Jens Stoltenberg lenkte lange Jahre Norwegens Geschicke.

© Reuters/BRIAN SNYDER

Militärbündnis
03/28/2014

Norweger Stoltenberg wird neuer NATO-Chef

Der langjährige norwegische Regierungschef löst im Oktober Generalsekretär Rasmussen ab.

Ein Skandinavier löst den anderen an der Spitze der NATO ab: Der frühere norwegische Regierungschef Jens Stoltenberg (55) wurde am Freitag von den Vertretern der 28 Mitgliedsstaaten offiziell zum Nachfolger des Dänen Anders Fogh Rasmussen bestimmt. Rasmussen, der sein Amt im August 2009 angetreten hatte, scheidet am 30. September als Generalsekretär aus.

Der Sozialdemokrat Stoltenberg war von Oktober 2005 bis zu einer Wahlniederlage im Oktober 2013 Ministerpräsident Norwegens. Dieses Amt hatte er bereits vom März 2000 bis zum Oktober 2001 ausgeübt. Für Stoltenberg hatten sich unter anderem die USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien stark gemacht. Stoltenberg ist der erste Norweger in diesem Amt.Traditionell ist der militärische Oberkommandierende der NATO ein Amerikaner, während der Generalssekretär aus Europa stammt

Stoltenberg übernimmt das Amt in einer Zeit, in der das Militärbündnis mit schrumpfenden Verteidigungsausgaben vieler Mitgliedsländer und den neuen Spannungen mit Russland konfrontiert ist. Nach der Besetzung der Krim durch Russland liegt die Zusammenarbeit zwischen Brüssel und Moskau auf Eis. Die neueren NATO-Mitglieder in Osteuropa und vor allem im Baltikum fürchten, dass Russland auch in ihren Ländern intervenieren könnte. Sie suchen deshalb die Rückendeckung des Bündnisses, das in Artikel 5 jedem NATO-Land bei einem Angriff militärischen Beistand zusichert.

Die bisherigen NATO-Generalsekretäre

ANDERS FOGH RASMUSSEN (Bild) - seit 2009

JAAP DE HOOP SCHEFFER - 2004 BIS 2009

GEORGE ROBERTSON - 1999 BIS 2003

JAVIER SOLANA - 1995 BIS 1999

WILLY CLAES - 1994 BIS 1995

MANFRED WÖRNER - 1988 BIS 1994

PETER CARRINGTON - 1984 BIS 1988

JOSEPH LUNS - 1971 BIS 1984

MANLIO BROSIO - 1964 BIS 1971

DIRK STIKKER - 1961 BIS 1964

PAUL-HENRI SPAAK - 1957 BIS 1961

HASTINGS ISMAY - 1952 BIS 1957

Beliebt, dennoch abgewählt

Viele Jahre lang war Jens Stoltenberg Ministerpräsident von Norwegen - und sammelte in dieser Zeit Sympathien weit über die Grenzen des Landes hinaus. Als Landesvater profilierte er sich vor allem nach den Anschlägen des Massenmörders Anders Behring Breivik in Oslo und auf Utøya im Sommer 2011. In einer einfühlsamen Rede appellierte er unter Tränen an den Zusammenhalt der Menschen in Norwegen. Er spendete Trost, hörte zu, warb dafür, niemanden aus der Gesellschaft auszuschließen.

Als im vergangenen September ein neues Parlament gewählt wurde, hätte Stoltenberg beliebter eigentlich nicht sein können. Im Wahlkampf legte er sich kräftig ins Zeug, mischte sich unters Volk. Abgewählt wurde der Mann mit den vielen Lachfältchen um die Augen trotzdem - wohl einfach, weil die Norweger mal Lust auf ein neues Gesicht hatten. Stoltenberg verlor seines auch da nicht, zeigte sich als guter Verlierer.

Der zweifache Familienvater machte bei öffentlichen Auftritten stets eine gute Figur. Der 55-Jährige ist sportlich wie seine Landsleute: Er taucht, läuft Ski, geht in den Bergen in seiner Heimat wandern. Immer ist er nah an den Menschen in seinem Land, immer ein bisschen zurückhaltend, immer wirkt er aufrichtig.

„Es ist für mich wichtig zu wissen, was die Leute denken“, sagte er, als er die Osloer vor der Parlamentswahlinkognito als Taxifahrer durch die Stadt kutschierte. Und diesem Politiker, den in Norwegen alle nur „Jens“ nennen, nimmt man es ab.

1959 geboren, war Jens Stoltenberg die politische Karriere in die Wiege gelegt: Sein Vater Thorvald Stoltenberg war Außenminister und Botschafter, seine Mutter Karin arbeitete als Staatssekretärin in mehreren Ministerien. Schon im Teenageralter betrat Stoltenberg die politische Bühne: Mit 14 wurde er Mitglied der Arbeiterpartei, mit 20 saß er im Vorstand der Jugendorganisation der Sozialdemokraten. Später wurde er Wirtschaftsminister, dann Finanzminister, im Jahr 2000 zum ersten Mal Ministerpräsident - mit nur 41 Jahren.

Stoltenberg blieb Hoffnungsträger der Sozialdemokraten, auch wenn die Konservativen zunächst eineinhalb Jahre später wieder an die Macht kamen. 2005 wurde er erneut Regierungschef. Doch dass seine Geschichte mit der Abwahl als Ministerpräsident noch nicht auserzählt sein würde, war im September 2013 nicht nur den Norwegern klar.

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