Kiffen in der Kirche: In Colorado ist alles möglich

© APA/AFP/JASON CONNOLLY

Politik Ausland
07/08/2019

Kiffen legal - und dann? Schattenseiten eines Milliardengeschäfts

Der US-Bundesstaat Colorado erlebt, wie die Legalisierung von Marihuana die Gefahren für Teenager drastisch erhöht.

von Dirk Hautkapp

In Denver gibt es sie öfter als Starbucks-Filialen und McDonald's-Niederlassungen zusammen: Mal urig-hippiemäßig, mal hightech-chic aufgezogene Geschäfte für Cannabis-Produkte aller Art.

Seit im US-Bundesstaat Colorado vor fünf Jahren das Verbot nach einer Volksabstimmung unter strengen Auflagen für Erzeuger, Händler und Konsumenten beendet wurde, gilt Denver amerikaweit als erfahrenste Versuchsanstalt für die Legalisierung eines Stoffes, der es binnen eines Jahrzehnts vom Teufelszeug zum Lifestyle-Genussmittel gebracht hat. Zum kommunalen Kassenschlager sowieso.

Von 6,5 Milliarden Dollar, die seit 2014 in den rund 3000 lizensierten Verkaufsstellen (“dispensaries”) in Colorado mit Marihuana umgesetzt wurden, flossen eine Milliarde in Form von Steuern, Lizenzen und Gebühren an den Fiskus. Geld, das im gesamten Bundesstaat in den Bau von Schulen und die Verbesserung des Gesundheitssystems gesteckt wurde.

 

Der Demokrat hat just zwei Gesetze unterzeichnet, mit denen Hasch-Lounges, vergleichbar mit einer Kneipe, in der man Alkohol trinken darf, und ab 2021 Cannabis-Lieferdienste erlaubt werden. Die Tüte zum Feierabend kommt dann sozusagen nach dem Pizza-Taxi. Gouverneur Polis hat einen klaren Standpunkt: “Die Marihuana-Industrie stärkt unsere Wirtschaft und schafft wertvolles Steueraufkommen.”

Gefahr für Teenager

Soweit die optimistische Seite. Die andere: Ärzte, Sozialarbeiter, Lehrer, Wissenschaftler und viele Eltern sorgen sich zunehmend um die unerforschten Langzeitwirkungen der Pot-Freigabe vor allem bei Heranwachsenden. Auch wenn man in Colorado erst ab 21 Gras (weed) legal kaufen kann, wissen Vertreter besagter Gruppen aus  Alltagserfahrungen, dass die Verfügbarkeit von THC-haltigen Produkten (das ist der Stoff, der “high” macht) für Jungen und Mädchen im Teenager-Alter enorm gestiegen ist, wie es in der Denver Post heißt. Jeder fünfte Highschool-Teenager nimmt nach einer amtlichen Studie mindestens einmal im Monat Cannabis. Vor allem Gummidrops, Kekse, Pralinen oder Müsli-Riegel, die mit THC versetzt sind (sogenannte “Edibles”) spricht jüngere Konsumenten an. Hier oder im normalen Joint, und das ist das Problem, ist aber nicht mehr der Stoff, den sich die Eltern-Generation vor 50 Jahren in Woodstock genehmigt hat. THC-Konzentrationen von 60 % und mehr - früher waren es oft nicht mehr als 3 % - in den Pflanzen-Züchtungen von heute sind keine Seltenheit, sagen Marihuana-Händler. 

Hirnschäden und Depressionen

Und die Folgen sind messbar. Im Großraum Denver ist die Zahl der Notarzt-Besuche von Teenagern in den Kinderkrankenhäusern wegen Paranoia, Psychosen und anderen Cannabis-affinen Ausfallerscheinungen wie lethargisch Flach-Atmung von 161 im Jahr 2005 auf 777 in 2015 gestiegen. “Den Kids widerfahren schreckliche Sachen”, zitieren US-Medien den Psychologen Libby Stuyt. Der Mediziner betreut im Südwesten Colorados gehäuft Teenager, die nach Drogenkonsum unter anderem mit Depressionen, Angst und Selbstmordgedanken zu kämpfen haben. Wie sich extrem potentes Marihuana auf die Entwicklung des Gehirns bei Heranwachsenden auswirkt, ist dabei noch gar nicht hinreichend erforscht, sagt Staci Gruber, Professorin für Psychiatrie in Harvard. Sie bemängelt in US-Medien, dass die Politik mit ihrer fiskalisch getriebenen Legalisierungsstrategie der Wissenschaft und ihrem Erkenntnisstand ständig vorauseilt. “Im besten Fall sollte es umgekehrt sein.” Leslie Walker-Harding, Kinderärztin in Seattle und Spezialistin für die medizinischen Herausforderungen bei Teenagern, fürchtet, dass Amerika eine “ganze Generation von jungen Menschen verlieren könnte”, wenn man sich heute nicht ausführlich um die Auswirkungen von hoch wirksamen Marihuanaknospen auf die Hirn-Entwicklung junger Menschen kümmert.

