Wieso Nigel Farage Tory-Fänger wider Willen ist

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Mittlerweile sind 18 konservative Parlamentsabgeordnete zu Farages rechter Reform-UK übergelaufen. Doch das könnte der neue Partei nicht nur nutzen.

Timing ist alles. Keine 72 Stunden, nachdem der frühere Schattenaußenminister Robert Jenrick in einem bemerkenswert aktiven Tag zunächst von Parteichefin Kemi Badenoch aus der konservativen Partei ausgeschlossen und anschließend von Nigel Farage in seiner Reform-UK-Partei aufgenommen wurde, folgte der nächste Abtrünnige. 

Sonntagabend verkündete Andrew Rosindell, die Tories seien „unwiderruflich an die Fehler früherer Regierungen gebunden“ und nicht bereit, „wirkliche Verantwortung“ für schlechte Entscheidungen zu übernehmen. Auch er möchte künftig lieber an Nigel Farages Seite für die Zukunft seines Landes kämpfen.

Britain's Reform UK party holds a rally with party leader Farage and new member Jenrick, in Newark

Nigel Farage hieß am 15. Jänner Robert Jenrick in seinem Team willkommen

Insgesamt haben in den vergangenen Monaten damit 18 Mitglieder der konservativen Partei in die Partei zur rechten Reform-Partei gewechselt. 

 Gefahr durch Überläufer

Doch auch wenn Nigel Farage Robert Jenrick mit breitem Lächeln auf die Bühne bat und Andrew Rosindell mit noch breiterem Handschlag begrüßte:  Politikprofessor Karl Pike von der Londoner Queen Mary Universität ist nicht davon überzeugt, dass die jüngsten Zuwanderungen für die Reformpartei ausschließlich positiv sind; „Wie schon zuvor bei anderen politischen Parteien, die versucht haben zu wachsen, ist unklar, was diese neuen Kollegen zusammenhält. Die Reformpartei steht eindeutig rechts von den gemäßigteren Konservativen, aber sind sich alle über ihre Prioritäten einig?“

Britain's Reform UK party holds a press conference in London

Die neuen Mitglieder kommen mit einer gewissen Gefahr.

Hinzu kommt: Die neuen Mitglieder der Reform-Partei, die sich doch als progressive Alternative präsentieren möchte, sind alles andere als neu. Viel mehr sind es Gesichter, die viele Briten mit jenen Fehlentscheidungen verbinden, die ihnen derzeit das Leben teuer und kompliziert machen. 

Das scheint Reform bereits zu schaden. In der jüngsten Meinungsumfrage von Sky News und The Times konnte die Partei mit 24 Prozent das schwächste Ergebnis in neun Monaten erzielen. 

Keine Verschnaufpause für Labour

Und doch sollte die regierende Labour-Partei nicht allzu früh jubilieren. Reform hat weiterhin gefährlich gute Karten. Selbst mit den aktuellen 24 Prozent liegt sie noch auf Platz eins, während Labour weniger als ein Fünftel der Wählerstimmen erzielt. Ein neuer Tiefstand für eine britische Regierungspartei.

Indonesian President Prabowo Subianto visits UK

Die Prognosen für Premier Keir Starmer sind alles andere als rosig.

Abgesehen von unabhängigen Abgeordneten (die aber nicht als Block abstimmen), stellt Reform gemeinsam mit der irischen Sinn-Fein-Partei (die keinen ihrer sieben Abgeordneten nach Westminster entsendet) die fünftgrößte Fraktion im Unterhaus.

Farage ist sich zudem bewusst, dass seine Partei nicht zu „Tory 2.0“ werden darf. Im sonst konservativen-freundlichen Telegraph schrieb er also, dass Reform „keine Rettungsorganisation für jeden panischen Tory-Abgeordneten” sei. Potenzielle Überläufer müssten nicht nur bereit sein, öffentlich zuzugeben, dass die vorherige konservative Regierung „das Land ruiniert” habe, sie müssen sich auch beeilen: Nach den nächsten Kommunalwahlen am 7. Mai will er keine Überläufer mehr aufnehmen.

Gleichzeitig versucht er, sich als Partei aller Couleur zu positionieren. Mitte Jänner ließ er nicht unerwähnt, dass sich unter 20 neuen Gemeinderäten auch ein ehemaliger Grüner befand. Eine „bekannte Labour-Persönlichkeit“ hätte diese Woche als nächster Überläufer präsentiert werden sollen. Hier kam ihm nur die Weltpolitik dazwischen: Aufgrund von Trumps drohenden Zöllen will er die Ankündigung „bis auf Weiteres“ vertagen. Denn Farage weiß: Timing ist alles. 

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