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Politik Ausland
03/18/2020

Großbritannien: Das Musik-Business verstummt, viele Pubs bleiben offen

Auch in Großbritannien fährt das öffentliche Leben allmählich herunter. Manche aber wollen nicht klein beigeben.

von Konrad Kramar

Lange hat's gedauert, doch mit ordentlicher Verspätung reagiert auch die britische Regierung auf die Corona-Epidemie. Wochenlang hatte Boris Johnson trotz täglich dramatisch ansteigender Fallzahlen auf die "Herdenimmunität" seiner Mitbürger gesetzt. Vor allem junge Gesunde sollten sich ruhig anstecken, damit sie nachher gegen die Infektion geschützt seien und sie auch nicht weiterverbreiten könnten. Jetzt verabschiedet man sich in Downing Street aus dieser medizinischen Sackgasse und schwenkt auf den Kurs der anderen europäischen Staaten ein.

Schulessen zu wichtig

Von strikten Verboten hält man zwar weiterhin Abstand, aber immerhin lautet die dringende Empfehlung, das öffentliche Leben strikt einzuschränken. Die Schulen bleiben vorerst offen, auch deshalb weil in den ärmeren Gegenden des Landes das warme Essen in der Schule für viele Kinder aus sozial schwachen Familien die wichigste Mahlzeit des Tages darstellt. Auch Cafes und Restaurants  müssen nicht zwangsweise geschlossen werden, doch vor allem große Ketten fahren den Betrieb ohnehin drastisch herunter.

Nur noch über die Gasse

So hat McDonalds seine Sitzgelegenheiten gesperrt und serviert seine Burger nur noch per take away, Cafe-Ketten wie Costa schenken ebenfalls nur noch über die Straße aus. Die sonst bei den für Kälte ohnehin unempfindlichen Briten so beliebten Schanigärten auf den Straßen sind ohnehin seit Tagen leer.

Weniger einsichtig zeigen sich dagegen viele Pubs. So weigert sich eine große Pub-Kette, die im Norden Englands rund 140 Lokale betreibt, strikt den Betrieb einzustellen. "Die Leute wollen kommen und andere Leute treffen", gibt sich einer der Manager stur: Man werde schon verantwortungsvoll mit der Situation umgehen. Andere Pubs und Restaurants haben ihren Betrieb zumindest soweit heruntergefahren, dass man nur noch Lunch zum Mitnehmen serviert und sonst keine Gäste mehr empfängt. Die Sorge, dass gerade die identitätsstiftenden Pubs die Corona-Krise nicht überleben werden, ist auf jeden Fall groß. Ein führender Beamter der Stadtverwaltung von Manchester etwa meint, dass die Maßnahmen der Gastronomie das Genick brechen würden und warnt vor einer "katastrophalen Periode der Unsicherheit". Rückenwind bekommen die hartnäckigsten der Pub-Betreiber ausgerechnet von Stanley Johnson, Vater des Premierministers. Er werde sich sein abendliches Bier im Pub nicht verbieten lassen, erzählte der 79-Jährige der Boulevardzeitung "Daily Mail".

Kinos machen zu

Konsequenter sind die meisten Kultureinrichtungen. Große Kinoketten haben nun angekündigt, den Betrieb einzustellen, die Bühnen, etwa jene im Londoner Theaterbezirk West End, sind fast ausnahmslos geschlossen. Stillgelegt ist auch Großbritanniens Musikindustrie. Gab es in der Vorwoche noch Konzerte in großen Hallen, wie etwa mehrere Auftritte der "Stereophonics" wird inzwischen alles abgesagt. Und weil die Tourneen vieler Bands nicht stattfinden, haben viele Musikproduzenten auch gleich die dazugehörigen Veröffentlichungen neuer Songs storniert. 

Unbezahlter Kurzurlaub

Nicht nur die Musik-Industrie Großbritanniens ist von der Corona-Krise schwer getroffen. Mit dem Traditionsunternehmen Laura Ashley hat das Land seinen ersten Konkursfall, und die großen Flugunternehmen von British Airways bis easy jet veröffentlichen schon jetzt Warnungen vor einer dramatischen Lücke in ihren Bilanzen durch die Rückgänge im Flugverkehr. Für den meisten Ärger sorgt wie so oft der Tausendsassa der Branche, Richard Branson, unter anderem Eigentümer des Luftfahrt-Unternehmens "Virgin Air". Er hat angekündigt, seine Mitarbeiter gleich einmal acht Wochen auf unbezahlten Kurzurlaub zu schicken, um die Rückgänge auszugleichen. Gewerkschafter zeigen sich über die Skrupellosigkeit des Multimillionärs empört. Branson, so ein Vertreter, solle zuerst einmal seine Privatinsel in der Karibik verkaufen, bevor er Leute auf die Straße setze. Gerade in Großbritannien, wo ein Großteil der ohnehin schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs ohne jede soziale Absicherung funktioniert, wächst die Sorge, dass sehr rasch sehr viele Bürger vor dem Nichts stehen und ihre lebenswichtigen Rechnungen nicht mehr bezahlen könnten.

Was immer notwendig ist

Die Regierung Johnson betont, sich rasch um diese sozial Schwachen kümmern zu wollen. Diese, so wie auch die Klein- und Kleinstunternehmer, sollen die ersten sein, die von dem umgerechnet 350-Millarden-Euro-Hilfspaket profitieren sollen, das Finanzminister Rishi Sunak angekündigt hat. So sollen die wichtigsten Steuern für Kleinunternehmer für dieses Jahr storniert werden, um etwa Konkurse von Geschäften und Restaurants zu vermeiden. Man werde, so Sunak "alles tun, was notwendig ist", um eine wirtschaftliche Katastrophe zu verhindern. Premier Boris Johnson wiederum, tat das, was britische Regierungschef in Krisenzeiten traditionell tun, er griff auf Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg zurück. Er stehe nun an der Spitze eines "Kriegskabinetts", weckte der Premier Erinnerungen an sein großes Vorbild Winston Churchill, und man werde alles tun, um diesen "tödlichen Feind zu besiegen" und den "Kampf zu gewinnen".

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