Das Wetter ist schlecht, aber die Stimmung bei denen, die für einen Verbleib Großbritanniens in der EU mobilisieren, wird besser.

© APA/AFP/JUSTIN TALLIS

Großbritannien
06/21/2016

Gegenwind für die Brexit-Anhänger

Der Mord an der jungen Abgeordneten Jo Cox hat eine Trendwende eingeleitet.

Am Montagnachmittag trafen sich die Abgeordneten des britischen Unterhauses zu einer außerordentlichen Versammlung zum Gedenken an ihre von einem rechtsextremen Fanatiker getötete Kollegin Jo Cox. "Wir treffen uns in herzbrechender Traurigkeit, aber auch in Solidarität", sagte der Speaker of the House, John Bercow. Er brachte damit auch die radikale Umkehr jener kontroversen Stimmung auf den Punkt, die die letzten Wochen vor dem am Donnerstag anstehenden Referendum zur EU-Mitgliedschaft Großbritanniens gekennzeichnet hatte. Er sprach von einer "Attacke auf unsere Freiheit", Labour-Chef Jeremy Corbyn wiederum erinnerte an die Verantwortung des Hauses, keinen Hass zu schüren, während Cameron seiner ermordeten politische Rivalin vollmundig Tribut für ihr Engagement zollte: "Ihre Politik war von Liebe inspiriert."

UKIP-Chef Nigel Farage, selbst kein Abgeordneter, mochte sich zwar von außerhalb lautstark beschweren, dass Premier Cameron den Mord an der respektierten jungen Pro-EU-Aktivistin für seine Zwecke nütze. Doch der Wind der öffentlichen Meinung bläst ihm nun merklich ins Gesicht. Großbritannien bleibt ein Land mit großem Bedürfnis nach Harmonie und Mäßigung. Der Mord passt damit nicht zusammen.

Übers Wochenende haben sich die Umfragen dementsprechend in Richtung einer Mehrheit gegen den drohenden Brexit(Austritt aus der EU) gedreht. Gleichzeitig machten ein paar große Namen für den Verbleib in der EU mobil, darunter Richard Scudamore, der Vorsitzende der Fußball-Premier League, und Richard Branson, der populäre Begründer des Virgin-Business-Emporiums. Letzterer warnte vor "niederschmetternden Folgen" für die britische Wirtschaft".

Wesentlich war aber auch der Seitenwechsel der bisher für Brexit eintretenden Baroness Sayeeda Warsi. Die Tochter pakistanischer Einwanderer sagte, die Anti-EU-Kampagne werde von "Lügen und Fremdenfeindlichkeit dominiert" und habe so ihre Unterstützung verloren.Die öffentliche Meinung hatte sich lange Zeit solchen Warnungen gegenüber erstaunlich resistent gezeigt. Doch das lag am Sog der Brexit-Euphorie, und die wurde vom Trauma jenes Gewaltverbrechen am letzten Donnerstag jäh eingebremst.

Wettbüros: "Remain"

Und schon sehen die Buchmacher die Chancen für einen EU-Verbleib bei rund 80 Prozent, auch die Börsenkurse und Devisenmärkte haben bereits reagiert. Nach dem tiefen Fall des Pfund während des Höhenflugs der Brexit-Anhänger vergangene Woche stieg er gestern wieder um 3 Cent gegen den Dollar; der höchste Anstieg seit anderthalb Jahren. Der britische Leitindex FTSE legte 2,5 Prozent zu, aber auch der EuroStoxx50-Index stieg um 3, der Dax gar um 3,2 Prozent. Eine "Erleichterungsrally", wie der deutsche Marktstratege Heino Ruland kommentierte.

Noch ist das britischen Referendum freilich nicht gelaufen. Heute Abend wird in der Wembley Arena in London vor 6000 Zuschauern die bisher größte Debatte zum EU-Referendum stattfinden. Für die Brexit-Fraktion wird dabei unter anderem der Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson auftreten, ihm gegenüber pikanterweise auch sein Nachfolger Sadiq Khan. Selbst ein Johnson wird es schwer finden, unter diesem tragischen Umständen mit seinem sonst so typischen Humor zu punkten.

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