Politik | Ausland
30.03.2018

Pulverfass Naher Osten: Wem gehört die Heilige Stadt?

Seit Donald Trump die US-Botschaft nach Jerusalem verlegen will, herrscht in der Stadt der Pilger viel Angst. Auch vor den Osterfeiertagen.

Zwischen Silikontuben, Bohrmaschinenaufsätzen, Glühbirnen und Zement gibt Bassem Said an diesem Freitagvormittag zu, dass ihn derzeit apokalyptische Visionen plagen: „Sonst bin ich gelassen, aber jetzt sehe ich einen großen Krieg kommen.“ Nur ein paar Schritte von der Grabeskirche entfernt, verkauft der 69-jährige Bauutensilien in einer stillen Gasse statt Rosenkränze und „I-love-Jesus“-T-Shirts. Ein bodenständiger Shop, der die – mitunter schwindelerregende – Verklärung einer Stadt relativiert.

In dem Wohnhaus über dem Geschäft ist er geboren, wie schon Vater und Großvater. „Ich und mein Sohn werden aber wohl die letzten sein, die sich hier halten.“ Mit einer vergilbten Visiten-Karte stellt er sich als Präsident der „Entwicklungsorganisation des Christlichen Viertels Jerusalems“ vor. Viel, meint er, sei aber nicht mehr zu tun. „Von den 80.000 Christen, die vor einem halben Jahrhundert noch hier lebten, sind 10.000 geblieben.“

Bedrückte Ostern

Heuer würde er Ostern bedrückt feiern, so angespannt sei die Lage. „Kurzzeitig war im Februar sogar die Grabeskirche gesperrt, als Zeichen des Protests der Kirchen-Vertreter, weil die Gemeindeverwaltung astronomisch hohe Steuernachzahlungen im zweistelligen Euro-Millionen Bereich forderte.“

Schuld daran sei eigentlich US-Präsident Donald Trump: „Seit er im Dezember Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat, tritt die Stadtverwaltung und Regierung dominanter auf denn je.“ – Eine „Israelisierung“ der Stadt sei spürbar und berge enormen Zündstoff.

Für Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, den Korruptionsvorwürfe massiv belasten, war der Zeitpunkt der Trump-Erklärung ein Gottesgeschenk. Als „einen wichtigen Schritt in Richtung Frieden“, bezeichnet er ihn. Für die politischen Vertreter der Palästinenser war es ein Schlag ins Gesicht. „Niemals. Niemals. Jerusalem gehört zu Palästina, ist niemals Israels Hauptstadt“, empört sich Hanan Aschrawi, Grande Dame der palästinensischen Polit-Elite im Gespräch mit dem KURIER: „Ohne die Klärung des Status“ Jerusalem ist eine Zwei-Staaten-Lösung undenkbar und dies ist der einzige Weg hin zum Frieden.“

14 Hektar Altstadt

Das arabische al-Quds („die Heilige“) und Jerusalem sind heute also Lichtjahre voneinander entfernt; - auch wenn beide Namen die gleiche Stadt bezeichnen, Palästinenser und Israelis sie als ihre Hauptstadt beanspruchen. Volatile Begegnungszone dieser Parallel-Universen ist die 14 Hektar große Altstadt. Besonders an dem Freitag, den Palästinenser-Organisationen zu einem weiteren „Tag des Zorns“ erklärt haben. Der Anlass: 100 Tage sind seit der Trump-Erklärung für ein israelisches Jerusalem vergangen.

Im Laufschritt hetzt an diesem Tag ein Mann im Gewand orthodoxer Juden durch das Damaskus-Tor über eine Treppe in Richtung Klagemauer. Vorbei an Bäuerinnen, die Weinblätter, Thymianreben und Sultaninen von diesen gepflasterten Stiegen beim Damaskus-Tor in schwarze Plastiksäcke räumen. Von dem Mann, der mit seinem Sohn an der Hand vorbei rennt, als ginge es um sein Leben, nehmen sie keine Notiz, obwohl er kurz über einen der Säcke stolpert.

 

Hinter zahlreichen Barrikaden aus festen Gitterstäben haben israelische Sicherheitskräfte ein noch engeres Netz wie sonst gezogen, um die derzeit aufflammende Gewalt im Schach zu halten. „Hier Dienst zu tun, ist einer der wichtigsten Jobs, den man tun kann, wenn man so wie ich felsenfest an den Staat Israel glaubt“, sagt der 20-jährige Ami stolz. Er ist Teil jener Grenzpolizei, die in Kampfausrüstung in der Via Dolorosa die Stellung hält.

