Israel sprengt Tunnel bei Shifa-Spital + Feuerpause in Gaza

Mehrere Krankenwagen stehen nachts vor einem Gebäude.
Die Waffen sollen für vier Tage schweigen. Schon kurz nach Inkrafttreten der Feuerpause gab es erneut Raketenalarm.

Die israelische Armee hat am Freitag nach eigenen Angaben einen unterirdischen Tunnelkomplex im Bereich des Al-Shifa-Spitals in Gaza-Stadt zerstört. 

Auf einer Videoaufnahme war eine starke Explosion in einem Gebäudekomplex zu sehen. Nach Darstellung der Armee hatte die militante Palästinenser-Organisation Hamas den Tunnelkomplex für Terrorzwecke missbraucht.

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Weiters in diesem Artikel:

  • Feuerpause in Kraft
  • Hunderte Palästinenser wollen in den Norden Gazas
  • Geiselaustausch
  • Erste Hilfslieferungen treffen in Gaza ein
  • Raketenalarm trotz Feuerpause
  • Hamas-Drahtzieher getötet
  • Israel plant weitere Schritte während der Feuerpause
  • Zwölfjährigem Bub in die Brust geschossen
  • 15,000 tote Palästinenser

Mindestens eines der mehrstöckigen Gebäude des Krankenhauses schien durch die Explosion schwer beschädigt zu werden, zeigte der nur wenige Sekunden lange Videoclip. 

Ungeachtet starker internationaler Kritik sind israelische Soldaten seit Tagen in und um die Klinik im Einsatz. 

Zahlreiche Patienten, darunter auch 31 Frühchen, wurden mehrere Tage nach Beginn des Einsatzes aus dem umkämpften Krankenhaus evakuiert. Nach Angaben des UNO-Nothilfebüros vom Freitagmorgen sollen sich zuletzt noch rund 250 Patienten und Mitarbeiter in dem Krankenhaus befunden haben.

Das israelische Militär hatte ausländischen Journalisten vor der Zerstörung des Tunnelkomplexes an der Shifa-Klinik den Zugang zu der unterirdischen Anlage ermöglicht. Auf Bildern und Videos waren ein schmaler Tunnel sowie mehrere Räume zu sehen, darunter ein Raum mit zwei Bettgestellen, Toiletten und einer kleinen Küche. Der Tunnel lag den Angaben zufolge in zehn Metern Tiefe und war 55 Meter lang. Im Krankenhaus waren dem Militär zufolge auch Waffen gefunden worden.

 Die Hamas hat bestritten, dass sie medizinische Einrichtungen für militärische Zwecke missbraucht. Die US-Regierung stützte die israelische Darstellung, wonach die Hamas das Shifa-Krankenhaus als Kommandozentrum und Waffenlager benutzt haben soll.

 

Feuerpause in Kraft

Eine vereinbarte Feuerpause zwischen Israel und der islamistischen Hamas ist heute Morgen in Kraft getreten. Sie begann um 6.00 Uhr MEZ und soll mindestens vier Tage dauern. 

Eine Verlängerung auf bis zu zehn Tage ist möglich, wie das in dem Konflikt vermittelnde Golfemirat Katar mitgeteilt hatte.

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Schon kurz nachdem die Feuerpause in Kraft getreten ist, gab es jedoch erneut Raketenalarm. Die israelische Armee teilte mit, Warnsirenen hätten in Gemeinden entlang des Gazastreifens geheult. Bei früheren Gaza-Kriegen hatte es zu Beginn von Waffenruhen beider Seiten immer wieder Verstöße gegeben.

Hunderte Palästinenser wollen in den Norden Gazas

Nach dem Beginn einer Feuerpause haben sich Augenzeugenberichten zufolge Hunderte palästinensische Binnenflüchtlinge auf den Weg gemacht, um in ihre Wohnorte zurückzukehren. 

Die Menschen wollten etwa in der Stadt Gaza und in anderen Teilen des nördlichen Gazastreifens nach ihren Häusern oder Wohnungen sowie ihren Angehörigen sehen, hieß es am Freitagmorgen. 

Das israelische Militär warnte jedoch, es sei verboten, sich vom Süden in den Norden des Küstengebiets zu begeben. Der nördliche Gazastreifen sei weiterhin eine „gefährliche Kriegszone“ und es sei verboten, sich dort hin- und herzubewegen. Palästinenser sollten in einer „humanitären Zone“ im Süden des Küstenstreifens verbleiben. 

Es sei aber weiterhin für Zivilisten möglich, sich vom Norden in den Süden zu bewegen. Das israelische Fernsehen berichtete, es sollten notfalls „Mittel zur Auflösung von Demonstrationen“ eingesetzt werden, um Menschen daran zu hindern, vom Süden in den Norden zu kommen.

Geiselaustausch

Um 15.00 Uhr MEZ sollen im Zuge der Vereinbarung zwischen Israel und Hamas die ersten 13 im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln freigelassen werden. Bei ihnen handelt es sich um Frauen und Kinder. Im Gegenzug sollen für jede Geisel drei palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen entlassen werden. 

