Ein Leben (fast) wie im Krieg: Wie Trump Kuba in eine Mega-Krise stürzt
Wenn die Touristen ausbleiben, spielen die Musiker zum eigenen Vergnügen.
Von Mirco Taliercio (Text und Fotos) aus Kuba
Die größte kubanische Versorgungskrise seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird in Europa allenfalls die Versorgung mit edlen Zigarren stören. Liebhaber der Rauchwaren mag dies durchaus verärgern.
Doch wer vor Ort die Lebensverhältnisse der Kubaner beobachtet, der bekommt einen unmittelbaren Eindruck davon, was eine ökonomische und potenziell militärische Bedrohung durch eine Weltmacht aktuell für die Menschen tatsächlich bedeutet.
Krise in Kuba.
US-Präsident Donald Trump hat durch das totale Ölembargo gegen Kuba dort eine massive Energiekrise bewirkt. Dass die USA ihre Blockade am Montag kurz aufgehoben haben, wird die angespannte Lage nur bedingt lindern. Ein russischer Tanker mit 100.000 Tonnen Rohöl hat Kuba erreicht. Doch wochenlang war die Versorgung mit Benzin, Diesel und Kerosin lahmgelegt.
Die gute Nachricht: Wohl kaum eine Bevölkerung ist auf derartige Krisen in Folge des jahrzehntelangen Wirtschaftsembargos der USA so gut vorbereitet wie die Kubaner. In den zwei bis drei Stunden, in denen es täglich Strom gibt, werden alle verfügbaren akkubetriebenen Geräte von Taschenlampen bis Elektrorollern aufgeladen.
Stunden im Dunkeln
Das bestimmt auch den Tagesrhythmus von Bildhauerin Maribel Rodríguez. In ihrem kleinen Haus wartet sie auf ein Geräusch, das Strom verheißt: das plötzliche Surren des anspringenden Ventilators. Dann steckt sie hektisch alles ein, was sich aufladen lässt – Telefon, Lampen, Powerbanks. Dazwischen liegen Stunden im Dunkeln, die sie mit einer Akkulampe lesend verbringt. Und darauf wartend, dass der Ventilator wieder anspringt.
Auf den nachts mangels funktionierender Beleuchtung dunklen Straßen Havannas sind überwiegend elektrisch betriebene Fahrzeuge wie Elektroroller und Triciclos (Dreiräder) zu sehen, die einen relativ geringen Energieverbrauch haben und zumindest über kurze Strecken Menschen und Waren transportieren können. Da nur sehr eingeschränkt noch mit Kraftstoff betriebene Busse fahren, steigen die Menschen notgedrungen auf Fahrräder um.
Bei einer Reifenpanne, wie sie auch den Autor dieser Zeilen ereilte, hilft das Improvisationstalent der Kubaner: Drei junge Männer reparieren rund um die Uhr in einer Baracke mit dem Schild Punchero24 jeden Defekt in Ermangelung von Ersatzteilen mit Hilfe einer flachgerollten Getränkedose und etwas Batteriestrom über zwei Elektroden. Das so erhitzte Metall vulkanisiert den defekten Gummischlauch. Preis: ein Euro. Es hält.
Im Punchero24 können die vielen Fahrradfahrer Tag und Nacht ihre unvermeidlichen Reifenpannen mit einfachsten Mittel reparieren lassen.
Auch bei der durch Treibstoffmangel sehr eingeschränkten Müllabfuhr hilft inzwischen Eigeninitiative mit der Einrichtung von improvisierten Müllsammelstellen. Und auf den Straßen kehren Kubaner mit Besen aus Palmwedeln die Pflaster in ihrer Nachbarschaft.
Kein Strom für Kühlung
Sich nach Möglichkeit selbst zu helfen, ist eine gelernte Fähigkeit der kubanischen Zivilgesellschaft, stößt allerdings manchmal an Grenzen. So bei dem Betrieb von bei karibischen Temperaturen unverzichtbaren Kühlschränken, die der Strommangel oft nur wenige Stunden am Tag funktionieren lässt.
