (37)

Buttigieg, Bürgermeister der Stadt South Bend in Indiana, wird eine große politische Zukunft vorhergesagt. Er spricht mehrere Sprachen und vertritt als Demokrat überraschend konservative Positionen. Ihn zu wählen würde vor allem deshalb als "progressiv" gelten, weil Buttigieg der erste homosexuelle Präsident der USA wäre.

Kamala Harris (54)

Die Senatorin aus Kalifornien hat jamaikanische Wurzeln und tritt vor allem als Anhängerin einer liberalen Einwanderungspolitik auf. Mindestens genauso wichtig ist ihr eine umfassende, staatliche Krankenversicherung.

Beto O'Rourke (46)

Früher Kongressabgeordneter in El Paso, verpasste O'Rourke 2018 im konservativen Texas nur knapp einen Überraschungssieg gegen Amtsinhaber Ted Cruz - der 2016 zwischenzeitlich auch als Spitzenkandidat der Republikaner gehandelt wurde. O'Rourke werden Optimismus und Charisma genauso nachgesagt, wie Ideenlosigkeit.

Cory Booker (50)

Der Senator aus New Jersey ist Jurist und hat eine lange Laufbahn als Lokalpolitiker hinter sich. Der Afroamerikaner setzt auf besonders linke Positionen, von einem weitreichenden Sozialstaat, bis zu Geldgeschenken für junge Erwachsene.

Amy Klobuchar (59)

Die Senatorin aus Minnesota machte sich einen Namen als Firmenanwältin. Sie kommt aus dem Mittleren Westen und gehört nicht zum linken Flügel der Demokraten. Eine rein staatliche Krankenversicherung? Nicht mit Klobuchar.

Julian Castro (44)

Unter Obama war er Wohnbauminister, in San Antonio (Texas) Bürgermeister. 2016 war er als Vizepräsident im Gespräch. Sein Hauptaugenmerk liegt auf Sozial- und Umweltpolitik.

Michael Bennet (54)

Der Senator aus Colorado positioniert sich offen gegen den dominanten linken Flügel der Demokraten. Er gilt als Realist, ist gegen eine staatliche Einheitskrankenkasse und wird es dementsprechend schwer haben.

Andrew Yang (44)

Der Startup-Unternehmer hat noch nie ein politisches Amt bekleidet. Er warnt vor der Automatisierung der Wirtschaft und wünscht sich ein generelles Grundeinkommen für Amerikaner über 18 Jahren.

Kirsten Gillibrand (52)

Die eher konservative Senatorin aus New York rückte zuletzt immer weiter nach links, versucht aktuell sexuellen Missbrauch zu bekämpfen. Zuvor setzte sie sich immerhin für das Recht auf freien Waffenbesitz ein.

Eigentlich gibt es bei der Anti-Trump-Partei inzwischen 25 Bewerber und Bewerberinnen. Aber Steve Bullock, Seth Moulton, Wayne Messam, Mike Gravel und der Späteinsteiger Joe Sestak erfüllten die Kriterien für Miami nicht: 65.000 Einzel-Spenden. Und mindestens ein Prozent-Pünktchen Zustimmung in drei landesweiten Umfragen.

Für das Gros der Kandidatinnen und Kandidaten geht es bereits ums Ganze, wenn NBC-Starmoderator Lester Holt den Premieren-Abend eröffnet. Viele dümpeln bei Bekanntheit und Zustimmung beharrlich in niedrigsten einstelligen Prozent-Gefilden. Hinterlassen sie in Florida keinen Fußabdruck, sinkt ihre Verwertbarkeit in den Medien. Und damit der Anreiz für Geldgeber, um ihre Kampagnen zu alimentieren.

Spenden-Untergrenze

Als Richtschnur gilt, dass Aspiranten, die bei den ersten offiziellen Vorwahlen in Iowa, New Hampshire und South Carolina ab Februar 2020 wettbewerbsfähig sein wollen, bis dahin rund 50 Millionen Dollar im Spenden-Topf haben müssen. Für viele könnte der politische Schönheitswettbewerb daher bereits vorbei sein, bevor er richtig begonnen hat.

