Pulverfass Nahost: Das Erbe der Kolonialmächte und der Kampf ums Öl
Die Geschichte beginnt nicht im Nahen Osten, sondern in London am Sitz des Premierministers. Im Dezember 1915 betritt Mark Sykes mit einer Landkarte die Downing Street 10. Der junge britische Abgeordnete will vor dem Kriegskabinett ein Konzept präsentieren, wie England und Frankreich nach einer möglichen Niederlage des Osmanischen Reiches die arabische Welt unter sich aufteilen könnten. „Ich würde eine Linie ziehen vom e von Acre bis zum letzten k von Kirkuk“, schlägt Sykes vor, bekommt grünes Licht und startet Verhandlungen mit dem französischen Diplomaten François Georges-Picot.
Im Mai ist man sich einig und das geheime Sykes-Picot-Abkommen wird unterzeichnet. Noch ehe überhaupt klar ist, wer den Ersten Weltkrieg gewinnen wird, teilen die beiden Männer die arabischen Provinzen des sterbenden Osmanischen Reiches auf (siehe Karten und Chronologie ganz unten): die „blaue Zone“ nördlich der Linie an die Franzosen, die „rote Zone“ südlich davon an Großbritannien. „Die Araber dort werden dann unter unsere Kontrolle kommen“, soll Kriegsminister Lord Kitchener trocken kommentiert haben.
Zum 100-Jahr-Jubiläum des Paktes 2016, streuen Analysten Asche auf das Haupt sämtlicher westlicher Kolonialisten. „Mit ein paar Federstrichen zerstörten Briten und Franzosen vor hundert Jahren die Konfliktsicherungsmechanismen der Osmanen im Nahen Osten. Und legten damit den Grundstein für viele der Konflikte, die noch heute die Region und die Welt beschäftigen“, schrieb etwa die FAZ.
„Selbst unter den Maßstäben der Zeit war es ein schamlos eigennütziger Pakt“, urteilte der britische Historiker James Barr. Sykes’ gerade „Linie im Sand“ teilte die Region in westliche Machtsphären. Die Linien wirken auf der Karte sauber. In der Realität schneiden sie durch Stämme, Religionen und Handelsräume.
Selbst unter den Maßstäben der Zeit war es ein schamlos eigennütziger Pakt.
Britischer Historiker
Sünden der Vorfahren
In den vergangenen gut hundert Jahren gab es viele Kriege und Krisen im Nahen Osten, darunter zuletzt die Bürgerkriege im Irak, in Libyen und Syrien, den ewigen Konflikt um Israel, und jetzt auch noch den Angriff auf den Iran, der sich zum Flächenbrand auszuwachsen droht. Nirgends fließt so viel Blut, wie im Nahen Osten. Die Ursachen? Hausgemacht! Zu viele Völker und Konfessionen auf engem Raum, lautet die vorschnelle Antwort auf die Frage nach dem Warum. Wer eine differenzierte Antwort möchte, muss zurückblicken.
Vor dem Ersten Weltkrieg war ein Großteil der arabischen Welt Teil des Osmanischen Reiches. Provinzen wie Mossul, Bagdad oder Damaskus waren Verwaltungsgebiete, keine Nationalstaaten. Unter osmanischer Herrschaft blieb die Region lange vergleichsweise stabil; Türken, Araber, Kurden, Muslime, Christen und Juden vertrugen sich sieben Jahrhunderte einigermaßen gut, sagen Historiker. Die Osmanen hätten durch kleinteilige Aufteilung und effiziente Verwaltung Konflikte vermieden, die aufkommen, wenn viele verschiedene Gruppen in einem Staat zusammenleben.
Hoffen auf Unabhängigkeit
Doch dann kam der Erste Weltkrieg, und nicht nur Europa wurde neu geformt. Während Sykes und Picot Linien zogen, kämpften im selben Krieg arabische Rebellen gegen die Osmanen. Der Scherif von Mekka, Hussein ibn Ali, glaubte an britische Versprechen: In Briefen des Hochkommissars Henry McMahon wurde ihm eine arabische Unabhängigkeit in Aussicht gestellt, wenn er gegen Istanbul aufsteht.
