Politik | Ausland
20.07.2018

Helfer inmitten der Gewalt: "Da haben sie das Feuer eröffnet"

Georg Geyer organisiert in Kriegsgebieten die medizinische Versorgung für die Bevölkerung - und gerät dabei oft selbst in Gefahr.

Die Lage hatte sich im Mai aufgeschaukelt. Deshalb saß Georg Geyer nun mit einer Wasserflasche und seinem Mobiltelefon in einer Ecke. Er war in einem Haus in der "waffenfreien" Stadt Bambari, im Herzen der Zentralafrikanischen Republik (ZAR). Und wie die meisten der 40- bis 50.000 Einwohner wartete er darauf, bis draußen die Schießereien endeten. 

"In der Zentralafrikanischen Republik kann man nie wissen, was als Nächstes passiert", sagt Geyer. Wie genau die Gefechte begannen, weiß er nicht. Berichten zufolge wurden kurz davor zwei Leichen südlich der Stadt gefunden. Offenbar hatte sich daraufhin wieder einmal eine Gruppe nicht an den Deal gehalten, in der Stadt auf Gewalt zu verzichten. In diesem Fall war es die muslimische " Seleka", die deshalb in der Folge auch mit den Blauhelmen aneinandergeriet. Wochenlang wurde auf den staubigen Straßen zwischen den Ziegelhäusern geschossen.

Draußen knattern nur die Maschinen einer Baustelle, als Geyer zwei Monate später im Büro von Ärzte ohne Grenzen in der Wiener Innenstadt vom Erlebten in der ZAR erzählt. Bambari, die viertgrößte Stadt des Landes, sei ein "Pulverfass". Es liegt an der Frontlinie eines Konflikts, und an einem Fluss. Auf der einen Seite der Brücke sitzt die christliche, auf der anderen die muslimische Konfliktpartei, in der Mitte sitzen die internationalen Peacekeeper.

Und im Mai saß dort eben auch Geyer. Er ist 45, hat kurzgeschorene Haare, einen Dreitagebart und wirkt ein paar Tage nach seiner Rückkehr nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Er sagt, er sei "sehr auf die Butterseite des Lebens gefallen": In Wien geboren, gut ausgebildet, Eltern, die einen lieben. Er schloss ein Jus-Studium ab, arbeitete im IT-Management. Irgendwann dachte er: "Naja. Nur Karriere? Da müsste es doch noch mehr geben im Leben."

Vor mittlerweile acht Jahren heuerte er bei Ärzte ohne Grenzen (offiziell: "Medecins Sans Frontieres", MSF) an und wurde Logistiker für die Hilfsorganisation. Fortan organisierte er die Versorgung ihrer Projekte in vielen Krisenländern. Das passte, denn Geyer sieht gerne etwas von der Welt und MSF agiert an vielen Orten, die nicht gerade typische Reisedestinationen sind. Seine Einsätze führten ihn etwa nach Afghanistan, in den Jemen, TschadSüdsudan und zuletzt eben zum bereits zweiten Mal in die Zentralafrikanische Republik.

CAFRICA-HEALTH-EBOLA

Die ZAR ist ein klassischer „Failed State“. Das Land ist unsicher, arm und korrupt. Es hat eine Regierung, deren Einfluss kaum über die Hauptstadt (Bangui) hinausreicht, aber das Staatsgebiet ist etwa acht Mal so groß wie Österreich mit halb so vielen Einwohnern (4,5 Mio.). Jeder Vierte davon ist auf der Flucht – zu einer Hälfte im Inland, zur anderen im benachbarten Ausland. Rundherum liegen unter anderem der Tschad, die Demokratische Republik Kongo, der Sudan und Südsudan - also selbst höchst problematischen Staaten, deren Konflikte oft auch in die ZAR schwappten.

Das Land kommt seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe. Immer wieder keimt Gewalt auf. Seit 2013 ist es ein Konflikt zwischen der "Séléka" (einer Rebellengruppe aus der muslimischen Minderheit, die damals kurz die Macht ergriff) und der "Anti-Balaka" (einer Miliz, die sich vor allem aus der christlichen Mehrheit heraus bildet). Beide Seiten sind aber keine homogenen Blöcke, sondern jeweils noch unzählige Male gespalten. Politische Gruppen, Warlords und Kriminelle kämpfen um Einfluss und Macht. Es gibt Kindersoldaten, Kinderarbeit, Massenvergewaltigungen, politische und ethnische Konflikte und eine grassierende Bandenkriminalität.

