Ägypten
03/05/2016

"Die Straße ist smarter als die da oben"

Der Graffiti-Künstler El Teneen über das Leben unter den Generälen fünf Jahre nach der Revolution.

von Karoline Krause-Sandner

Während der Revolution gegen die Herrschaft von Hosni Mubarak boomte die Graffiti-Szene in Ägypten, insbesondere in Kairo. El Teneen ist einer der jungen Menschen, die ihrem Ärger mit Bildern oder Schriftzügen an Wänden Luft gemacht haben. Der 33-Jährige will seinen echten Namen nicht nennen oder sein Gesicht in der Zeitung zeigen. Er hat – wie viele Ägypter – Angst. Fast täglich werden Menschen verhaftet oder verschleppt. In europäische Medien hat es zuletzt nur der Fall des 28-jährigen Italieners Giulio Regeni geschafft. Der Student wurde tot in Kairo aufgefunden – mit Folterspuren am Körper.

KURIER: Worum geht es in Ihren Graffiti?

El Teneen: Das kommt darauf an. Normalerweise sind sie politisch. Manchmal nicht. Meistens ein Kommentar zur Politik. Darüber, was Menschen auf der Straße denken oder sagen, was aber nicht bis zu den Medien gelangt.

Was hat Sie dazu gebracht, damit anzufangen?

Es ist Teil der Revolution. Du hast das Gefühl, dass du die Straße zurückgewinnst. Dass sie nicht von jemand anderem kontrolliert wird. Es ist Teil des Neinsagens gegen das, was gerade passiert.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie – fünf Jahre nach der Revolution – noch immer die Kontrolle über die Straße haben?

Natürlich nicht. Aber Graffiti in Ägypten ist ein bisschen anders als hier. Hier kommt die "Zensur" aus Gesetzen. Die Polizei hält einen weitgehend davon ab, diese nicht zu brechen. In Ägypten kommt die Zensur vom Volk. Es gibt zwar Gesetze, die Graffiti illegal machen, aber ich kenne keinen Fall, in dem diese zur Geltung kommen. Wenn du sprayst, und jemand steht dort, dem nicht gefällt, was du ausdrücken willst, nehmen sie dich wahrscheinlich mit zur Polizei. Und du wirst wegen etwas angeklagt, das mit Graffiti nichts zu tun hat. Drogendelikte oder so.

Haben Sie Angst, verhaftet zu werden oder zu verschwinden, wie so viele andere Ägypter?

Du kannst immer verschwinden. Auch wenn du nichts getan hast. Es geht um Menschen und wie die Straßen gerade polarisiert sind.

Hatten Sie vor der Revolution das Gefühl, sich ausdrücken zu wollen und es nicht zu können?

Naja. Die Straßen waren von der Regierung monopolisiert. Du sahst überall Bilder von Mubarak. Manche davon machten mich sehr wütend.

Hat sich eigentlich irgendwas geändert? Von der Mubarak-Ära zur Zeit unter Sisi?

Ja. Es ist schlimmer jetzt.

Schlimmer? Warum?

Jeder wusste lange, dass Mubarak korrupt ist. Und man konnte eben nicht viel reden, Leute hatten Angst vor dem Gefängnis. Was wir jetzt haben, das ist fast Faschismus. Wer etwas gegen Sisi sagt, wird nicht von der Polizei zensuriert – sondern von den Menschen. Man kann keine Diskussion führen. Es ist auch eine Generationsfrage. Ältere Menschen sahen in Sisi den Erlöser. Junge sahen, wie Dinge nicht funktionierten. Sie wollten keinen neuen Nasser. Das ist nicht, was wir heute brauchen. Diese Trennlinie führt bis in die Familien hinein.

Wozu dann die Revolution?

In einem Transformationsprozess kann vieles schiefgehen. Auch bei uns sind viele Fehler passiert. Aber deshalb ist der Prozess nicht vorbei. Die Ägypter sagten: "Wir wollen, dass es besser wird." Es gab keinen Aktionsplan. Keinen Machtwechsel. Wir hatten 60 Jahre Staatspropaganda – das macht sich jetzt bemerkbar. Und sie geht weiter: Heute benützt das Regime den Kampf gegen den Terror und sagt: Jetzt ist nicht die Zeit für Spaltung. Alle müssen hinter dem Führer stehen. Alle müssen applaudieren.

Wie hat sich das Leben verändert? Schafft Sisi Jobs wie er gerne betont? Fühlen Sie ein Wirtschaftswachstum?

Ich kann zumindest fühlen, wie die Preise steigen. Das ägyptische Pfund verliert gegen den Dollar. Der Wirtschaft geht es gar nicht gut.

Und jetzt? Braucht Ägypten eine neue Revolution?

Ich weiß nicht. Das aktuelle Regime ist sehr schlecht. Verkackt alles. Sperrt Leute ein. Keine Wirtschaft. Also was ist der Ersatz? Die Leute werden eine Alternative suchen und dann müssen alle hinter diesem Typen stehen, wie wir hinter dem letzten stehen mussten. Die Story kennen wir schon. Ich dachte in den 18 Tagen am Tahrir-Platz 2011, dass wir über diese Idee hinweg sind. Die Idee mit der heiligen Kuh. Aber was ich wirklich glaube, ist, dass wir über Mubarak hinweg sind. Über die Person. Nicht über die Idee. Ich glaube, es gibt keine Alternative, als dass es sich ändert. So geht es nicht! Ich bin optimistisch: Die Straße besteht nicht nur aus einer Fraktion. Sie ist divers und spontan und smarter als die da oben. Also probieren wir’s so lange, bis das Volk sagt: "Wir wollen nicht eine Person." Ich weiß zwar nicht wie, aber das wäre das Happy End.
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