© REUTERS/UESLEI MARCELINO

Irak-Krieg
11/07/2014

Hunderte US-Soldaten waren Chemiewaffen ausgesetzt

Prüfung bestätigt: Rund 600 Soldaten kamen seit 2003 mit chemischen Kampfstoffen im Irak in Kontakt.

Mehr als 600 US-Soldaten sind nach eigenen Angaben nach der US-Invasion im Irak 2003 chemischen Kampfstoffen ausgesetzt gewesen. Eine von US-Verteidigungsminister Chuck Hagel angeordnete Prüfung der Akten habe ergeben, dass in den vergangenen Jahren deutlich mehr Soldaten über Kontakt mit Chemiewaffen klagten, als bisher bekannt war, sagten Vertreter des US-Verteidigungsministeriums am Donnerstag.

Sie bestätigten damit Recherchen der New York Times, die in einer Artikelreihe über die Klagen der Soldaten berichtet hatte (KURIER.at berichtete, siehe unten). US-Präsident George W. Bush hatte die Invasion zum Sturz des irakischen Machthabers Saddam Hussein unter anderem mit der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen begründet. Es wurde jedoch nie ein Beweis für ein aktives Programm zur Herstellung derartiger Waffen gefunden. Allerdings hätten die Soldaten Überreste alternder Chemiewaffenbestände entdeckt, berichtete die New York Times. Demnach wurden rund 5000 Gefechtsköpfe, Granaten und Bomben mit chemischen Kampfstoffen gefunden.

Da die US-Soldaten nicht für den Umgang mit den Kampfstoffen ausgebildet gewesen seien, hätten sie teilweise Verletzungen durch Sarin- oder Senfgas erlitten, schrieb die Zeitung. Hagel hat nun neue medizinische Untersuchungen für betroffene Soldaten und Veteranen angeordnet.

Saddams verlassene Chemiewaffen als neue Gefahr

Weapons of mass destruction" - Massenvernichtungswaffen waren im Jahr 2003 der Grund für die USA, im Irak einzumarschieren. Damals gab es zwar kein aktives Massenvernichtungswaffenprogramm mehr, wie damals von der Bush-Regierung behauptet. Doch, so berichtet die New York Times, gab es noch haufenweise Überreste des längst stillgelegten irakischen Chemiewaffenprogramms von Diktator Saddam Hussein. Es handelte sich dabei den Angaben von damals im Irak stationierten US-Soldaten zufolge um rund 5.000 Geschosse mit chemischen Kampfstoffen, die zwischen 2004 und 2011 entdeckt wurden. Die meisten stammten aus der Zeit des Krieges gegen den Iran 1980 bis 1988. Damals wurde das Saddam-Regime vom Westen, vor allem von den USA unterstützt. Die Waffen waren daher nach US-Bauplänen und mit Hilfe von Maschinen und Materialien aus Europa produziert worden.

Die USA hatten deshalb geschwiegen, auch wenn es immer wieder Verletzungen der Soldaten durch die Chemiewaffen gab. 2009 gab Washington die Informationen immerhin der OPCW weiter, der Organisation für das Verbot von Vernichtungswaffen.

Waffen in Händen des IS?

Doch nun wird der übrige Bestand - mehr als zehn Jahre nach dem US-Einmarsch - wieder zum Problem. Wie die NYT weiter berichtet, blieben die Waffen ungesichert - man unterschätzte offenbar das Risiko. Die Geschosse könnten nun nun teilweise in die Hände der grausamen Dschihadistenmiliz IS fallen, denn viele Waffen seien in Gebieten gefunden worden, die heute von ihr kontrolliert werden - etwa als im Juni die Al-Muthanna-Fabrik im Irak von Dschihadisten überrannt wurde. Dort befanden sich einst Bunker mit alten Sarin-Raketen, Senfgas-Artilleriegeschossen und Vorläufersubstanzen von Cyaniden, Bestandteilen von Giftgas wie Zyklon B. Die irakische Regierung versicherte Anfang Juli allerdings, alle dort vorhandenen Chemiewaffen seien in der Vergangenheit zerstört worden.

Die NYT beschreibt auch Vorfälle, bei dem US-Soldaten nach 2003 durch diese Waffen zu Schaden kamen: Etwa als eine Patrouille durch eine Bombe mit Sarin verletzt wurde, oder als Spezialisten unvorbereitet und ohne entsprechende Ausrüstung zu Fundorten mit Giftgas-Granaten geschickt wurden. Insgesamt listet die Zeitung 17 US-Soldaten und sieben irakische Polizeibeamte auf, die im Irak Nervengas oder Senfgas ausgesetzt waren. Manche von ihnen sagten, dass sie nicht adäquat medizinisch behandelt worden seien aufgrund der Geheimhaltung der Funde. Auch ein Untersuchungs-Ausschuss des US-Kongress zum Thema Chemiewaffen wurde nur unvollständig über die Zwischenfälle informiert. Soldaten erklärten gegenüber der Zeitung, sie seien von ihren Vorgesetzten angewiesen worden, die Vorfälle als "nichts Besonderes" abzutun. Bis heute, meint ein Offizier, in dessen Truppe mehrere Soldaten durch Gas verletzt worden waren, müsse er sich anhören, "dass es keine chemischen Waffen im Irak gab - es gab Unmengen."

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