In Mailand gelten ab Donnerstag wieder strengere Corona-Regeln

© EPA/MATTEO BAZZI

Politik Ausland
10/21/2020

In Italien geht die Angst vor einem Lockdown zum Jahreswechsel um

Von Bozen bis Palermo herrscht tiefe Verunsicherung darüber, was Corona in den nächsten Wochen noch mit sich bringen wird

Noch vor ein paar Wochen schien das Virus in Italien unter Kontrolle zu sein. Jetzt steigt die Kurve wieder rasant. Am Dienstag zählte man 9.338 Neuinfizierte, davon 1.687 Fälle in der Lombardei, die somit wieder auf Platz eins landet. An zweiter Stelle steht die süditalienische Region Kampanien und das bereitet weitere Sorgen. Das Gesundheitssystem in Süditalien wurde nämlich infolge der strengen Sparmaßnahmen der letzten Jahre arg geschrumpft.

Frühe Sperrstunde

Premier Giuseppe Conte ist alarmiert: „Die Infektionskurve ist besorgniserregend, die Lage ist kritisch.“ Deswegen müssen Lokale, Gaststätten und Restaurants seit Montag um 24 Uhr schließen. Wer keine Tische mit Sitzplätzen hat, muss um 18 Uhr sperren.

Für den Präsidenten der Lombardei, Attilio Fontana, war das nicht streng genug, und so gilt ab Donnerstag für die ganze Region eine Ausgangssperre von 23 bis 5 Uhr.

"Hühner auf einer Stange"

Acht Uhr in der Früh in einem Mailänder Café: Zwei Freundinnen kommentieren die steigenden Covid-Zahlen in der Stadt – mit 814 Neuinfektionen einer der landesweiten Infektionsherde. „Wir brauchen mehr Kontrollen“, sagt die eine Freundin. „Ja, aber nicht nur abends“, antwortet die andere. „Die muss es auch untertags geben, zum Beispiel in den Parks wo die 16 bis 17-Jährigen wie Hühner auf einer Stange und ohne Mundschutz aneinanderkleben.“ „Was nützten die strengen Vorschriften in der Schule, wenn sie gleich danach im Park nicht mehr berücksichtigt werden?“, antwortet die Freundin.

Besonders streng zeigt sich der Präsident der Region Kampanien, Vincenzo De Luca. Im Frühjahr hatte er schon kurz vor dem landesweiten Lockdown versucht, seine Region so gut es ging abzuriegeln. Jetzt hat er neben der Schließung der Lokale von 23 Uhr bis 6 Uhr samt Ausgangssperre auch die Schließung der Schulen bis Ende Oktober verordnet.

Verlorenes Schuljahr

Dagegen haben Mütter protestiert und Anzeige erstattet, doch das Verwaltungsgericht hat De Luca recht gegeben. „Im Sommer waren wir der Meinung beziehungsweise wollten es sein, dass das Ärgste schon überstanden sei. Das war ein Fehler“, meint Mena Bufano, sie lebt im Altstadtviertel Quartiere Sanità, wo die Gassen so eng sind, dass man sich von einem Fenster zum anderen die Hand geben kann. „Die meisten Verordnungen verstehe ich, nicht aber die Schließung der Schulen“, fährt sie fort. Besonders die Kinder in den ärmeren Vierteln würden darunter leiden, weil sie keinen PC oder kein Tablet haben, um dem Fernunterricht beiwohnen zu können. „Die haben doch schon ein Schuljahr verloren, soll auch dieses verloren gehen?“

Es sind die regionalen Hauptstädte, die unter Druck stehen. Und das von Bozen bis nach Palermo, wobei sich in diesen beiden Städten das Virus etwas langsamer verbreitet. „Bei Bozen bin ich mir da nicht so sicher“, erwidert der Bozener Schriftsteller Luca D’Andrea. „Auf der Website ,Eventi Covid’ kann man sehen, dass in der Provinz Bozen 28 Prozent der Bewohner positiv sind.“ Die Provinzverwaltung sei um die Wintersaison besorgt. „Sie schlägt Deutschland vor, nur für gewisse Täler Reisewarnungen auszusprechen.“ D’Andrea findet das absurd. „Im August hatten wir das Gefühl, ganz Italien stehe Schlange vor den Seilbahnen.“

Angst vor Bürokratie

In Rom und in der Region Latium mit 939 Fällen (davon die Hälfte in der Ewigen Stadt) ist die Verunsicherung groß. „Es geht nicht nur um die Angst, sich anzustecken“, sagt der Universitätsprofessor Luca Polese aus dem römischen Viertel Garbatella. „Es ist auch die Angst, in die Fänge der Bürokratie zu geraten. In der Klasse meines zehnjährigen Sohnes gab es einen Covid-Fall, also haben wir alle einen Test gemacht. Das Ergebnis kommt aber nicht immer zeitnah. Das positive Kind hat sogar drei Abstriche machen müssen, weil das zweite Ergebnis nie mitgeteilt wurde. Viele ziehen es deswegen vor, sich im Zweifelsfall zu verschanzen, anstatt sich testen zu lassen.“

Angesichts der steigenden Covid-Kurve könne man einen Lockdown zu Weihnachten nicht ausschließen, meinen einige Virologen. Die Regierung verneint das, die Bevölkerung hört solchen Debatten aber gar nicht mehr zu, beißt die Zähne zusammen und versucht sich über Wasser zu halten.

Andrea Affaticati, Mailand

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