Für Menschen wie Marta Maritza Mercada (59) hat dies gravierende Folgen. Die Pensionistin, die mit ihrer Mutter Marta Lydia in Havannas Stadtteil Miramar lebt, betreibt ein privates Tierrettungsheim mit derzeit 35 Hunden und vier Katzen, die sie auf Havannas Straßen aufsammelt und gesund pflegt. Für die Versorgung der Tiere organisiert sie Schlachtabfälle, die sie eigentlich einfriert und sukzessive verfüttert. „Wird bei langem Stromausfall aber das Fleisch zu warm, muss ich alles auf einmal verfüttern, und die Tiere müssen anschließend fasten.“
Martha Maritza Mercada Alonso (59) versucht ein Tierheim am Laufen zu halten.
Das müssen sie und ihre Mutter allerdings auch nicht selten. Selbst ihr Nebenverdienst als Gemüse- und Obstverkäuferin einmal in der Woche reicht nicht aus, um die auch angesichts der Energiekrise hohen Lebensmittelpreise zu bezahlen. „Manchmal habe ich nur ein Brot für mich und eine hungrige Hundemeute.“
Denn krisengeschädigt ist auch die staatliche Versorgung Libreta, die den Bürgern deutlich zu wenig zur Verfügung stellen kann. Für Marta Maritza Mercada ist angesichts dieser Probleme die Solidargemeinschaft ihrer großen Familie „mein Rettungsanker, für mich und meine Tiere“.
Marta Lydia (80) hat in der DDR Deutsch studiert.
Ihre Mutter Marta Lydia (80), Aktivistin der ersten Stunde in Kubas erfolgreicher Alphabetisierungskampagne, beklagt nach Fidel Castros Ableben den Mangel an politischer Entschlossenheit an der Staatsspitze: „Fidel hat uns über 60 Jahre durch alle Stürme navigiert. Auch heute fragen wir uns bei jeder neuen Herausforderung: Was hätte Fidel getan? Aber wer hat schon Cojones wie Fidel!“
"Dieser Clown aus den USA will nicht, dass wir essen“
So bewältigen auch Ulisse und Ruben die Versorgungskrise notgedrungen eigeninitiativ, indem sie vor Havannas Stadtkulisse im Meer fischen, um Familie und Freunde zu versorgen.
„Ich arbeite bei der Wasserversorgung in Havanna“, sagt Ruben. „Mein Gehalt reicht nicht aus, um ausreichend zu essen. Ich habe mich um meine Mama zu kümmern, habe zwei Schwestern und einen Neffen. Dieses Land ist großartig zum Leben. Aber die wirtschaftliche Situation ist nicht mehr erträglich. Dieser Clown aus den USA will nicht, dass wir essen.“
Ulisse und Ruben fischen an Havannas Gestade nicht zum Vergnügen, sondern um bei der prekären Versorgungslage mit ihren Familien zu überleben.
Trump will fraglos mit dem Ölembargo Kuba ökonomisch in die Knie zwingen. Und im Falle des Tourismus, dem wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes, scheint er damit derzeit Erfolg zu haben. So hat nach Air Canada nun auch Air France aufgrund des Kerosinmangels vor Ort ihre Direktflüge nach Havanna ausgesetzt; die Flüge von Air France gehen inzwischen über Panama.
Die Gäste bleiben aus
Die großen Hotels wie das Hotel Nacional de Cuba sind zwar geöffnet, doch es fehlt an Gästen. Ähnlich wirkt es im Hotel Meliá Habana und im Hotel Château Miramar: weite Räume, viel Personal – und wenig Betrieb. Ausnahmen in dieser Leere sind vor allem die Besatzungen von Hilfskonvois, die vermehrt ins Land kommen.
Eine weitere Devisenquelle für Kuba sind die Ärztebrigaden, die in anderen Ländern vor allem in armen und abgelegenen Regionen eingesetzt werden. Um diese Einnahmequelle auszutrocknen, setzt US-Außenminister Marco Rubio gezielt Regierungen unter Druck: Länder wie Brasilien, Bolivien und Ecuador haben ihre Programme beendet oder reduziert. Für Kuba bedeutet das sinkende Einnahmen, für die Länder spürbare Lücken in der medizinischen Versorgung.
