Aufschrei der Orthodoxen wegen Streichung der Studienbeihilfe.

© APA/EPA/JIM HOLLANDER

ISRAEL
02/09/2014

Keine Beihilfe für fromme Drückeberger

Bisher freigestellt, müssen jüdische Schriftgelehrte künftig zum Heer.

von Norbert Jessen

Israels Autofahrern wurde Donnerstagabend schwarz vor Augen: Mitten im Berufsverkehr und auf den wichtigsten Schnellstraßen stockte der Verkehr, blockiert von einer ganzen Armee streng frommer Juden, die nicht in der Armee dienen wollen. Trotzdem aber wollen sie Studienbeihilfe. Die aber wurde vorübergehend gestrichen.

Denn am Mittwoch untersagte ein Beschluss des Obersten Gerichts der Regierung, die Einberufung der bisher freigestellten Schriftgelehrten weiter zu verzögern. Und ihnen bis dahin weiter Studienbeihilfe zukommen zu lassen. Bereits am nächsten Morgen drehte Finanzminister Yair Lapid den Talmud-Seminaren den Geldfluss ab. Der Aufschrei der Rabbiner war so laut wie jener der Autofahrer im Chaos auf der Autobahn.

„Eine illegale Kollektivstrafe“, schimpfte ein Sprecher der Religionsseminare, „sie bestrafen so alle, statt nur die Nichtdienenden.“ Kenner der Szene, im Finanzministerium und den Seminaren winken ab: Insgesamt flossen jährlich etwa 80 Millionen Euro an die Talmud-Schulen. Die jetzige Kürzung betrifft nur wenige Tausend der über 50.000 Schriftgelehrten und ist auf wenige Hunderttausend Euro und wenige Monate begrenzt. Im März soll das neue Gesetz zur gerechteren Wehrpflicht zur Abstimmung vorliegen. „Drückebergerei“ könnte dann Straftatbestand werden. Eine Mehrheit der Abgeordneten könnte es aber bei der Streichung von Sozialhilfe belassen.

Sonderrechte

„Auch das neue Gesetz räumt den Schriftgelehrten Sonderrechte ein, die letztlich wieder auf eine Freistellung hinauslaufen“, meint Yehuda Shlesinger, der Korrespondent für religiöse Angelegenheiten der Zeitung Hayom. Er glaubt nicht allein, dass die Debatte um den Wehrdienst eine Posse war und bleibt. Die Befürworter der Wehrpflichtreform in den säkularen Parteien fordern Gleichstellung. Die streng frommen Rabbiner schreien auf im Protest. Letztlich ändert sich nur wenig. Aber beide Seiten punkten bei ihren Wählern.

Jeder in Israel weiß, dass es die säkularen Parteien waren, die aus koalitionstaktischen Gründen die Freistellung der Orthodoxen erlaubten. Bei der Staatsgründung Israels 1948 waren gerade einige Hundert Schriftgelehrte freigestellt. Deren Sonder- und Sozialrechte führten in weiterer Folge zum Anschwellen der Gelehrtenzahl.

Wenige aber wissen, dass die Reform schon lange im Gange ist. Vorbild sind dabei immer stärker die streng frommen Juden in den USA, die eine geregelte Arbeit und Studium der Heiligen Schrift miteinander zu verbinden wissen. Der Einfluss der lautstarken Seminar-Rabbiner schwindet. So ist die Zahl der auch akademisch gelehrten Schriftgelehrten sprunghaft gestiegen. Frauen suchen mit Erlaubnis der Rabbiner schon lange Jobs.

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