Italien: Ein schriller Außenseiter holt von weit rechts auf
Roberto Vannaci
Von Ulrich Ladurner aus Rom
Als Giorgia Meloni 2022 zur italienischen Ministerpräsidentin gewählt wurde, waren die Sorgen in Europa groß. Wie wohl würde diese Frau Italien regieren? Immerhin hatte sie ihre politischen Wurzeln im italienischen Neofaschismus. Immerhin hatte sie im Wahlkampf gegen Europa gewettert, wie es sonst nur ihr politischer Freund Viktor Orbán tut. Die Sorgen waren offenbar unbegründet. Meloni regiert seit dreieinhalb Jahren äußerst pragmatisch.
Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni
Wo aber sind die Wähler hin, die ihr die Stimme gaben, weil sie an ihre radikalen Versprechen glaubten? Es ist ja kaum vorstellbar, dass sie alle die pragmatische Wende Melonis – wenn auch murrend – so doch stillschweigend mitvollziehen. Unter Melonis Wählern muss es Enttäuschte geben.
Es war also nur eine Frage der Zeit, bis jemand auftauchte, der die Enttäuschten ansprach. Dieser Mann heißt Roberto Vannacci. Bis vor kurzem kannte den General des Heeres so gut wie niemand. 2023 aber veröffentlichte er im Selbstverlag ein Buch mit dem Titel „Il mondo al contrario“. Die knapp mehr als 230 Seiten sind gespickt mit Attacken gegen den Feminismus, gegen Ökoaktivisten, gegen sexuelle Minderheiten, gegen Migranten, gegen die Eliten ganz im Allgemeinen.
Zwei Beispiele aus dem Buch, um die Tonlage zu illustrieren: Homosexuellen richtet Vannacci aus: „Seid doch endlich vernünftig, ihr seid nicht normal!“. Über die dunkelhäutige italienische Volleyball-Nationalspielerin Paola Egonu schreibt er: „Sie trägt erkennbar nicht die Züge der Italianität“.
Man würde meinen, so ein Buch könnte auf dem Markt keinen Erfolg haben. Doch binnen sechs Monaten verkaufte „Il mondo al contrario“ 300.000 Exemplare, ohne jede Verlagswerbung. Vannacci war plötzlich landesweit bekannt.
Verteidigungsminister Guido Crosetto (Fratelli d`Italia) entließ Vannacci, weil er durch seine „Fantastereien dem Ansehen des Heeres schadet“. Matteo Salvini, Chef der Lega, Vizeregierungschef und Infrastrukturminister, hingegen schloss den General a. D. mit den Worten in die Arme: „Ich denke so wie er!“ Salvini bot Vannacci die Spitzenkandidatur bei den Europawahlen im Juni 2024 an, die dieser dankend annahm.
Aufstieg zum Vizechef der Lega
Mehr als eine halbe Million Italiener schenkte ihm ihre Stimme. Salvini belohnte Vannacci anschließend, indem er ihn zum Vizechef der Lega machte. Er glaubte, der Mann könnte helfen, die Lega, die in den Umfragen bei mickrigen 8 bis 9 Prozent liegt, aus ihrem Tief zu holen.
Lega-Chef Matteo Salvini und der mittlerweile aus der Lega ausgetretene Roberto Vannacci
Salvini allerdings hatte sich mit dem schrillen Außenseiter einen Sprengsatz ins Haus geholt. Vannacci wurde nicht müde, den Chef der Lega an seine markigen Sprüche in Sachen Ukraine zu erinnern. Keine Waffen an die Ukraine! Das hatte Salvini immer und immer wieder gesagt, um dann als Regierungsmitglied Waffenlieferungen ebenso regelmäßig zuzustimmen.
Ministerpräsidentin Meloni stand von der ersten Stunde an auf der Seite der Ukraine. Bis heute rückt sie nicht von dieser Linie ab. Und Salvini will die Stabilität der Regierungskoalition nicht gefährden.
Vannacci nun trat vor wenigen Wochen aus der Lega aus und gründete seine eigene Partei mit dem Namen „Futuro Nazionale“. Seither ruft er laut und deutlich: „Sie haben ihre Versprechen gebrochen!“ Und damit meint er nicht nur die Ukrainepolitik, sondern auch die Seeblockade, mit der Meloni die Migranten aufhalten wollte, eines ihrer Versprechen aus dem Wahlkampf.
Diese Attacken sind für Salvini und Meloni unangenehm, doch im Augenblick sind sie keine große Gefahr. Demoskopen sagen Vannaccis „Futuro Nazionale“ bei Wahlen maximal drei bis vier Prozent voraus. Das reicht nicht, um die Regierung in Schwierigkeiten zu bringen. Das muss aber nicht so bleiben.
Denn der Erfolg oder Misserfolg dieser neuen Partei entscheidet sich auch an der „Kriegsmüdigkeit“ der Italiener – die heute schon beträchtlich ist. Kürzlich stellte die Regierung die Vertrauensfrage, um ihr neues Ukraine-Hilfspaket durchs Parlament zu bringen. Sie gewann die Abstimmung, allerdings ist deutlich geworden, dass Meloni ihr ganzes Gewicht in die Waagschale werfen muss, um ihre Ukrainepolitik fortsetzen zu können. Für Vannacci ist das eine gute Nachricht.
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