Teure Taxis, billiges Bier
Parallel dazu zeigen sich die Widersprüche im Alltag: Die Taxis vom Flughafen sind exorbitant teuer und wirken fast absurd im Vergleich zur lokalen Kaufkraft. In der Stadt hingegen sind Elektrotaxis erschwinglich und Teil des normalen Lebens.
Insgesamt bleibt der Aufenthalt für Touristen durch den schwachen Peso extrem günstig – ein Bier kostet etwa 250 Pesos, also rund fünfzig Cent.
Das US-Embargo und die vielen Stromausfälle haben auch lebensbedrohliche Konsequenzen, zeigt sich im Gespräch mit Dr. Yudmila Rodríguez Verdecia (47) vom González Corro Krankenhaus in Havanna. Vor dem Eingang haben sich viele besorgte Menschen versammelt. Mit spürbarer Nervosität fürchten sie um den Fortbestand der guten medizinischen Versorgung.
Dr. Yudmila Rodríguez hat per Kaiserschnitt das Kind ihrer 16-jährigen Patientin in eine Welt geholt, die sich gefühlt im Kriegszustand befindet.
Nicht ohne Grund: Bei den Notstromgeneratoren des Krankenhauses gibt es eine kritische Zeitverzögerung – von 48 Sekunden bis zu sechs Minuten – zwischen einem Stromausfall und der Wiederherstellung der Elektrizität. Die Verzögerung von selbst einer Minute ohne Strom während einer Operation kann katastrophal sein.
Handy-Taschenlampe als OP-Licht
So waren Ärzte gezwungen, Operationen mit dem Licht ihrer Mobiltelefone abzuschließen. „Wir betreiben“, so Yudmila Verdecia, „Kriegsmedizin“. Denn wenn der Strom ausfällt, schalten sich lebenswichtige Maschinen in OP-Sälen und Inkubatoren für Neugeborene ab, was das Personal zwingt, sie manuell zu bedienen.
Obwohl das Spital über Notfallsysteme verfügt und das Personal rigoros für solche Krisen geschult ist, obwohl das Krankenhaus bei der begrenzten Treibstoffversorgung priorisiert wird und bisher seine Generatoren nicht ausgefallen sind, bleiben die Risiken immens.
Fotojournalist Mirco Taliercio (59) mit Dr. Yudmila Rodríguez Verdecia im Krankenhaus González Coro, Vedado Havanna.
Mirco Taliercio, Autor und Fotograf, hat seit 1997 nahezu jedes Jahr Kuba besucht und aus dem Land unter anderem für den Independent on Sunday berichtete. In Havanna hat er auch seine spanische Frau geheiratet. Während der Entspannung unter US-Präsident Barack Obama konnte er den Ansturm von amerikanischen Touristen erleben, jetzt dagegen die totale Konfrontation und den annähernden Zusammenbruch des Tourismus.
Schon jetzt zwingt der Mangel an Öffis, der in Havanna im Vergleich zum restlichen Land besonders akut ist, viele medizinische Fachkräfte, im Spital zu schlafen.
Medikamente fehlen
Es fehlen auch essenzielle Medikamente, wie etwa Oxytocin, ein lebenswichtiges Hormon zur Vorbeugung von postpartalen Blutungen, die weltweit eine Hauptursache für Müttersterblichkeit sind. Obwohl Kuba eine Fabrik besitzt, die Oxytocin herstellen könnte, kann es die notwendigen Rohstoffe nicht importieren.
Diese Knappheit erstreckt sich auch auf andere entscheidende Güter, einschließlich Anästhetika, die schwer zu beschaffen sind.
Das Spital ist deshalb stark auf internationale Hilfe von Einzelpersonen und Organisationen angewiesen, um zu funktionieren. Das hat es mit dem ganzen Land gemein.
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