Erster Prozesstag: Sohn der Kronprinzessin weist Vergewaltigungsvorwürfe zurück
Großer Medienandrang in Oslo: Den Angeklagen zu fotografieren, ist aber verboten.
Während Staatsanwalt Sturla Henriksbø spricht, sitzt Marius Borg Høiby mit hängenden Schultern zwischen seinen Verteidigern. Sein Blick ist auf den Tisch vor ihm gerichtet. Erst als die schwerwiegendste Anschuldigung verlesen wird, hebt er den Kopf. „Nein“, antwortet er leise, aber deutlich auf die Frage, ob er sich der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs mehrerer Frauen schuldig bekenne.
Der Medienandrang im Osloer Bezirksgericht ist an diesem Dienstag enorm. In Saal 250 beginnt einer der aufsehenerregendsten Prozesse in der Geschichte des skandinavischen Landes. Denn der Angeklagte ist kein Unbekannter: Marius Borg Høiby (29) ist der älteste Sohn von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit (52).
Insgesamt muss er sich in 38 Anklagepunkten verantworten. Neben Vergewaltigung geht es dabei auch um häusliche Gewalt, Sachbeschädigung, Drogen- und Verkehrsdelikte sowie Verstöße gegen ein Kontaktverbot. Einige dieser Taten hat Høiby zugegeben. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm bis zu 16 Jahre Haft. Seine Nähe zur Königsfamilie (er ist offiziell kein Mitglied, da er aus einer früheren Beziehung der Prinzessin stammt) dürfe im Prozess keine Rolle spielen, betont der Staatsanwalt zu Prozessbeginn. „Er sollte weder strenger noch milder behandelt werden, unabhängig davon, mit wem er verwandt ist.“
Vorwürfe seit 2024 bekannt
Die ersten Vorwürfe gegen Høiby, den Kronprinz Haakon wie sein eigenes Kind in die königliche Familie aufgenommen haben soll, wurden 2024 bekannt. Im August desselben Jahres rückte die Polizei wegen eines Vorfalls im Osloer Stadtteil Frogner aus. Høiby gestand später, dort in einer Wohnung unter Drogeneinfluss randaliert und seine damalige Freundin angegriffen zu haben.
Marius Borg Høiby ist der älteste Sohn von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit.
Seitdem ist die Liste der Vorwürfe stetig gewachsen. Erst vor wenigen Wochen kamen sechs weitere Anklagepunkte hinzu. So soll Høiby 3,5 Kilogramm Marihuana gelagert und transportiert sowie wiederholt die zulässige Geschwindigkeit auf seinem Motorrad überschritten haben. Am Sonntag wurde er aufgrund neuer Vorwürfe erneut festgenommen. Derzeit sitzt er für vier Wochen in Untersuchungshaft.
Besonders schwer wiegen die Anschuldigungen wegen Sexualdelikten. Laut Anklage soll Høiby mit einer Frau Geschlechtsverkehr gehabt haben, während sie schlief oder sich in einem Rauschzustand befand. Weitere Frauen soll er in ähnlichen Situationen sexuell berührt haben. Die Übergriffe soll er zudem gefilmt haben. Er bestreitet das und spricht von einvernehmlichen Sex.
Vieles passiert hinter verschlossenen Türen
In dem Prozess, der bis Mitte März dauern soll, kommen mehrere mutmaßliche Opfer und Zeuginnen Høibys zu Wort, darunter Ex-Freundinnen. Als Beweismaterial werden zahlreiche Videos, Fotos, Daten von Fitnessuhren und SMS verwendet. Vieles davon wird hinter verschlossenen Türen gezeigt. Auch sonst gelten für die Berichterstattung strenge Vorgaben, etwa ein Fotoverbot. Høibys Verteidigerin spricht am Dienstag von einer medialen Hetzjagd im Vorfeld. Am morgigen Mittwoch soll ihr Klient selbst zu den Vorwürfen gegen ihn Stellung nehmen.
Der Prozess trifft die norwegische Königsfamilie und insbesondere Høibys Mutter in einem heiklen Moment. So steht Mette-Marit, die an einer Lungenkrankheit leidet, wegen früherer Kontakte zum US-amerikanischen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein unter Druck. Der Mailverkehr der beiden wurde am Freitag vom US-Justizministerium freigegeben. An den Verhandlungstagen ihres ältesten Sohnes wird sie – ebenso wie der Rest der norwegischen Royals – nicht teilnehmen; sie befindet sich auf einer privaten Reise.
Grundsätzlich genießt die Monarchie in Norwegen hohes Ansehen. Die Königsfamilie gilt als volksnah, König Harald V. (88) als besonders populär. Ende 2025 sprachen sich in einer Umfrage 73 Prozent der Bevölkerung für den Erhalt der Monarchie aus. Wie es der Zufall wollte, wurde darüber ausgerechnet am Dienstag nur unweit des Gerichtsgebäudes in Oslo im norwegischen Parlament (Storting) abgestimmt.
Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Bei der seit Langem geplanten Abstimmung sprachen sich 141 der 169 Abgeordneten für die Beibehaltung der Monarchie aus – aller Krisen zum Trotz.
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