Innerhalb von vier Tagen sollen insgesamt 50 Geiseln freikommen, Frauen und Jugendliche unter 19 Jahren. Die Feuerpause soll auch größere, dringend benötigte Hilfslieferungen in den Gazastreifen möglich machen.

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Erste Hilfslieferungen aus Ägypten

Laut Augenzeugenberichten sind erste Hilfslieferungen von Ägypten aus in den Gazastreifen gebracht worden. Über den Grenzübergang Rafah im Süden des Küstenstreifens seien Lastwagen mit humanitären Hilfslieferungen gelangt. 

Zwei Fahrzeuge von ägyptischen Organisationen trugen Transparente mit der Aufschrift "Gemeinsam für die Menschlichkeit", auf einem weiteren war "Für unsere Brüder in Gaza" angebracht, wie auf TV-Bildern der Nachrichtenagentur Reuters zu sehen war.

Das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen, UNRWA, will die Kampfpause nutzen, um dringend benötigte Hilfsgüter für die notleidende Zivilbevölkerung zu verteilen. Insgesamt sollen am Freitag rund 200 Lastwagen mit Hilfsgütern und vier Lastwagen mit Treibstoff in den Gazastreifen gebracht werden - also deutlich mehr als zuletzt pro Tag.

Raketenalarm

Die Kämpfe dauerten bis zuletzt an. Im israelischen Grenzgebiet gab es noch kurz vor Beginn der Waffenruhe Raketenalarm. Die israelische Armee hatte zuvor die Angriffe im Gazastreifen noch intensiviert und wird ihre Soldaten auch während der Kampfpause im Gazastreifen stationiert lassen.

Das UN-Nothilfebüro berichtete am Freitagmorgen, dass Israel die Angriffe aus der Luft, am Boden und zur See intensiviert haben soll.

 

Hamas-Drahtzieher getötet

Das israelische Militär hat nach eigenen Angaben Amar Abu Jalalah und einen weiteren Agenten der Hamas während eines Einsatzes töten können.

Amar Abu Jalalah war ein hochrangiger Agent der Hamas-Seestreitkräfte und soll an der Leitung mehrerer Terroranschläge auf dem Seeweg beteiligt gewesen sein.

Israel plant weitere Schritte während der Feuerpause

Das israelische Militär wird die Gefechtspausen für die Planung der nächsten Kampfphasen nutzen. 

Nach dem vorläufigen Ende der intensiven Kämpfe soll es nach Angaben des israelischen Militärs aber auch weiterhin viele Einsätze im Gazastreifen geben, bis von dort aus keine militärische Bedrohung mehr ausgehe.

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"Die Kontrolle über die nördliche Hälfte des Gazastreifens ist der erste Schritt in einem langen Krieg“, sagt der israelische Armeesprecher Daniel Hagari bei einer Pressekonferenz kurz vor Beginn der vereinbarten Kampfpause. „Wir bereiten uns auf die nächsten Etappen vor, wir werden uns in den kommenden Tagen auf die Planung und Ausführung der nächsten Etappen des Krieges konzentrieren.“

"Dies werden komplizierte Tage sein und nichts ist sicher", so Hagari.

Auch der israelische Verteidigungsminister meinte, dass nach der angekündigten Feuerpause Israels Armee die intensiven Kämpfe im Gazastreifen für mindestens zwei weitere Monate fortsetzen wird. 

Die Soldaten sollen sich während der kurzen Feuerpause, die laut dem Vermittlerstaat Katar am Freitagmorgen in Kraft treten soll, organisieren, Waffen nachliefern und sich für die kommenden Kämpfe vorbereiten, sagte Joav Galant israelischen Medien zufolge am Donnerstagabend. 

Nach der „kurzen Atempause“ werde die Armee weiter Druck machen, um mehr im Gazastreifen festgehaltene Geiseln nach Israel zurückzubringen.

Zwölfjährigem Bub in die Brust geschossen

Unterdessen wurde bei einer Auseinandersetzung mit der israelischen Armee im Westjordanland nach palästinensischen Angaben ein Zwölfjähriger getötet. Dem Jungen sei am Donnerstagabend in die Brust geschossen worden, teilte das Gesundheitsministerium in Ramallah mit. 

Die israelische Armee habe in dem Ort Beita südlich von Nablus eine Razzia durchgeführt. Das Kind sei zunächst ins Krankenhaus gebracht worden und dort später an den Folgen seiner schweren Verletzungen gestorben, meldete die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa.

15,000 tote Palästinenser

Die Zahl der im Gazastreifen getöteten Palästinenser ist seit Kriegsbeginn vor knapp sieben Wochen nach Hamas-Angaben auf fast 15 000 gestiegen. Mehr als 36 000 Menschen seien verletzt worden, teilte die Regierungspressestelle der Islamisten in Gaza am Donnerstagabend mit.

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 Der Großteil von ihnen seien Kinder, Jugendliche und Frauen. Tausende Menschen würden zudem weiter vermisst. Die Zahlen lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

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