Politik | Ausland
04/17/2019

Historische Wunden und bleibende Narben von Notre-Dame

Macrons Ziel von fünf Jahren ist optimistisch. Noch weiß man nicht, wie groß der Schaden ist

Noch schöner soll Notre-Dame werden und das innerhalb von fünf Jahren. Der französische Präsident Emmanuel Macron ist optimistisch, was den Wiederaufbau der zerstörten Kathedrale betrifft.

Architekt und Ziviltechniker Gerhard Schnabl, der als Projektkoordinator für Jabornegg & Pálffy_ AXIS derzeit an der Sanierung des österreichischen Parlaments arbeitet, hält einen wesentlich längeren Projektzeitrahmen für wahrscheinlicher. Die Schadenserhebung werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen. „Vor allem geht es danach aber um die Formulierung aller Projektziele.“

Klassisch oder innovativ?

Es gibt unterschiedliche Methoden im Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz. „Klassische Rekonstruktionsvarianten sind eine wahrscheinliche Möglichkeit. Ein innovativer Lösungsansatz müsste dabei nicht außer Acht gelassen werden, ist jedoch kunsthistorisch und baukünstlerisch zumeist umstritten und daher unwahrscheinlicher.“ Vermutlich werde der bauliche Bestand, wie er unmittelbar vor den aktuellen Zerstörungen war, auf Basis möglichst vieler aktueller bautechnischer Standards wiederhergestellt.

Bei historischen Gebäuden ist zu bedenken, dass die ursprüngliche Version im Laufe der Jahrhunderte immer wieder durch Umbauten und Zubauten ergänzt wurde. „Ein Gebäude wächst über die Jahrhunderte.“ Bei der Kathedrale von Notre-Dame werde also wohl der Letztstand samt der Umbauten aus dem 19. Jahrhundert wiederhergestellt.

„Natürlich könnte man eine baukünstlerisch innovativere Wiederherstellungsmethode anwenden, die auch für den Betrachter optisch müheloser als bei einer Rekonstruktion ablesbar sein darf. Der offensichtliche Ersatz von Altem mit Neuem stößt allerdings oft auf Kritik.“

Als Beispiel für eine „heftige“ Rekonstruktion alter Substanz nennt Schnabl die komplette, originalgetreue Rekonstruktion des barocken Berliner Schlosses, welches 1950 gesprengt worden war und an dessen Stelle der Palast der Republik bis zum Abriss 2009 stand. Wie man mit zerstörter Bausubstanz auf raffiniertere Weise umgeht, zeigt laut Schnabl die Alte Pinakothek in München, deren wiederhergestellte Bauteile klar ablesbar sind.

Auch in Notre-Dame wäre es möglich, mit der durch den Brand entstandenen Wunde und deren Narben aufgrund der Unwiederbringlichkeit zahlreicher Bauteile offen umzugehen. Aber eben nicht sehr wahrscheinlich.

Bei den nicht sichtbaren Bauteilen wird man vermutlich auf zeitgemäße Methoden setzen, schätzt Schnabl. Die technische Ausstattung sowie die Materialien werden sicherer und zeitgemäß: Stahl statt Holz für den Dachstuhl, ebenso wie das beim Wiener Stephansdom seit dessen Brand 1945 der Fall ist.

Barbara Mader