Während die lokale Bevölkerung unter der allgemeinen Gewalt und Unsicherheit und der auch deswegen katastrophalen medizinischen Versorgung leidet, sind Hilfsorganisationen für die um Macht ringenden Konfliktparteien eigentlich kein direktes Ziel. Für deren Absichten, Kontrolle über ein Gebiet auszuüben, ist ihre Tätigkeit ebenso nützlich, wie für die Bevölkerung. Aber für Kriminelle ist die Ausrüstung der internationalen Helfer ein lukrativer Anziehungspunkt.

Geyer musste das schon mehrmals am eigenen Leib erfahren. In Bambari ist sein Handy "mit einem Bewaffneten abspaziert", wie er es salopp formuliert. Mitten in der Nacht standen plötzlich sechs Gestalten mit Kalaschnikows da. Geyer sagt: "Sie waren relativ professionell und auf der Suche nach Wertgegenständen die sie unter Umständen weiterverkaufen können. Also nahmen sie einfach alles mit was sie finden konnten, verletzten dabei aber niemand. Mit so einer Situation kann ich persönlich umgehen, wenn es auch für die MSF natürlich ein untragbarer Übergriff ist."

Er sagt: "Das Problem ist, dass diese Sachen auch schiefgehen können." Und er weiß auch hier, wovon er spricht. Vier Jahre zuvor, während bei einem Meeting mit 40 Dorfältesten in einem Krankenhaus die Gesundheitsversorgung für die Stadt Boguila besprochen wurde, stürmten untertags plötzlich Bewaffnete herein. "Wir haben alles richtig gemacht und uns an unsere Sicherheitsvorschriften gehalten", sagt Geyer. Aber die Banditen wurden nervös. Sie hielten die unbewaffneten Anwesenden mit Waffen in Schach. "Einer versuchte davonzulaufen. Da haben sie das Feuer eröffnet", erinnert sich Geyer. Drei MSF-Mitarbeiter und 16 der lokalen Anführer starben dabei. Einer der Angreifer, es waren Berichten zufolge ehemalige Seleka-Kämpfer, hatte völlig falsch reagiert. Die anderen hatten damit offenbar selbst nicht damit gerechnet, und machten sich schnellstmöglich aus dem Staub.

"In der Regel schießt niemand direkt auf uns", sagt Geyer. Aber man kann eben auch als Helfer in einer Klinik zwischen die Fronten kommen. Nur Stunden nach unserem Interview zog sich die Organisation aus einer Region im Land zurück. Nach dem zweiten Angriff binnen weniger Wochen auf ein Team in Bria musste die 30.000-Einwohner Stadt 200 Kilometer nordöstlich von Bambari entfernt vorerst verlassen werden.

MSF hat ein Netz psychologischer Betreuer für seine Mitarbeiter. Geyer sagt, er hat solche Erlebnisse bisher immer recht gut verarbeiten können. Und davon gab es viele. Geyer war etwa 2015 in Afghanistan, als dort in Kundus ein MSF-Krankenhaus durch US-Luftangriffen zerstört wurde. Er selbst war da zwar nicht direkt am Ort des Geschehens, aber er fühlte sich "in der ersten Reihe", als 13 seiner Kollegen und zehn Patienten starben. "Es ist gut, mit jemandem sprechen zu können, den man fragen kann, ob man eigentlich noch richtig tickt", sagt er.

Die unparteiische Arbeit der Helfer ist manchmal auch für die Bevölkerung emotional schwierig zu akzeptieren. In der ZAR-Hauptstadt Bangui, wo Geyer eigentlich meist im Hauptquartier arbeitete, nahm MSF einen Patienten auf. "Plötzlich stand eine Gruppe aufgebrachter Menschen in der Klinik. Sie wollten nicht, dass wir ihm helfen. Natürlich ist sowas verständlich, wenn man etwa gerade gesehen hat, wie der auf deine Familie geschossen hat." Aber MSF bestehe auf die Grundsätze der humanitären Hilfe. Sobald jemand das Krankenhaus erreicht, ist er ein Patient und ihm wird geholfen. Nur so kann man von allen Konfliktparteien akzeptiert werden und allen Betroffenen helfen. In diesem Fall habe man die heikle Situation "entschärfen" können, sagt Geyer.

