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Wüst statt Merz? Die deutsche Union übt die Kanzlerdemontage

Die Union arbeitet öffentlich am Sturz ihres Chefs: In Berlin wird wild über einen Kanzlerwechsel zu NRW-Ministerpräsident Wüst spekuliert. Wahrscheinlich ist das zwar nicht, gefährlich ist es für Merz dennoch.
Friedrich Merz mit Hendrik Wüst

Nein, konkret sei gar nichts, es gebe keine Geheimrunden, und den eigenen Namen nennen will auch keiner. Das ist auch gar nicht nötig: Einige wichtige Köpfe aus der Union tragen derzeit ganz informell an die Medien weiter, dass klammheimlich nach einem „Ersatzkanzler“ gesucht wird. Das sagt schon genug. In der deutschen Union ist der Frust über Friedrich Merz so groß, dass man auf offener Bühne an seinem Sessel sägt.

Im Gespräch dafür sei Hendrik Wüst, derzeit der drittbeliebteste Politiker des Landes. Der erst 50-jährige Regierungschef von Nordrhein-Westfalen ist der klassische Gegenentwurf zu Merz: Er regiert mit den Grünen, ist Freund der Gewerkschaften und wandelt auf Merkels Spuren. Merz hingegen hat nach einem Jahr im Amt kaum eingelöst, wofür er gewählt wurde: Seine „CDU pur“, also konservative und wirtschaftsfreundliche Politik, verhagelt ihm die bockige SPD als Koalitionspartner, dazu hat er sich verbal mehrfach verstolpert. Die letzte Niederlage fuhr er ein, als er US-Präsident Trump mit ein paar markigen Worten gegen sich aufbrachte, was Deutschland 5.000 US-Soldaten und die versprochenen Tomahawk-Raketen kostete.

Das hat keine Tradition

Für die Union ist die öffentliche Demontage des eigenen Chefs ungewöhnlich. Nur zweimal in der Geschichte hat eine Kanzlerpartei es gewagt, ohne vorherigen Koalitionsbruch den eigenen Chef abzusägen. 1963, als der schon 87-jährige Nachkriegskanzler Konrad Adenauer amtsmüde und durch die Spiegel-Affäre (Journalistenfestnahmen wegen kritischer Berichterstattung) angezählt war. Und 1974, als SPD-Kanzler Willy Brandt wegen seiner Depressionen, der Guillaume-Affäre – ein enger Mitarbeiter entpuppte sich als DDR-Spion – und der Wirtschaftskrise dem Druck der Partei nachgab.

Seither wagte sich niemand mehr an den Kanzlersturz. Helmut Kohl überdauerte mehrere Affären, der Spendengeldskandal zerstörte seinen Ruf erst im Ruhestand. Und Angela Merkel hatte zwar zu kämpfen, weil ab 2015 in der Partei weit nicht alle ihren „Wir schaffen das“-Flüchtlingskurs mittragen wollten. Stürzen wollte die Union sie aber nie, schließlich war sie auch in diesen polarisierten Jahren stets beliebteste Politikerin.

Von sich aus geht er nicht

Merz hat diesen Titel nie getragen, im Gegenteil. Er ist mittlerweile der unbeliebteste Kanzler der Geschichte. Daran hat zu einem wesentlichen Teil wohl auch die AfD mitschuld, die gegen ihn auf Social Media Stimmung macht. Doch sein Umgang mit rechts außen ist genauso Teil des Problems: Zum einen verstörte er viele, als er erstmals mit den Rechtspopulisten einen Bundestagsbeschluss durchbrachte. Zum anderen fanden ihn viele geradezu wehleidig, weil er über die Attacken von rechts meinte: „Kein Kanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“

Dass Merz selbst hinwirft, scheint bei aller Dünnhäutigkeit aber nahezu ausgeschlossen. Er hat seit mehr als 25 Jahren daran gearbeitet, Kanzler zu sein. Auch Hendrik Wüst, der kommendes Jahr Landtagswahlen zu schlagen hat, würde sich keinen Gefallen tun, wenn er gegen ihn ins Feld zöge: Selbst wenn Merz kapituliert und die SPD als Koalitionspartner mitspielen würde, stünde er koalitionsintern vor demselben Reformstau wie Merz. Taktisch klüger ist es daher, die Füße still zu halten – was Wüst auch tut. Er stellt sich hinter Merz, geht nicht in Talkshows, auf Nachfrage winkt er höflich ab.

Gefährlicher scheint darum Merz’ eigener Umgang mit dem Unmut seiner Partei. Der ist deutlich weniger markig als seine sonstigen Sprüche, sondern wirkt eher nervös: Merz selbst äußerte sich gar nicht konkret, aus seinem Umfeld ist nur von einer – Achtung, Wortwitz – „wüsten Spekulation“ die Rede, mit der „das Geschäft der AfD“ betrieben werde.

Tatsächlich ist es wohl eher umgekehrt. Dass die Union öffentlich an ihrem Chef zweifelt, hat viel mit den Umfragewerten der Rechtspopulisten zu tun – bundesweit liegt sie mit 27 Prozent weit vor der Kanzlerpartei. Und bei den Ost-Landtagswahlen im Herbst wird die AfD mit großem Vorsprung gewinnen, in Sachsen-Anhalt möglicherweise sogar den Ministerpräsidenten stellen.

Dann, so die Angst der Union, könnte Merz noch gröbere Fehler machen. Die Debatte über Ersatzkanzler Wüst ist darum auch weniger Putsch als Versicherung gegen den kompletten Absturz.

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