Trend zum E-Joint

Wie Polizeidienststellen und Schuldirektoren wie Scot Brown bestätigen, steigen zudem immer mehr Jugendliche vom süßlich riechenden Joint auf die E-Zigarette (Vaping) um. Dabei kommen hochgradig wirksame Cannabis-Öle zur Verwendung, die geruchslos verbrannt werden. Leute wie Rachel O’Bryan von der Anti-Marihuana-Organisation “Schlaues Colorado” fordern darum mindestens eine gesetzliche Begrenzung des THC-Werts.

Von solchen Details ist in der General-Debatte um das “grüne Gold” selten die Rede. Dabei sind führende Anbieter wie Aurora Cannabis, Canopy Growth und Cronos längst an der Börse notiert. Einige haben sich mächtige Politiker wie den früheren Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner (Republikaner), als Lobbyisten ins Boot geholt.

Der Grund ist simpel: Laut Analysten betrug der legale Cannabis-Umsatz im vergangenen Jahr in ganz Amerika bei knapp 260 000 Beschäftigten rund 10,5 Milliarden Dollar. Dabei ist Marihuana als Genussmittel derzeit nur in zehn Bundesstaaten (Alaska, Kalifornien, Colorado, Maine, Massachusetts, Michigan, Nevada, Oregon, Vermont und Washington State) sowie im Hauptstadtbezirk District of Columbia legal. Illinois, wo Gouverneur J.B. Pritzker erst gerade den Weg freigemacht hat, kommt ab Januar 2020 hinzu. Überall orientiert man sich an den Eckpfeilern in Colorado: Wer über 21 ist, darf hier bis zu 28 Gramm Gras mit sich führen. Aber geraucht werden darf nur in geschlossenen Privaträumen. Wer auf der Straße kifft, erst recht in der Nähe von Schulen oder Kinderspielplätzen, muss mit einem Bußgeld rechnen.

Nur zu medizinischen Zwecken

34 Bundesstaaten erlauben den Gebrauch von Cannabis nur zu medizinisch-therapeutischen Zwecken. Dabei steht oft das nicht Rausch-erzeugende CBD-Öl im Vordergrund. Ein Markt, der in fünf Jahren für Umsätze von rund 16 Milliarden Dollar im Jahr gut sein soll, prophezeien Experten. Allein in Idaho, South Dakota, Nebraska und Kansas ist Gras - auch als Pot und Hasch geläufig - weiter komplett illegal. Aber: 2030, so prognostizieren Banken, könnte der Umsatz mit Marihuana landesweit auf 75 Milliarden Dollar steigen. Wenn denn rechtzeitig das auf Nationalstaatsebene noch immer geltende Verbot fällt. Womit sich vor allem die Republikaner schwertun. Anders die Demokraten. Es ist noch gut in Erinnerung, wie der damalige Präsidentschaftsanwärter Bill Clinton vor mehr als 25 Jahren verdruckst gestand, er habe auch schon mal an einem Joint gezogen - aber “nicht inhaliert”. Heute unterstützen fast alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten/-innen für 2020 ohne Verrenkungen eine generelle Freigabe. Sie dürfen sich dabei des Volkes gewiss sein. Eine Gallup-Umfrage fand heraus, dass inzwischen jeder dritte Amerikaner die Legalisierung unterstützt.

John Hickenlooper kann das nachvollziehen. Er war Gouverneur, als Colorado 2014 landesweit Neuland betrat, obwohl vorher 45 Prozent der Bevölkerung gegen die Freigabe gestimmt hatten. Der heutige Präsidentschaftskandidat für 2020 (Chancen: aussichtslos) würde heute nach eigenen Worten “wieder eine Gesetz unterschreiben, dass Marihuana legalisiert”. Ein Grund: Es entziehe den Dealern auf dem illegalen Markt die Kundschaft.

Was die "berechtigten Bedenken" angeht, befürwortet der ehemalige Unternehmer intensive Risikofolgenabschätzung durch die Arzneimittelbehörde FDA. Und ein hohes Maß an elterlicher Aufklärung. Hickenlooper: “Ich habe meinem Sohn oft gesagt, dass hoch wirksames Marihuana sein Langzeitgedächtnis beeinträchtigen kann.