MSF sei sehr gut im Sicherheitsmanagement, aber die Lage sei immer öfter unberechenbar. "Wir hatten im Südosten des Landes jahrelang ein Projekt, wo wir Leute hingeschickt haben, die anderswo zu viel Stress hatten. Es war in einer relativ friedlichen Gegend. Im April wurde das Spital plötzlich niedergebrannt und ausgeraubt. Menschen wurden im Spital erschossen." 

Zwar holt sich MSF immer wieder das Okay von lokalen Gruppen für seine Arbeit ein, aber die haben auch nicht immer alles unter Kontrolle. Die Zersplitterung des Konflikts und der gewaltreiche Zerfall jeder Art von Autorität macht die Zentralafrikanische Republik selbst für ein Bürgerkriegsland zu einer besonders schwierigen Angelegenheit.

Die internationale Gemeinschaft und insbesondere der Westen interessieren sich dafür nicht besonders. Die NRC Flüchtlingshilfe führt den Konflikt unter den drei meistignorierten der Welt. Für die humanitäre Hilfe würde die UN in diesem Jahr etwa 440 Millionen Euro benötigen – nur etwa 22 Prozent davon wurden bisher aufgebracht. Österreich taucht auch in dieser Spenderliste nicht auf. Seit 2014 gibt es zwar eine Friedensmission der UNO (MINUSCA) mit einem Personal von über 14.000 Soldaten, Polizisten und zivilen Helfern. Die Truppen kommen aber vor allem aus Pakistan, Ägypten, Bangladesch, Ruanda und Sambia. Sie sollen der Regierung helfen, Sicherheit und Verwaltung wiederherzustellen. Der Erfolg gelingt freilich nur schleppend.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet außerhalb des UN-Plans. Es finanziert sich großteils aus privaten Spenden, das macht die Organisation flexibler. Sie kann schnell zu Krisenherden aufbrechen und im absoluten Notfall helfen. Viele andere NGOs haben einfach nicht die Kapazitäten, um unter so unsicheren Bedingungen arbeiten zu können. Dass die Lage der Zentralafrikanischen Republik eine "vergessene Krise" ist, ist auch ein Problem. Dadurch können nämlich weniger andere Organisationen die Mittel zusammentragen, um dort zu arbeiten. Eigentlich versucht MSF bei Konflikten oder anderen Notsituationen schnell vor Ort zu sein und das Notwendigste zu leisten, aber dann möglichst an andere für die langfristige Arbeit zu übergeben. Wenn andere Organisationen aber nicht oder nur in sehr geringer Zahl auftauchen, geht das nicht.

Für Georg Geyer ist der Einsatz nach etwa zehn Monaten erst einmal vorbei. Zwischen seinen Missionen tut ihm der Komfort des Butterseiten-Lebens in Wien dann auch einmal ganz gut. Arbeit bleibt trotzdem auch in dieser Zeit. Der nächste Einsatz will schließlich geplant werden. Der Ort steht noch nicht fest. Aber es wird wohl wieder keine gewöhnliche Reisedestination sein: „Wir überlegen gerade. Vielleicht Tschad. Oder Libyen.“

Über die Organisation: Ärzte ohne Grenzen (Medecins Sans Frontieres) ist eine unabhängige Non-Profit-Hilfsorganisation, die Menschen in kriegerischen Konflikten, Epidemien, Katastrophen und in Gebieten mit schlechter Infrastruktur medizinisch und unparteiisch versorgt. Insgesamt ist sie in über 70 Ländern aktiv. 2016 meldete man fast 10 Millionen Patientenkontakte, darunter 250.000 Geburtshilfen und 90.000 chirurgische Eingriffe. Die 1971 in Paris gegründete Organisation besteht heute aus 24 Teilorganisationen - darunter eine in Österreich - die unter dem Dach des in Genf angesiedelten "MSF International" vereint sind. Laut eigenen Angaben arbeiten 45.000 Menschen aus über 150 Ländern für Ärzte ohne Grenzen. 6,3 Millionen einzelne Spender kamen 2017 für das Budget von 1,5 Milliarden Euro auf. Nur etwa zwei Prozent der Finanzierung wird von staatlichen Akteuren beigesteuert. Von der EU und Mitgliedstaaten nimmt die Organisation aus Protest gegen die Abschreckungspolitik gegenüber Migranten kein Geld.