Die Araber kämpften – ohne zu wissen, dass London und Paris ihre Zukunft längst hinter verschlossenen Türen verhandelten. Nach dem Sturz des Zarenregimes 1917 fanden die Bolschewiki das geheime Sykes-Picot-Abkommen in Außenministeriumsarchiven und veröffentlichten es, um die „imperialistischen Machenschaften“ der Alliierten zu enthüllen.
Verrat und Doppelspiel
Im kollektiven Bewusstsein der Araber ist Sykes-Picot bis heute als Verrat abgespeichert. Und tatsächlich waren die Kolonialmächte unehrlich. „Großbritannien und Frankreich spielten ein gefährliches Doppelspiel“, sagt der Historiker Hannes Leidinger. Die Levante etwa versprach man gleich drei Parteien:
- 1915 den Arabern,
- 1916 teilten London und Paris das Gebiet unter sich auf, und
- 1917 sagte der britische Außenminister den Juden eine „nationale Heimstätte in Palästina“ zu.
Später, mit der Gründung des Staates Israel 1948, sollten sich diese Spannungen in einen offenen Krieg verwandeln. Israel wird in vielen Ländern der Region zum gemeinsamen Feind, was auch innerarabische Rivalitäten überlagert.
Die widersprüchlichen Versprechen waren „Ein Frieden, der jeden Frieden beendet“, so der Titel des Standardwerks von US-Historiker David Fromkin zum Thema. Vor dem Ersten Weltkrieg sei die arabische Welt schläfrig gewesen, schreibt er weiter. Mit der neuen Ordnung sei der Nahe Osten jedoch mit zunehmender Unordnung turbulent geworden.
Experiment
Mit dem militärischen Zusammenbruch des Osmanischen Reiches 1918 begann das eigentliche Experiment. Aus Provinzen wurden Staaten, aus Verwaltungszonen internationale Grenzen. „Die Großmacht-Interessen spielten eine große Rolle. Stichwort: Bodenschätze wie Öl, Bahnlinien, etwa die Bagdad-Bahn, Häfen und Handelswege“, erklärt Historiker Leidinger.
Die Landkarte des Nahen Ostens entstand daher nicht aus Volksbewegungen, sondern auf Konferenzen in europäischen Kurorten. Eine der wichtigsten fand 1920 im italienischen Sanremo statt. Dort beschlossen die Siegermächte nicht nur durch den Völkerbund legitimierte Mandatsgebiete, sondern auch, wer Zugang zu den Ölquellen in Mesopotamien erhält.
Damit beginnt auch eine zweite Geschichte, die sich wie ein roter Faden durch das 20. Jahrhundert zieht: die Geschichte des Erdöls. Schon vor dem Krieg war im damaligen Persien – dem heutigen Iran – eines der ersten großen Ölfelder der Region entdeckt worden. Die britische Anglo-Persian Oil Company – Vorläufer von BP – sicherte sich Förderrechte und machte das Land zu einem strategischen Schlüsselstaat. Plötzlich wurde der Persische Golf zum Mittelpunkt globaler Energiepolitik. Auch die Arabische Halbinsel und die kleinen Scheichtümer gerieten bald in diesen Strudel.
So überlagern sich im Nahen Osten mehrere historische Ebenen: der Zerfall eines Imperiums, koloniale Grenzziehungen, rivalisierende Nationalbewegungen – und darunter die gewaltigen Erdölreserven der Region. Wenn heute Raketen über den Persischen Golf fliegen oder Teheran bombardiert wird, dann hallt noch immer jener Augenblick in der Downing Street nach, in dem europäische Diplomaten beschlossen haben, eine Weltregion mit Bleistiftstrichen auf einer Karte neu ordnen zu können.
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