Tausende Muslime, die vom Freitags-Gebet in und vor der al-Aqsa Moschee kamen, sind an diesem Tag an ihm vorbeigezogen. „Palästinenser, die jünger als 60 sind, dürfen nicht zum Beten kommen. Dafür kommen Gläubige aus aller Welt, um uns zu unterstützen. Aus Fernost, aber besonders aus der Türkei,“ erklärt Teyris Dwekat, ein Notar aus der Westbank-Stadt Nablus, warum die türkische Flagge diesen Zug der Gläubigen dominiert: „Es findet ein überregionaler Wettlauf im Kampf um Jerusalem statt, der nun wichtiger ist denn je.“

Heilige Stätten

Diese heilige Stätte des Islams gilt als der Ort, von dem der Prophet Mohammed gen Himmel verschwand. In der jüdischen Glaubenstradition ist diese Anhöhe der „Tempelberg“ und hat eine mindestens ebenso hohe Bedeutung. Es ist die heiligste Stätte dieser Religion. Zugang für jüdische Gläubige gibt es aber nur bis zur „Klagemauer“, den noch erhaltenen Westteil des zweiten Tempels. Die untrennbar miteinander verwachsenen Heiligtümer sind Zankapfel und Symbol des Konflikts zugleich.

Trotz der hohen Sicherheitspräsenz lassen sich Gewalttaten nur kurzfristig verhindern: Zwei Tage nach diesem „Freitag des Zorns“ wird in der Altstadt der 32-jährige Wachmann Adiel Kolman erstochen. Von einem 28-jährigen Palästinenser. „Meine Nachbarn würden mich angesichts solcher Attentate, für völlig verrückt halten, wenn sie wüssten, dass ich hierher komme“, sagt Daniel Seidemann und legt vorsichtig Fahrradhelm und Rucksack auf den Diwan in der Lobby des Luxushotels „American Colony“. Nur in Ausnahmefällen würden die Bewohner West-Jerusalems in arabische Viertel auf einen Kurz-Besuch kommen.

Pyromanen

Der heute 67-jährige Seidemann leitet die Organisation „Terrestrial Jerusalem“, die akribisch Details zum israelisch-palästinischen Konflikt in der Stadt recherchiert, um Fakten für Entscheidungen zu schaffen. „Doch nun geben die Pyromanen auf allen Seiten den Ton an. Die Bedeutung der religiösen Stätten wird von den politischen Extremisten aller Seite wie eine Waffe eingesetzt.“

Fast 900.000 Menschen leben in der Stadt; gut 300.000 sind Palästinenser, rund 550.000 Israelis. Vor 15 Jahren begann der Bau einer fast 200 Kilometer lange Barriere, die über weite Strecken aus einem neun Meter hohen Betonwall besteht. Sie teilt den Großraum um Jerusalem seit 15 Jahren in zwei Hälften und zäunt mehrere palästinensische Viertel regelrecht ein. Insgesamt trennt sie über eine Strecke von mehr als 400 Kilometer das Westjordanland von Israel ab. Die Barriere gilt im Anti-Terrorkampf als Erfolg, denn die Zahl von Selbstmordattentaten mit Sprengsätzen ging von damals 43 gegen Null zurück.

Gleichzeitig verschärfte sich die wirtschaftlich prekäre Lage der Palästinenser; vor allem jener, die in Jerusalem leben. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 80 Prozent, da Zentrum und Umland voneinander abgeschnitten sind. Die Führung der Palästinenser konnte dies wenig abfedern, so wuchs eine perspektivlose Generation im Schatten der Mauer auf, die von Extremisten leicht zu rekrutieren ist.

Aus Sicht des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres war die Entscheidung Trumps ein „Moment großer Besorgnis“. Als im November 1947 die Vereinten Nationen den „Teilungsplan“ des Landes beschlossen hatten, wurde ein „internationaler Status“ Jerusalems vorgeschlagen. Rechtlich war dies nicht bindend und so wurde aus dem Kalten Krieg um Jerusalem in regelmäßigen Abständen ein heißer Konflikt. 1967, nach dem 6-Tage-Krieg, eroberte Israel den Ost-Teil der Stadt und auch die Altstadt, zugleich das Epizentrum des Konfliktes. 1980 beschloss die Regierung die formale Annexion seiner „vereinten Hauptstadt“. International war dies nie gebilligt worden.

Beunruhigendes Datum

Mit dieser Tradition hat Trump gebrochen., der ankündigt im Eilzugtempo die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu übersiedeln. Wie in einem Drama steuert so der Konflikt um Jerusalem auf einen sehr problematischen Höhepunkt zu. Betty Fleischman von der renommierten Organisation „Ir Amim“, deren Ziel es ist „für eine gerechte Lösung der Jerusalem-Frage zu arbeiten“ hält das anvisierte Datum für sehr beunruhigend. „Dieser 14. Mai ist der 70. Jahrestages der Gründung Israels. Nur einen Tag später begehen die Palästinenser am 15. Mai den Gedenktag den „Tag der Vertreibung“ infolge des Konflikts von 1948.“

von Petra Ramsauer aus Jerusalem