Schaut man auf das noch bedingt aussagekräftige Bild der Meinungsforschungsinstitute könnten nach Miami die amtierenden oder ehemaligen Kongress-Abgeordneten Tim Ryan (Ohio), Eric Swalwell (Kalifornien), Tom Delaney (Maryland) und Tulsi Gabbard (Hawaii) von einem frühen Aus betroffen sei. Bei Beto O’Rourke, der 2018 bei den Wahlen zum Senat in Texas knapp dem Platzhirsch Ted Cruz unterlag, wird Miami entweder Frischzellenkur sein – oder „sudden death“.

Marianne Williamson (spirituelle Autorin und Lebensberaterin), Andrew Yang (Internet-Unternehmer), Bill de Blasio (New Yorks Bürgermeister) und der frühere Wohnungsbau-Minister Julian Castro gelten mit Zustimmungs- und Bekanntheitswerten um ein Prozent schon an der Startlinie als so gut wie gescheitert. Auch die Ex-Gouverneure John Hickenlooper (Colorado) und Jay Inslee (Washington State) dürften mittelfristig in dieser Kategorie einzusortieren sein.

Im Kreis der Senatoren, die sich zu Höherem berufen sehen, muss man sich aller Wahrscheinlichkeit nach die Namen Michael Bennet (Colorado) und Kirsten Gillibrand (New York) nicht auf Dauer einprägen. Bei Amy Klobuchar (Minnesota) und Cory Booker (New Jersey) ist die Prognosen noch schwierig. Tendenz: negativ.

Der Favorit

Bleiben jene übrig, auf die sich schon jetzt das mediale Interesse, Spender und eine bekannte Internet-Suchmaschine fokussieren: Joe Biden, Ex-Vizepräsident, und mit deutlichem Vorsprung Spitzenreiter. Dahinter kommen Bernie Sanders, Senator aus Vermont und 2016 Hillary Clinton parteiintern unterlegen, sowie die Senatorinnen Elizabeth Warren (Massachusetts) und Kamala Harris (Kalifornien). Der Fünfte im Bunde der „hopefuls“ ist Jungspund Pete Buttigieg (37), der offen schwul lebende Bürgermeister der 100.000-Einwohner-Stadt South Bend (Michigan).

Bidens Stern und auch der des „demokratischen Sozialisten“ Sanders sank zuletzt graduell. Obamas Vize leistete sich Äußerungen, aus denen vereinzelt Verständnis für Rassismus herausgelesen wurde. Bei Sanders ist der Glanz der Sturm-und-Drang-Kampagne von vor vier Jahren etwas matt geworden.

Kamala Harris wiederum steht im Verdacht, sich abseits ihrer juristischen Grandezza (sie war Generalstaatsanwältin) inhaltlich nicht packen zu lassen. Buttigieg, der als Außenseiter ins Rennen kam und sich durch viele kluge Auftritte gegen die Senioren-Riege seiner Partei profiliert hat, hat just mit einem tödlichen Polizeieinsatz in seiner Heimatstadt zu kämpfen.

Die Überraschung

Bleibt Elizabeth Warren. Die politisch Bernie Sanders nicht unähnliche Umverteilungspolitikerin sozialdemokratischen Typus macht seit Wochen schleichend Boden gut. Der Lohn: großflächige Zeitungsreportagen, die sie als Kämpferin und Steherin ausweisen. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Sie hat für jedes Politikfeld offenbar ausgearbeitete Konzepte.

Warren ist heute gefühlt im Vorteil. Das Los hat sie als einziges Schwergewicht in der Mittwochs-Debatte platziert. Sanders, Harris und Buttigieg werden am Donnerstag mit verteilten Rollen versuchen, den Leitwolf Biden wegzubeißen, der sich als einziger dem Linksdrall seiner Partei widersetzt. Ende Juli wird das Schauspiel in Detroit wiederholt.

Laut Umfragen haben sich aber viele demokratische Wähler noch gar nicht richtig in die Auslese eingeschaltet. Nur 35 Prozent verfolgen das seit Jänner laufende Polit-Vorspiel intensiv.