"Welt in Notlage gebracht": Das sagt die internationale Presse zum Iran-Krieg

"Tages-Anzeiger": Trump sichert sich als "Madman" die Aufmerksamkeit der Welt. "The Independent": Iran-Krieg hat die Welt in eine Notlage gebracht.
Eine Person mit blondem Haar trägt einen dunklen Mantel und hebt eine Faust mit schwarzem Handschuh.

Zum Iran-Krieg schreiben internationale Zeitungen am Samstag:

  • "The Independent" (London):

"Es sollte ein kurzer und präziser Schlag sein, der die Iranischen Revolutionsgarden zu Fall bringen und die Welt sicherer machen würde. Einen Monat später sind die Ayatollahs immer noch an der Macht, Wladimir Putin ist gestärkt, und die Weltwirtschaft steuert auf eine Rezession zu. (...)

Um die Torheit dieses Krieges zu verstehen, braucht es nur eine einzige Zahl: Ein Fünftel des weltweiten Öls floss bis zum 28. Februar durch die Straße von Hormuz. Die Meerenge ist nun gesperrt, außer für eine Handvoll Schiffe, deren Betreiber bereit sind, dem iranischen Regime riesige Summen in chinesischer Währung zu zahlen.

Man muss kein Genie sein, das jeden Test zur kognitiven Leistungsfähigkeit bestanden hat - wie US-Präsident Donald Trump von sich behauptet -, um zu wissen, dass bei einer Verknappung des Ölangebots um ein Fünftel der Preis so lange steigen wird, bis auch die Nachfrage um ein Fünftel zurückgeht - oder etwas weniger, falls das Angebot von außerhalb der Golfregion steigt, was jedoch nur geringfügig und langsam geschehen kann.

Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu haben etwas begonnen, ohne zu wissen, wie sie es zu Ende bringen sollen. Sie haben die Ziele, die sie sich gesetzt hatten, nicht erreicht und stattdessen Tod und Zerstörung über die Region gebracht und die Welt in eine Notlage gestürzt."

  • "Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Der US-Präsident sendet Signale, die verschiedene Interpretationen zulassen, seine Statements zum Iran-Krieg sind manchmal nach einem Tag bereits überholt. In der Politikwissenschaft wird das als 'strategische Mehrdeutigkeit' bezeichnet: Trump stellt mehrere Möglichkeiten in den Raum, ohne sich für eine zu entscheiden. Durch die strategische Unschärfe vergrößert er seinen Handlungsspielraum.

Der US-Regierungschef kann so zu verschiedenen Adressaten gleichzeitig sprechen und ihnen dennoch unterschiedliche Botschaften senden: Seine Wählerschaft sieht in den militärischen Drohungen ('Tod, Feuer und Zorn'!) die Entschlossenheit eines starken Anführers. Gegenüber dem Iran wiederum lässt er durch die Gesprächsangebote einen potenziellen Ausweg offen, während Verbündete herausfiltern müssen, welche Aussage tatsächlich gilt. Diese Form der vielschichtigen Botschaft erlaubt es ihm, widersprüchliche Interessen simultan zu bedienen.

Ganz neu ist dieses Vorgehen nicht. Schon der US-Präsident Richard Nixon setzte auf Unberechenbarkeit, bekannt als 'Madman-Theorie' oder die 'Theorie des verrückten Mannes'. (...) Ob Trump nach Nixons Vorbild mit seinen Kurswechseln den Iran zum Nachgeben bewegen will, ist unklar. Vielleicht stecken statt Kalkül vielmehr spontane Launen, gar Überforderung hinter seinem Handeln. Die intrinsische Ursache ist letztlich aber zweitrangig, denn der Effekt bleibt derselbe: Der US-Präsident sichert sich in der Rolle als unberechenbarer 'Madman' die Aufmerksamkeit der Welt."

  • "Pravda" (Bratislava):

"Auf dem Alten Kontinent haben wir uns den säkularen Staat, in dem das Weltliche vom Religiösen getrennt ist, erst nach langen historischen Erfahrungen erarbeitet. (... Im Iran) gewann aus mehreren Alternativen nach dem Sturz der Monarchie die organisatorisch am besten vorbereitete: die heute herrschende Theokratie.

Den Krieg in der Region um den Persischen Golf interpretiert der Mainstream als Konflikt der demokratischen Welt gegen die rückwärtsgewandte Herrschaft der Ayatollahs. Die militärisch stärkste Supermacht erfüllt formell die verfassungsrechtlichen und institutionellen Voraussetzungen für das, was in Lehrbüchern als liberale Demokratie bezeichnet wird. Wenn wir uns jedoch die Argumentation ihrer demokratisch gewählten Führer anhören, spüren wir auch etwas anderes.

Erinnern wir uns an (US-Präsident) George Bush junior, der nach dem Einsturz der Zwillingstürme (des World Trade Center in New York 2001) beim Kriegseinsatz in Afghanistan von einem Kreuzzug sprach. Und seine Nachfolger bemühen sich, die Verantwortung für die Entfesselung des Krieges auf jemand anderen abzuschieben, am Ende gar auf Gott selbst. Niemand hat aber bewiesen, dass es im Interesse Gottes - ob wir an ihn glauben oder nicht - sein kann, dass die Waffen klirren. (...)

Aber unter den Militaristen, auch wenn sie sich als Gläubige gebärden, steht ohnehin noch höher als Gott ihr ausbeuterischer Gewinn. (...) In Kriegsjahren gewinnt stets eine kleine Schicht Privilegierter, während die Gesellschaft als Ganze verliert."

Kommentare